
Mein Berufsziel 1940 : Marineoffizier
Die vormilitärische Ausbildung für die Marine ist perfekt.Schon im Sommer 1940 erhalte ich einen Lehrgangsplatz auf der Reichssportschule der HJ „Gorch Fock“ in Prieros. Im Wald an einem herrlichen See gelegen bietet der Neubau alles, was einen jungen Menschen, der zur Marine will, begeistern kann. Wir wohnen in großen Gemeinschaftsräumen mit Doppelkojen. Um 6.00 Uhr früh wird mit „Raise,raise“-Pfiffen geweckt. Ausbilder sind kantige,ältere
Unteroffiziere aus der Reichswehrzeit, die uns schleifen wie in der Rekrutenausbildung auf dem Dänholm. Frühsport, Waschen, ein kräftiges Frühstück und dann geht es hinaus zum Kutterpullen. Stundenlang exerzieren wir die Kommandos: „Klar bei Riemen!“, „Riemen bei!“,“Ruder an!“ „Riemen Hoch!“ usw. Zwischendurch wird gepullt, bis einem das Wasser im Hintern kocht und unter den Schwielen an den Handflächen eine stabile Hornhaut ge-wachsen ist. Dann geht es zum Exerzierplatz und es heißt „Enter auf!“ Wie die Affen klettern wir an den Wanten auf die Rah hinauf und nehmen dort Paradeaufstellung .Signalausbildung mit Flaggenkunde, Winkern und Morsen füllt den Abend aus. Ohne den Gedanken an eine Art Freizeit fallen wir schließlich todmüde in die Kojen. Nach drei Wochen legen wir die Prü-fung für einen
A-Schein ab und tragen an der Marineuniform nun stolz einen roten Winkel.

Hier machte ich meinen A-Schein 1940
Was Wunder, daß wir voller Begeisterung für die Marine sind! Wir fiebern dem Tag entgegen, wo wir uns in der Kriegsmarine bewähren können und haben nur eine Sorge: Hoffentlich kommen wir nicht zu spät! Frankreich liegt am Boden, Norwegen ist besetzt und die Sondermeldungen über Versenkungserfolge der U-Boot werden nahezu in jeder Woche mit schmetternden Fanfahrentönen im Radio angekündigt.
Im Spätsommer 1940 kommen die siegreichen Truppen aus Frankreich in die Garnison Posen zurück.Wir stehen am Straßenrand und grüßen jubelnd die immer neuen motorisierten Ver-bände , die an uns vorbeirollen. Auf den Geländewagen Männer und Jungen mit strahlendem Gesicht. Frankreich besiegt, und das in wenigen Wochen! Niemand zweifelt daran, daß wir den Krieg so gut wie gewonnen haben.
Ich bewerbe mich bei der Marine für die See-Offiziers-Laufbahn. Im April 1941 werde ich zu einer Eignungsprüfung auf die Hanseatische Yachtschule in Glücksburg einberufen. Es ist ein dreiwöchiger Segellehrgang. Zehn Tage segeln wir auf Jollen. Dann folgt ein Seetörn von acht Tagen auf einem großen Schoner. Bei steifem Nordost geht es aus der Förde hinaus in die freie Ostsee. Wir schieben unter Vollzeug tüchtig Lage. Mit donnerndem Krachen schlagen die mannshohen Wasserberge auf das Vorschiff, wenn der Bug von einer See ins Wellental hinab schießt und nicht schnell genug auf die nächste Woge emporklettern kann.Mit Lifebelt angeschnallt sitze ich im Cockpit. Mich erfaßt ein Glücksgefühl, das die Brust zu sprengen droht. In Schleimünde wollen wir ruhigeres Wetter abwarten. Aber am nächsten Tag hat der Sturm noch aufgefrischt und voll auf Ost gedreht. Wir müssen heim und voll gegenan durch die enge Ausfahrt kreuzen. An der Pier setzen wir im Wind liegend alle Segel. Knattern flat-tert das Zeug um unsere Ohren. Dann werden alle Leinen bis auf die Achterspring sekunden-schnell losgeworfen. Das Schiff nimmt rasch Fahrt auf. Mit dem Enterbeil kappt der Skipper die Spring. Kurz vor der Mole heißet es „Klar zum Wenden! Ree!!“ Mitten in der Einfahrt nehmen wir Fahrt auf dem anderen Bug auf und zischen durch die Grundsee, die sich drohend vor uns aufbaut. Im freien Wasser wird sofort gerefft.

Auslaufen aus der Schlei bei Oststurm April 1941
Die klammen Finger krallen sich in das steife Tuch. Endlich können wir nach Norden abfallen und Kurs auf die Flensburger Förde nehmen. Unser Obermaat nimmt mich beiseite, schenkt mir eine Tasse mit Rum ein und sagt: „Das war in Ordnung, Brunowsky. Aus ihnen wird mal ein brauchbarer Marineoffizier.!“ Was ich nicht weiß: Unser Gruppenführer ist Dipl.Psychloge und als Reservist zur Marine einberufen, um uns zu prüfen. Ich kann an nichts anderes mehr denken, als daran, daß ich nun meinen Traumberuf ergreifen darf.
Am letzten Tag veranstalten noch ein paar Kapitäne einen „Eignungstest“ mit uns. Wir werden gefragt, wie viele Klimmzüge wir uns zutrauen. Ich lege auf meine Bestleistung einen drauf und melde dreizehn: „Dann wollen wir jetzt vierzehn Klimmzüge von ihnen sehen!“ Was schafft der Mensch nicht alles, wenn er zur Marine will. Ein anderes Verwirrspiel ist es, auf Signale mit dem Daumen das rechte Bein oder die linke Hand zu heben und dabei Rechenauf-gaben zu lösen.„dreinundneunzig Primzahl oder nicht?“ Ich schaffe nicht alles aber bleibe ge-lassen. Das wollen sie sehen, nicht die richtige Lösung. Mit gutem Gefühl fahre ich heim . Gesundheitlich bin ich fit, alle Zähne sind heil , die Seeschärfe ist in Ordnung und farbenblind bin ich auch nicht. Wenn bloß der Krieg noch lange genug dauert, bis ich an die Front kann!
Ich besuche noch einen Lehrgang der Marine HJ in Ziegenort. Auf einem Segelschulschiff, das allerdings an der Pier liegt, machen wir den B-Schein. Drei Wochen lang werden wir ge-drillt. Wir schlafen wie an Bord. Früh um sechs stehen wir mit gezurrter Hängematte an Oberdeck. Es ist eine für die spätere Kadettenzeit höchst nützliche Kunst, die Matraze in der Segeltuchmatte so fest einzurollen, daß sie im Wasser schwimmen würde.Frühsport, Kutter-pullen, Seemannschaft, Segel nähen, Wurfleine werfen, Knoten und Spleißen stehen auf dem Programm. Drei Wochen Drill wie bei der Marine!. Ich kann jetzt inzwischen schon so gut winkern und morsen wie ein Signalgast. Die Prüfung für den B-Schein ist bestanden!
Stolz nähe ich mir den zweiten roten Winkel an die schmucke MHJ-Uniform, die ich nun zweimal in der Woche anziehe, wenn wir Heimabend haben.
Höhepunkte sind Sportfeste in Breslau und Litzmannstadt, wo ich in blauer Uniform auch bei den Mädchen Erfolge habe. Romantik im Mondschein! Brieffreundinnen und zwei Fotos
für den Spind. Auch das gehört für mich zu denVorstellungen vom Marineleben.
In der Schule fahre ich nur noch ein paar gute Noten für das Abschlußzeugnis ein. Eine Prü-fung für das Abitur findet nicht mehr statt. Berufsoffizieranwärter bekommen bei Einberufung zum Wehrdienst einen Reifevermerk. Versetzung in die achte Klasse genügt.
Die Ausbildung zum Seeoffizier in den Kriegsjahren 1941 bis 1943

Matrose OA Brunowsky 1941
Das Wort Berufung ist sicher eine Nummer zu groß für meine Empfindungen damals. Aller-dings habe ich mich inzwischen so auf meinen Berufswunsch eingestellt, daß es buchstäblich kein anderes Ziel für mein Leben mehr gibt, als Marineoffizier zu werden. Ein Staat, der mir diesen Werdegang ermöglicht, verdient meine ganze Hingabe und all meinen Idealismus. Wie sollten wir Freiwillige auch nur einen kritischen Gedanken daran verschwenden, daß dieses Großdeutsche Reich ein Unrechtsstaat sein könnt.
Am Bahnhof in Stralsund empfangen uns die schnarrenden Stimmen von einigen Unteroffi-zieren. „Die Rekruten, die zur siebenten Schiffsstammabteilung einberufen sind, auf dem Bahnsteig der Größe nach antreten!“ Wir flitzen wie die aufgescheuchten Hühner durcheinan-der. „Los,los! Weiter nach achtern sie Flottenfurz!“....“Aus solchen Schrumpfgermanen sollen wir nun Soldaten machen !?“
Wir schreiben den 1.Oktober 1941, als die Crew X/41 zum Dänholm einrückt. Das Antreten auf dem Bahnsteig klappt, denn das haben wir schließlich alle in der HJ gelernt. Ich kann mir nicht vorstellen, daß irgendeiner nicht in der Hitlerjugend gewesen sein könnte. Allerdings gab es nicht überall eine Marine-HJ. Doch die Kommandos waren bei allen Verbänden der Partei identisch mit denen der Wehrmacht. „Rechts um, ohne Tritt folgen!“
Die Kolonne bewegt sich aus dem Bahnhof hinaus durch die Stadt. Mit unseren Zivilanzü-gen und Persilkartons geben wir kein besonders militärisches Bild ab. Aber man kennt das hier. Alle Offizieranwärter der Marine haben in Stralsund ihre ersten militärischen Gehversu-che gemacht.
Dann sind wir in der Kasernenanlage. „Abteilung halt! Links um, rührt euch!“ Wir werden nach langem Warten namentlich aufgerufen und unseren Kompanien zugeteilt. Ich mache mich bei der Einteilung in Züge und Gruppen etwas größer, indem ich mich auf die Zehen-spitzen stelle. So schaffe ich es, mit Hänschen Buchholz auf die gleiche Stube zu kommen.
Klamottenempfang auf der Kleiderkammer. Lange Gesichter: Wir erhalten nur feldgraue Uniformen. Landgang in Blau gibt es erst, wenn wir gehen, stehen und grüßen können, was man uns in etwa vier Wochen beizubringen hofft. Mit einem Seesack voller Sachen stehen wir vor den Spinden. Obermaat Scholz, unser Gruppenführer, hat genaue Vorstellungen darüber, wie ein gebauter Spind auszusehen hat.Bei der HJ hat man mir den Trick beigebracht, einen steifen Pappstreifen in jedes Wäschestück zu falten, so daß die Vorderkante senkrecht steht. Der Stapel liegt im Fach wie aus Gips gegossen. Scholz bleibt bewundernd vor meinem Spind stehen. Er stellt nur lächelnd fest, daß ich zwei Mädchenfotos an die Spindtür gepinnt habe. Dann geht er weiter und reißt wortlos alles aus den Spinden meiner Kameraden heraus, was nicht nach seinen Vorstellungen gebaut ist.
Beim Kojenbau weiß ich, daß man die gewünschte Stufenform erzielt, wenn man den Kopf-keil umgekehrt unter die Decke baut.Ich helfe Hänschen Buchholz, so daß auch ihm das Ein-reißen seiner Koje espart beleibt. Heraustreten zum Abendessen. Natürlich wird angetreten und zur Kantine marschiert. Während der Dienstzeit wird grundsätzlich nur gelaufen.
Auf dem Dienstplan steht „Formaldienst“. Das bedeutet Antreten, Ausrichten, Stillstehen, Rühren, Grüßen mit und ohne Kopfbedeckung und das allein oder zu zweit. Wenn zwei von uns gleichzeitig grüßen, muß einer „Zzzzt“ zischen, worauf beide den Kopf gleichzeitig he-rumreißen. Wir nennen dies „Ehrenbezeigung durch Erschrecken“. Der Einfallsreichtum der Unteroffiziere ist grenzenlos. So staunt unser Kompaniechef, Kapitänleutnant Schnibbe, nicht schlecht , als sich zwei Rekruten in Hockstellung hintereinander gehend nähern. Der Chef will wissen, was das soll. „Herr Kaleu, die üben gerade Ehrenbezeigung auf dem Tandem!“
Schnibbe kann sich das Lachen kaum verkneifen.
In der zweiten Woche üben wir den Stechschritt für den Parademarsch. Als ich Schwierigkei-ten mit dieser Fortbewegungsart bekomme, muß ich auf eine Mülltonne klettern und in alle vier Himmelsrichtungen laut rufen: „Matrose Brunowsky. Ich bin zu dämlich, ich werd es nie begreifen!“ „Nochmal nach Süden!“ Aber auch selbstironische Sprüche haben die Korporäle drauf: „Glauben sie ja nicht, wen sie vor sich haben! So dumm wie sie bin ich schon lange!“ oder :“Wenn sie glauben, sie haben hier einen Idioten vor sich, dann sind sie bei mir aber an den Richtigen gekommen!!“ Schön ist auch: „Wenn sie meinen, sie könnten mir auf dem Kopf herumtrampeln, dann sind sie aber auf dem Holzweg!“ Wehe, jemand verzieht seine Miene zu einem Lachen dabei! Ein beliebter Scherz ist es, zu befehlen: „Melden sie sich bei Obermaat Sommer und lassen sie sich umficken!“ Die Ausführung ist eine Katastrophe: Man hat das Wort noch nicht ausgesprochen, da liegt man schon im Dreck. „Sie ungebildeter Fle-gel! Wie wagen sie es mit einem anständigen Unteroffizier zu reden...!“
Sport haben wir bei unserem Zugführer, einem schneidigen Oberleutnant. Er hat den Ehrgeiz, bei der Abschlußbesichtigung seinen ganzen Zug in schnellem Lauf mit einem Salto über den Tisch vorzuführen. Auf dieses Ziel hin werden wir wochenlang systematisch gedrillt. Hecht-rolle auf den Tisch, Überschlag über den Tisch, Rolle ohne Handaufsetzen, Rolle über einen Medizinball auf dem Tisch und schließlich der Salto. Wir schaffen es bis zur Besichtigung ohne Ausnahme und der Oberleutnant erwartet Pluspunkte beim Admiral!
Waffenunterricht: Wir müssen die Themen wörtlich auswendig lernen. Das klingt dann so: “Gruppe stillgestanden! Thema: Das Gewehr 98. Gruppe rührt euch. Das Gewehr 98 wurde im Jahre 1898 als kriegsbrauchbare Hieb-, Stich- und Schußwaffe in Heer und Marine einge-führt.“ Hier muß eine Pause für den Obermaat eingelegt werden. Scholz bläht sich auf und fragt: „Warum nicht in der Luftwaffe?“ „Weil es die Luftwaffe damals noch nicht gab, Herr Obermaat!“ Innerlich grinsend machen wir diesen Zirkus mit. So kann man auch dem letzten Fischerburschen technisches Wissen einbläuen.
Obermaat Scholz hat den Ehrgeiz, mit seiner Gruppe den besten Griff der Kompanie zu klop-fen. Gewürdigt wird der Knall mit der rechten Hand am Kolben, wenn die Knarre auf der Schulter angekommen ist. Verschmitzt grinst der Korporal, wenn das bei uns besser klappt, als bei den anderen. Eines Tages baut er uns vor Obermaat Sommers Gruppe auf und prahlt: „Nun zeigt mal diesen Hilfsnasenbohrern, wie ein Griff bei uns klingt.“ Das Kommando er-tönt: „Das Gewehr über!“ Ein harter Knall begleitet die perfekte Ausführung. Aber unserem Gruppenführer schwellen die Zornesadern an den Schläfen. „Das soll ein Griff sein? Ihr blamiert mich vor meinem Kameraden! An den Horizont! Marsch,marsch! Hinlegen! Auf marsch, marsch! Dafür mach ich euch fertig!“ So geht es bis an den Rand des Exerzierplat-zes. Als wir hinter den Büschen verschwunden sind, heißt es: „Herumschließen! Jungs das war prima! Und nun legt Euch hier hinter die Büsche und schaut zu, wie der Sommer gleich seine Gruppe schleifen wird!“
Es geschieht alles mit einem Zwinkern im Auge und lockert den sturen Formaldienst auf. Nur wenn wir unsere Unteroffiziere bewußt ärgern, wird es hart. Wir provozieren Scholz, indem wir nicht, wie befohlen, um den Kasernenblock laufen, sondern uns dahinter verstecken. Rechts und links lauert ein Posten. Wenn der Gruppenführer in Sicht kommt, wetzen wir um die Ecke. Schließlich kreisen uns zwei Korporäle ein. Und nun geht es mit Gasmaske ins „Tal der Tränen“, einem Einschnitt zwischen zwei Höhenzügen im Übungsgelände. Kaum sind wir eingetroffen, heißt es „Gaaaas!“ In Sekunden sind die Gasmasken aufgesetzt. und nun geht es rund. „Auf dem Hügel antreten!“ „Auf der anderen Seite antreten!“ Wir stürmen so lange hin und her, bis der erste liegenbleibt. Aber als man ihm die Gasmaske abnimmt, ist er schnell wieder da. „Gasalarm beendet!“ Wie gut kann frische Luft schmecken! Wir erproben so unsere Grenzen.
Kutterpullen ist dagegen eine Erholung. Das habe ich bei der HJ gelernt. So bekomme ich keine Blasen an den Händen. Auch im Signaldienst bin ich gut. Die vormilitärische Ausbil-dung trägt Früchte.
Endlich haben wir blaue Ausgehuniformen empfangen. Der erste Landgang führt zum Foto-grafen. Ich lasse je einen Abzug für die Familie und die beiden „Freundinnen“ fertigen, deren
Bilder bei mir im Spind hängen. Stundenlang werden die Urlauber vom UvD gemustert. Die Exerzierkragen müssen mit zwei Bändseln am schwarzen Knoten befestigt sein, und kunstvoll zur Schleife gebunden werden. Bequemer ist es, einfach ain Schleifchen an den Knoten zu binden. Aber wenn man mit so einer „Schummelfliege“ erwischt wird, ist der Landgang schon vor dem Kasernentor beendet.
Ich habe mir beim Hinlegen auf dem gefrorenen Boden ein Hämatom am linken Ellenbogen
eingehandelt. Im Revier fragt man mich, ob ich örtliche Betäubung will. Natürlich nicht! Also schneidet man mir bei lebendigem Leibe die Eiterbeule auf. Als Komplikationen eintreten muß ich ins Bett. Vor versammelter Kompanie melde ich mich mit baltischem Akzent ab: „Matrose Brunowsky meldet sich mit einer Blutvajiftung ab ins Revier. Dröhnendes Geläch-ter. Ich habe meinen Spitznamen weg. „Matrose Brunowsky mit der Blutvajiftung“ . Von diesem Tage an lerne ich Hochdeutsch zu sprechen.
Nach vier Monaten ist Besichtigung. Wir führen einem Admiral vor, was wir gelernt haben. Scholz wird für seinen Gewehrgriff und die auswendig eingeübten Unterrichtsthemen gelobt. Der Zugführer glänzt mit unserm Salto über den Tisch. Mit markigen Worten entläßt man uns zur Frontausbildung auf die Flotte. Nur 60 Kameraden bleiben mit langen Gesichtern ohne Kommando auf dem Dänholm. Darunter auch ich.
Am 12. Februar wissen wir, warum wir hier geblieben sind. „Scharnhorst“, „Gneisenau“ und „Prinz Eugen“ haben den Kanaldurchbruch geschafft. Unsere Vor-Crew mußte dazu als Flak-Bedienung an Bord bleiben, Jetzt kann der Wechsel erfolgen und wir bekommen unsere Marschbefehle nach Norwegen. Etwa gleichzeitig erfahren wir, daß unser ersten Kameraden auf dem Zerstörer „Bruno Heinemann“ bei einem Minenunternehmen gefallen sind.Wie sehr haben wir sie noch vor 14 Tagen beneidet!
Als der Reisetag naht, bekomme ich eine Angina und muß mit hohem Fieber ins Revier. Eine Woche später sitze ich im Zug nach Hamburg. Da ertönt in Rostock ein Lautsprecher: „Alle Urlauber und Dienstreisenden nach Norwegen hier aussteigen!“ Das kann doch nicht wahr sein! Ich bleibe im Zug. Mein Marschbefehl lautet eindeutig „über Hamburg“, das werde ich doch nicht gegen Rostock eintauschen, wenn es schon nicht weiter geht.
Es klappt! Niemand beanstandet meine Weiterfahrt nach Hamburg. Dort melde ich mich bei einem „Urlauberbataillon Norwegen“. Die Ostsee ist zugefroren, es gibt keine Fährverbin-dungen mehr über den Belt. Wir müssen abwarten. Als Unterkunft erhalten wir die Turnhalle einer Mädchenschule!.. Riesige Stapel Wolldecken lagern zwischen den Turngeräten. Morgens um 9.00 Uhr ist Musterung. Dann wird kurz Reinschiff gemacht und bis auf die freiwillige Teilnahme an den Mahlzeiten haben wir Hamburg-Urlaub täglich bis zum Wecken.
Mit zwei Kameraden ziehe ich los auf die Reeperbahn. Aus einem Lautsprecher tönt Musik auf die Straße: „Wenn ich liebe, dann bin ich glücklich und traurig, wenn ich liebe, lieb ich in Dur und in Moll“! Hinein ins Lokal. Alles voller Landser und nur Heißgetränk im Angebot. Das süße Zeug schmeckt nach Himbeeren und Chemie. Noch ist Hamburg heil und auch ver-dunkelt eine romantische Welt.
Am nächsten Tag fällt mein geschultes Auge auf einen netten Käfer. Obwohl die U-Bahn-Station „St Pauli“ heißt, ist es offenbar keine „Dame zweifelhaften Geschlechts“, wie sie un-ser Obermaat warnend zu nennen pflegte. Über einer schwarzen Winterjacke mit weiß gefüt-terter Kapuze lacht mich ein jungenhaftes Mädchengesicht an. Kess hängt ein freche Locke in die Stirn . Also nix wie ran ! „Entschuldigen sie bitte! Kennen sie sich hier in Hamburg aus...?“ Und ob! Ulla ist eine richtige Hamburgerin und begleitet mich von nun an täglich nach der Schule auf endlosen Spaziergängen durch winterliche Parks, Museen und andere Sehenswürdigkeiten. Als ich an einem Tag die Wolldecken in der Turnhalle bewachen muß, leistet mir die Kleine Gesellschaft. Ich genieße es, daß die Mädchen hier im Reich etwas we-niger prüde sind, als meine baltischen Freundinnen, bei denen der Weg ins Schlafzimmer nur über den Traualtar führt.
Nach vierzehn Tagen haben es die Eisbrecher endlich geschafft. Auf dem Bahnhof Altona bekomme ich einen heißen Abschiedskuß von Ulla und sie meine Feldpostnummer. Aber das versprochene Foto erhalte ich nicht, Auf zu neuen Ufern!
Über Fredericia fährt der Zug zur Eisenbahnfähre nach Nieborg. Drei Stunden dauert die Überfahrt von dort nach Korsör. Dann geht es über Kopenhagen nach Helsingör. Vor der Überfahrt nach Schweden werden unsere Waggons verplombt. Wir fahren als „Urlauber“ ge-tarnt durch neutrales Gebiet. Als die Fähre anlegt, sehen wir seit 1939 zum ersten mal wieder eine hell beleuchtete Stadt. Unsere Fenster bleiben verdunkelt und nur durch einen Schlitz am Rande des Rollos, können wir einen Blick auf das ungewohnte Bild riskieren. Der Zug rollt weiter über Oslo nach Drontheim.
Ich genieße meine Marschverpflegung aus Dauerwurst, Butter und Kommisbrot. Dazu gibt es in Norwegen wieder Kaffee auf den Bahnhöfen, den Rot-Kreuz-Schwestern ausschenken. Nach tagelanger Fahrt über Berge und Hochebenen erreichen wir Drontheim. Im Fjord keine Spur von Kriegsschiffen. Wie komme ich zum „Prinz“ ?
Ich schultere meinen Seesack und marschiere zum Hafen, wo ein Verkehrsboot bereit liegt, um
uns zu den Kreuzern zu bringen. Als die „Prinz Eugen“ in Sicht kommt, erhält meine Vor-freude einen Dämpfer: Dort, wo einmal das schöne schlanke Heck war, liegt jetzt ein Werk-stattschiff mit seinen Kränen. Ein Torpedotreffer hat den Achtersteven abgeknickt. Es wird also nichts mit Feindfahrten im Nordmeer und Seegefechten mit britischen Zerstörern.
Als ich die Jakobsleiter aufentere, bemerke ich, wie hoch das unterste Deck eines Kreuzers über Wasser liegt. Meinen Seesack muß ich mit einer Talje an Deck hieven. Ich frage mich nach dem Kadettenoffizier durch. Auf endlosen Irrwegen durch alle Decks erreiche ich die Kammer von Kapitänleutnant Reimann. Ein freundliches Gesicht lächelt mich an. Mit lässi-gem Gruß quittiert der KO meine Meldung. Ich darf ihm die Gründe für mein verspätetes Eintreffen darlegen. Unser Kaleu ist offenbar schwer in Ordnung. Weiter geht es in den Un-teroffizierraum zu unserem Gruppenführer, Obermaat Gundel. Er ist zugleich Geschützführer an der Flak, wo wir unsere Gefechtsausbildung bekommen sollen.
In der Bordbücherei wird mir ein Spind zugewiesen. Ungläubig schaue ich in das kleine Fach und auf meinen großen Seesack. Das soll alles da hinein? Hier wohnen wir mit 26 Offiziers-anwärtern, seit der Kadettenwohnraum im torpedierten Heck weg ist.
Mit Gejohle empfangen mich die Kameraden, die gerade vom Dienst kommen. Es herrscht eine unglaubliche Enge. Die Backen werden zum Abendessen heruntergelassen Mit Seesack und Hängematte bin ich allen im Wege. Man hilft mir, den Spind zu stauen. Ich erfahre, daß man das Seesack-Packen und Spindeinräumen bisher schon reichlich „geübt“ hat. Es ist eine beliebte Kollektivstrafe für die „Kackerlaken“, wenn sie den Unwillen der Ausbilder erregen.
Nach dem Abendessen haben wir Morsen. Das Tempo unseres Korporals lese ich ohne Mühe dank der Lehrgänge bei der Marine-HJ.
Es bleibt nur noch zu klären, wo ich meine Hängematte aufspannen darf. Wie die Heringe liegen meine Kameraden schon übereinander: Unten liegen welche auf den Backskisten, quer darüber eine Lage Hängematten für die Kurzen und in Längsrichtung unter der Decke eine Lage mit den langen Lulatschen. Jeder hat seinen Stammplatz. Zum Glück schafft der Lüfter den Mief einigermaßen weg. Der Munitionsaufzug, in dem schon ein paar Kameraden schla-fen, erweist sich als Geheimtip. Man muß die Matte nur so aufhängen, daß die vorbeikom-menden Lords der Stammbesatzung den Koten nicht slippen können, was eine beliebte Schi-kane ist.
Der Dienstplan ist abwechslungsreich, aber der Zeitplan so eng, daß wir uns an Bord ständig im Laufschritt bewegen müssen. Es gilt: „Einer für alle, alle für einen!“ Wenn jemand sich verspätet, läuft die ganze Kadettendivision eine Runde ums Schiff!
Breiten Raum nimmt das Kutterpullen ein. Auch noch nach Feierabend lassen sich Offiziere von uns an Land pullen. Die Fähnriche pullen zwar noch selber, aber falls ein paar Mann feh-len, borgen die Herren sich auch schon mal einige Kadetten aus. Natürlich läßt man sich nicht mit der Winsch in die Davits hochholen. Bis auf zwei Mann an den Taljen, muß die ganze Kutterbesatzung mit Kletterschluß an den Manntauen hochhangeln. Als einer von uns keine Kraft mehr hat und zu rutschen beginnt, verbrennt er sich die Handflächen und läßt los. Nur die dicke Schwimmweste verhindert Schlimmes, als er aufs Dollbord aufschlägt und ins Was-ser kippt. Obermaat Gundel kommentiert den Vorgang gelassen, als wir den pudelnassen Kameraden gefischt haben:„Mit etwas Schwund muß man immer rechnen.“

Schwerer Kreuzer Prinz Eugen - Gemälde von Kruse
Im Fjord liegen auch Zerstörer mit Crewkameraden . Die erzählen, wie ihr Kadettenoffizier beim Versuch, einem Zögling den Kletterschluß beeizubringen, selber baden ging. Der Junge hing wie ein nasser Sack über dem Wasser. Der Kutter war schon auf die andere Seite gefah-ren. Alles Erklären half nichts. So seilte sich der Oberleutnant auf die Höhe des Kadetten ab, um ihm das vorzumachen.„Beine anziehen, Tau über den Spann des rechten Fußes nehmen. Mit der linken Sohle festklemmen und Beine strecken!“ Es nutzte nichts. Inzwischen hatte der Dampfer Schlagseite , weil die halbe Besatzung an der Reeling zuschaute. Kadett und Offizier kamen dem Wasser immer näher. „Lassen sie ein Boot klarmachen!“ Natürlich ließ man sich Zeit bis es zweimal plumpste. Erst dann kam das Boot um die Ecke und rettete die beiden.
Die Reparaturarbeiten sind inzwischen so weit fortgeschritte, daß wir am 11.April eine Probe-fahrt im Fjord unternehmen können. Da wir noch nicht fitt sind, übernimmt die Stammbesat-zung während der Fahrt die Bedienung unserer Flak. Wir passieren ein paar mal Drontheim und gehen dann wieder hinter unseren Netzsperren vor Anker.
Die Fla-Bewaffnung auf der „Prinz Eugen“ ist beachtlich. Auf große Entfernung schießen sogar die 20,3 cm Geschütze der schweren Artillerie auf Torpedoflieger sogenante Zonenmu-nition. Die Granaten werden auf feste Entfernungen eingestellt, so daß sich acht turmhohe Wassersäulen vor den Torpedofliegern aufbauen. Da durchzufliegen ist für eine Swordfisch tödlich! Die schwere Flak, an der wir ausgebildet werden, hat zwölf 10,5 cm Rohre in sechs Doppeltürmen Die leichte Flak legt mit zwölf 3,7 cm Geschützen und sieben 2 cm Vierlingen eine Feuerglockeüber den Nahbereich, so daß es schon ein tödliches Risiko ist, uns auf Tor-pedo-Abwurf-Distanz anzufliegen.
Wir Offizieranwärter besetzen zwei 10,5 cm Flak-Türme als Geschützbedienung. Nur die bei-den Richtschützen für Höhe und Seite werden von der Stammbesatzung gestellt. Bis wir den Salventakt 6:3 drauf haben, wird täglich stundenlang geübt. Hinein mit den Granaten in die Zünderstellmaschine.Nach drei Sekunden Klingelzeichen. Laden und alle sechs Sekunden eine
Salve. Leere Kartuschen auffangen. Und schon stehen die nächsten Kadetten zum Laden bereit. Ich sitze an der Seite im Turm und muß zwei Zeigerpaare in Deckung halten. Die Werte bekomme ich vom vorderen Kugel-Flak-Leitstand, wo ein Entfernungsmesser kardanisch aufgehängt ist. Stampft oder schlingert das Schiff, dann muß ich meine Zeiger nachdrehen.Vor Anker bewegt sich bei mir nichts und ich schiebe einen ruhigen Lenz, während die langen Kerls als Ladenummern mit ihren Übungsgranaten ganz schön schwitzen. Auch die haben ein ganz schönes Gewicht.
Beim Geschützreinigen entriegele ich einen Schlagbolzen, der unter Federdruck steht, so un-geschickt, daß mir der Bolzen gegen den vorspringenden Schneidezahn fliegt. Der Zahn wird abgeschliffen und die Vorderzähne eher ansehnlicher dadurch. Ein Treffer im Nasenloch hät-te böse enden können.
Erstes Übungsschießen. Eine Luftwaffenmaschine schleppt einen roten Sack hinter sich her. Die Flak ballert los. Drei Salven vom Backbord I. Geschütz, dann kommt der Luftsack herun-ter. Jetzt sind wir dran. Die Flieger quälen sich damit, einen neuen Zielsack auszubringen. Wieder fünf Salven, und ein Splitter durchschlägt das Schleppseil. Als auch der dritte Luft-sack abgeschossen wird, gibt der Pilot auf. Mehr Scheiben hat er nicht an Bord.
Am Freitag dem 17. April müssen wir unsere „Kadettenprüfung“ ablegen.Das ist halb so schlimm, denn die Texte können wir auswendig, so oft haben wir „Benehmen an Bord“ oder „Seemannschaft“ gepaukt, in unsere Kladden geschrieben und aufgesagt.
Spleißen, Knoten und Signaldienst laufen noch besser. Die Korpräle machen trotzdem eine große Schau daraus, wer von „Euch Primitivlingen und Bumsköpfen“ es wohl geschafft haben könnte. Natürlich fällt keiner von uns durch!
Am 20. April ist es dann soweit: Es wird „Alle Mann voraus“ gepfiffen und die Besatzung tritt auf der Back an. Hier spricht Kapitän zur See Brinkmann ein paar Worte zu uns . Dann heißt es „Kadettendivision vor der Kajüte antreten!“ Kommandant und I.Offizier beglückwünschen jeden einzeln zur Ernennung zum Seekadetten. Am Nachmittag fahren wir mit unseren Leutnants und Korporälen nach Drontheim. Im Hotel „Phönix“ ist ein Raum für uns reserviert. Auf dem Tisch stehen frische Rosen und zum Essen wird Wein serviert. Als auch der I.O. und weitere Offiziere hinzukommen, spüren wir, daß wir jetzt in die Gemeinschaft der Marineoffiziere aufgenommen sind.
Mit allerhöchster Genehmigung verpassen wir das letzte Routineboot um 0.30 Uhr. Aber den hohen Dienstgraden gelingt es, einen Marineschlepper für die Heimfahrt von dieser Beförde-rungsfeier zu chartern. Am nächsten Morgen dürfen wir noch eine Stunde länger in der Koje bleiben. Es hilft wenig, aber mit ein paar Runden Kutterpullen sind wir bald alle wieder hell wach.
Stolz tragen wir nun alle den natürlich sofort aufgenähten Seestern auf Uniformhemden und Collani. Sonst sind unsere Gelegenheiten, an Land zu gehen, eher spärlich. Es gibt in Dron-theim zwar einen sehenswerten Dom, aber uns interessieren eher die kulinarischen Genüsse, Es ist doch ein Unterschied zwischen den selbst geschälten Kartoffeln an Bord und einer Speisekarte, auf der man Schneehuhn mit Gemüse oder ein Steak vom kleinen Wal“ wählen kann.
Nach dem Übungsschießen sind wir eine vollwertige Geschützbedienung. Am 28.April ertönt in der Nacht die Alarmklingel: „Trr trr trrrrr trr“! Fliegeralarm! Raus aus der Hängematte! Mit den Klamotten über dem Arm stürzen wir an Oberdeck zu unserer Flak. Das Geschütz wird klar gemacht. Aus dem Munitionsaufzug kommen schon die scharfen Granaten. Erst jetzt ist Zeit, die mitgebrachten warmen Sachen überzuziehen,
Bald ertönt schon das Brummen der Moskito-Bomber. Die leichte Flak auf den Bergkuppen beginnt zu ballern. Die Leuchtspur verzaubert den Fjord. Ein grandiose Feuerwerk! Wir grei-fen nicht ein, um unseren Liegeplatz nicht zu verraten. Auf dem Liegeplatz der Scheer rummst es. Erst vor ein paar Stunden ist sie nach Norden ausgelaufen. Ein Vierling auf dem nahege-legenen Berg schießt auf eine tief fliegende Maschine. Die Leuchtspur nähert sich unseren Aufbauten. Plötzlich schießt unser Vierling aus dem Schwalbennest am Schornstein zurück. Die Flak an Land bemerkt den Fehler und schwenkt den Feuerstrahl über den Prinz hinweg wieder auf die Moskito.
Es fallen noch einige Bomben an Land, dann wird das Brummen leiser und schließlich ertönt der Lautsprecher: „Flakalarm beendet, Wecken für die Flak um 7.00 Uhr!“ Aufgedreht aber müde falle ich in die Koje, als der Munitionsaufzug endlich aufgeklart ist, so daß ich die Hän-gematte wieder festzurren kann.
Am 29.April steht „Klar Schiff zur Übung“ auf dem Dienstplan. Den ganzen Nachmittag fahren wir Gefechtsbilder. Ein Treffer nach dem anderen wird durchgespielt. Die Besatzung tobt auf immer neuen Rollenstationen durchs Schiff. Wir Kadetten haben nur unsere Ge-fechtsrolle. Aber jeder von der Stammbesatzung hat eine Karte, auf der festgehalten ist, was er bei Feuer, Wassereinbruch, Artilleriegefecht u.s.w zu tun hat. Und das wird heute geübt, bis es in Bestzeit klappt.
Am Sonntag dem 10.Mai 1942 ist für 8.00 Uhr „Seeklar“ befohlen. Wir setzen unseren Kutter ein und gehen gleich auf Gefechtsstation. Quietschend bewegen sich die Glieder der Anker-kette.durch die Klüse. „Aus dem Wasser!“ meldet der Befehlsübermittler zur Brücke hinauf. Die Maschinen nehmen Fahrt auf. Ein leises Vibrieren geht durch das Schiff. Unbekannte Fjorde rauschen vorbei. Wenn wir für kurze Zeit Höchstfahrt laufen, schiebt der Kreuzer eine gewaltige Bugsee vor sich her. Mein Herz schlägt vor Begeisterung bis zum Halse.
Auf dem Achterschiff übt die Spillbesatzung Ruderlagen. Die beiden Taljen zu den Rudern müssen bei jeder Runde ums Spill zweimal übersprungen werden. Auf die Spillmaschine ver-läßt sich der Alte im Ernstfall lieber nicht! Aber dieses Gehüpfe sieht so lächerlich aus, daß böse Zungen behaupten, anfliegende Torpedoflieger könnten bei dem Anblick vor Lachen nicht zielen.
Gegen Abend sind wir wieder auf dem Ankerplatz. Die Behelfsruder haben sich bewährt. Wir können den Durchbruch wagen.
In einem Allemannsmanöver wird das Schiff neu gepönt. Wir erhalten den Tarnanstrich der Hipper, die ihrerseits mit dunkelgrauem Kleid den Liegeplatz mit uns tauscht. Es sieht so aus, als ob wir am nächsten Morgen noch unter den Kränen des Werkstattschiffs gammeln.
Es ist Sonnabend der 16.Mai 1942. Um 11.00 lichten wir die Anker. Wir sind an unserer Flak auf Kriegswache, als der I.O. bekannt gibt, daß es nach Kiel geht. Der Jubel ist groß. Aber natürlich wird der Tommy sich nicht täuschen lassen und versuchen uns auf dem Weg in die Heimat abzufangen.
Wir fahren mit hoher Fahrt durch malerische Schären. Um kurz vor 16.00 Uhr wird das An-kerspill auf Handbetrieb umgeschaltet. Beim Umschalten macht jemand einen falschen Handgriff. „Ruderversager!“ Wir steuern auf eine Felswand zu. „Alle Maschinen AK zu-rück!“ Es geht nochmal alles klar! Ab jetzt wird nur noch ohne Spillmaschine gefahren. Die Nacht bricht herein und wir bleiben an der Kanone. Obwohl wir uns warm angezogen haben, kommen wir ganz schön ins Bibbern. „Ein Seemann friert nicht; der zittert höchstens vor Wut, weil es so kalt ist!“ Unser Obermaat schmunzelt. Wir laufen abgeblendet mit 24 Knoten durch die Schären. Schemenhaft fliegen die kleinen und großen Inseln an uns vorbei. Oft scheinen sie zum Greifen nah. Noch vor Mitternacht haben wir Stadtlandet umrundet.

Nachtfahrt durch die Schären 17.5.1942
Atemberaubend nah geht es immer wieder an hohen Bergen und Klippen vorbei. Aber uns ist klar, daß wir hier sicherer sind als in der freien Nordsee.
Um Mitternacht gibt es heiße Suppe und Schoka-Cola. Das macht wach! Bald wird es auch schon wieder hell und die Bergkuppen leuchten im Morgenrot während die Schäfchenwolken ihr rosa Kleid schon gegen strahlendes Weiß einzutauschen beginnen. Sollen wir uns über das schöne Wetter freuen? Auf jedenfall müssen wir hier mit Aufklärungsmaschinen des Tommys rechnen. Alle Auge suchen den Himmel danach ab.
Aus irgendeinem Grund ist der Karmansund gesperrt. Minen oder Seestreitkräfte? Wir erfah-ren es nicht, warum wir plötzlich einen Ausflug in den Hardangerfjord machen. An den Berg-hängen sehen wir die Obstbäume blühen, die hier im Golfstrom-Klima offenbar prächtig ge-deihen. Wir sind mit der Fahrt heruntergegangen. Es kommt Frühlingsstimmung auf. Die Sonne wärmt. Um 16.35 meldet der B-Dienst, daß ein Aufklärer uns gesichtet hat. Jetzt wird der Zauber losgehen, sobald wir aus den Schären heraus müssen.
Gegen 20.00 Uhr stehen wir in der freien Nordsee vor Lister, als die Torpedoflieger schon da sind. Sie fliegen von achtern an, teilen sich und versuchen einen Zangenangriff. Ich werfe einen Blick aus meinem Turm und sehe sie hinter uns wie einen Hornissenschwarm tief über dem Horizont anfliegen. Da erzittert das ganze Schiff unter den Salven der schweren Artille-rie. Haushohe Wasserfontänen bauen sich vor dem Verband der Torpedoflieger auf, der sich nach kurzem Durcheinander neu ordnet. Die Flak hat noch keine Feuererlaubnis.
Während der Kreuzer hart in die Kurve geht, ertönt es „Backbord II. Feuer frei!“ Das Schiff legt sich beim Kurswechsel so hart über, daß ich meine Zeiger noch nicht in Deckung habe, als die erste Salve mit bellendem Knall heraus geht. Ich habe das Gefühl, als wäre ich Schuld daran, wenn die erste Granate nicht trifft. Aber sechs Sekunden später stimmen meine Schuß-werte mit der Vorgabe überein. Fieberhaft drehe ich weiter an meinen Kurbeln. Im Salventakt
sausen unsere Flakgranaten alle sechs Sekunden dem Gegner entgegen. „Halt, Batterie halt!“
heißt es für uns, während die leichte Flak ihren Feuerzauber fortsetzt.
Die letzten beiden Granaten sind noch im Rohr. „Aufpassen beim Entladen! Die Zünder sind scharf!“ Seekadett Metzler, der leeren Hülsen auffangen soll, läßt eine Granate fallen! Zum Glück geht sie nicht hoch. Ich schaue aus meiner Panzertür hinaus und sehe, einen Torpedo-flieger unmittelbar querab steil mit einer Linkskurve abdrehen. Senkrecht stehen die Tragflä-chen als riesige Zielscheibe neben dem Kreuzer. Die Leuchtspurmunition der Vierlinge frißt sich in das Flugzeug hinein und schon fangen die Treibstofftanks an zu brennen. Noch ein paar hundert Meter, dann sehe ich den Aufschlag auf dem Wasser. Eine riesige Explosion löscht ein paar tapfere Männer aus. Wahnsinn, so nah an uns heranzukommen, denke ich.
Neben dem Schiff sehen wir die Laufbahnen von zwei Torpedos, denen wir ausweichen konn-ten. Insgesamt werden 30 Torpedolaufbahnen gemeldet: Die letzten manövriert der Alte mit einem AK-Zurück-Manöver aus. Auf der Brücke erinnert Brinkmann daran, daß die Minen-sucher immer weich in den Knien federn, wenn es knallt. Als die Aale 10 Meter vor dem Bug vorbei rauschen, schiebt er seine Zigarre in den anderen Mundwinkel.
Sechs deutsche Jäger greifen ein und halten uns die gleichzeitig eingesetzten Bomber vom Hals. Wir müssen das Flakfeuer unterbrechen, um nicht eigene Kameraden zu gefährden. Torpedoboot T 12 meldet zwei Abschüsse. Sogar unsere Arado hängt sich an einen beschädig-ten Torpedoflieger und holt ihn herunter. Ganze zwei von zwanzig Bombern kommen noch zum Abwurf. Aber die Einschläge liegen weit ab. Am Ende der Laufstrecke detonieren
Torpedo-Fehlschüsse z.T. nur 300 Meter entfernt. Um 21.27 Uhr ist der Spuk beendet. Das Schiff setzt unbeschädigt seinen Marsch durch den Skagerrak fort. Wir begegnen der Lützow, die auf dem Weg nach Norden unbehelligt bleibt, weil alle verfügbaren Mittel des Gegners gegen „Prinz Eugen“ eingesetzt waren.
(Vgl. Paul Schmalenbach, Schwerer Kreuzer Prinz Eugen, Herford, 1982, S. 191 f)
Als wir am nächsten Morgen in Kiel einlaufen, stehen wir mit unserer Luftschlacht schon in der Zeitung. Wir sind stolz wie tausend Russen und schießen gleich am ersten Abend an Land . Es genügt anzudeuten, daß man vom „Prinz Eugen“ ist, um sich von den Kieler Mädchen bewundern zu lassen. Wir nutzen das reichlich aus und haben so gleich unsere Betreuung für die lange Werftliegezeit gesichert.
Die ersten Tage in Kiel sind ausgefüllt mit Munitionsabgabe, Reinschiff und Zeugdienst, um unsere vergammelten Klamotten wieder auf Vordermann zu bringen. Dann wird der Tarnans-trich wieder dunkelgrau überpönt. Das Schiff verlegt ins Trockendock und wir pullen unseren Kutter zur Werft. Ich staune nicht schlecht, als ich unser neues Heck schon fix und fertig am Kran hängen sehe. Das ist Organisation! Es wird einfach angeschweißt , so daß der Kreuzer bald wieder zum Einsatz kommen kann. Aber dann werden wir schon auf der Marineschule sein.
Bei der Generalüberholung werden auch die Heizöltanks gereinigt. Ohne Rücksicht auf even-tuelle Gasbildung klettern wir Kadetten mit Spachteln bewaffnet in die Bunker, um eine fest gewordene Ölschicht von den Wänden zu kratzen. Durch ein enges Mannloch zwängt man sich hinein. Nach einer halben Stunde wird man abgelöst. Länger hält man es im Öldunst nicht aus. Erst wenn wir den Bunker vorgereinigt haben, geht die Werft mit heißem Dampf bei und anschließend wird ein Schutzanstrich aufgesprüht.
Als Belohnung für diese Sklavenarbeit gibt es den ersten Heimaturlaub. Obermaat Gundel kommentiert das mit den Worten: „Ihr seid ja hier auf der Werft doch nur im Wege und wir haben nicht genug Heizölbunker, um euch alle zu verstecken.“
Zu Hause ist die Freude groß. Stundenlang hört sich mein Vater die Erzählungen von Norwe-gen, der Kadettenausbildung und unserem Kampf gegen die Torpedoflieger an. Erst jetzt wird mir bewußt, wieviel Glück wir gehabt haben, daß uns kein Torpedo traf.
Als ich aus dem Urlaub zurück komme, ist das neue Heck schon angeschweißt. Der Werftbe-trieb verführt zum Gammeln. Es gibt keine Unterrichtsräume, weil die Preßlufthämmer alles übertönen. Wir sind unserem Zugführer zu bequem geworden und er beschließt , uns wieder auf „Vordermann“ zu bringen. Am 6.Juli veranstaltet er mit uns einen „Tanz auf dem Vul-kan“. Nach endlosen Runden ums Dock mit gepacktem Seesack und der Hängematte quer darüber kommt der Befehl: „In zehn Minuten steht die Kadettendivision Anzug blau mit gepacktem Seesack und gezurrter Hängematte auf dem Vormars! Die letzten machen das nach der Spindmusterung gleich noch einmal.“ Diese Aufgabe ist auch in Teamarbeit unmöglich in zehn Minuten zu schaffen. Mit Seesack und Hängematte kommt man die engen Niedergänge in den Mast nicht hinauf. Man muß eine Kette bilden und die schweren Sachen nach oben durchreichen. Wir packen also im Wohnraum wie so oft geübt in zwei Schichten. Wer fertig ist, wartet bis alle so weit sind. Dann toben wir als Pulk hinauf auf den Vormars, bilden eine Kette und mannen die Klamotten hoch. Damit es keinen „letzten Mann“ gibt, bleiben wir gebückt, bis alle oben sind. Seesack und Hängematte werden aufgenommen und auf ein „Zzzt“ des Decksältesten erscheinen alle im gleichen Augenblick. Es gibt keinen „letzten Mann“ den Leutnant Frohburg extra schleifen kann. Aber natürlich geht der Zirkus weiter. Spindmusterung, Antreten im Arbeitspäckchen, Antreten in Sportzeug, Heraustreten im Aus-gehanzug.... Wir nennen diese Übung „Flagge Luzi“ nach der blau-weiß-blauen Signalflagge. Der Tag bleibt unvergessen. Es ist 22.00 Uhr, als der Zugführer uns endlich wegtreten läßt.
Am 2. August wird der Kommandant versetzt und nach alter Tradition von den Offizieren im Kutter an Land gepullt. Wir stehen angetreten an der Reling und als Brinkmann seine Mütze schwenkt, schwenkt die Besatzung im Takt, den der I.O. angibt, ihre Mützen zum Abschied mit.. Vielen wird klar, was wir seinem Können verdanken: Daß der Kreuzer die Bismarkun-ternehmung, den Kanaldurchbruch und die Heimreise nach Kiel so glücklich überstanden hat.
Der vierte August ist ein klarer, warmer Sommertag. Auf dem Dienstplan steht Kutterpullen. Mit kerniger Stimme kündigt der Leutnant an: „Wer heute Mist baut, ihr Fränze, der springt außenbords!“ Dann geht es los. „Klar bei Riemen! Riemen bei! Streich Backbord, ruder an Steuerbord!“ Irgendwie bleibe ich mit dem Riemen hängen und er gleitet mir aus der Hand ins Wasser. Mehr scherzhaft fragt Frohberg: „Na, Brunowsky, springen sie freiwillig?“ Natür-lich kommt sein „Halt“-Rufen zu spät. Mit einem Satz stehe ich auf dem Dollbord und hechte in vollen Klamotten in den Bach. Alle Kameraden, die lachen, müssen hinterher. Es wird ein herrlicher Badetag. Irgendwie ist auch der Leutnant Klasse!
Am 5.September feiern wir ein Abschiedsfest mit Damen. Jemand hat ein „Blitzmädchen“ aufgetan das unsere Kadettendivision mit Freundinnen aus seinem Barackenlager versorgen kann. Gustav Backen besorgt aus dem Laden seiner Eltern die Getränke und ich entwerfe eine Einladungskarte. Im „Blauen Saal“ des Parkcafes werden die Damen stilvoll empfangen. Der Decksälteste, Seekadett Metzler, hält eine Begrüßungsansprache. Dann gibt es ein friedensmäßiges Abendessen. Schließlich hält auch der Kadettenoffizier, Kapitänleutnant Reimann, eine Ansprache, in der schon Abschiedsstimmung durch klingt. Wir reisen in drei Wochen zur Marineschule und auch er wird versetzt.
Eine „Ordensverleihung“ bedenkt jeden auffällig gewordenen Kameraden mit Anspielungen auf Ereignisse an Bord. Gustav Backen erhält den großen Schnarchorden , Metzler be-kommt einen Kakerlaken-Orden und wir erzählen den Damen, welchen Zirkus er veranstalte-te, als wir ihm Maikäfer in seine Hängematte laufen ließen und er mit dem Schrei „Kakerla-ken“ um sich schlagend im Deck herumtobte. Es wird gelacht und getanzt. Endlich begleiten wir unsere Damen „ausgiebig“ nach Hause.
Schon am folgenden Montag geht es ab in ein sogenanntes Flottenlager bei Kiel. Bei Sport und viel Freizeitangeboten wird hier die Besatzung beschäftigt, bis die Quartiere an Bord wie-der belegt werden können. Unsere Obermaate schalten auf leutselig. Wir betrachten uns als in einer Art Urlaub befindlich.. Erstmals dürfen wir unser Programm selber gestalten.
Es werden Ballspiele gegen andere Divisionen organisiert. Wir dürfen unsere Barackenräume mit Wandbemalungen gemütlich gestalten, können jeden Abend im Kino „Heile-Welt-Filme“ aus dem Schnulzenangebot von Jupp Göbbels anschauen und verlieren ein Fußballspiel gegen die Heizer haushoch. Im Handball sind wir dann besser als beim Bolzen!
Am Sonntag kommt Obermaat Gundel um 8.00 Uhr zum Wecken in unsere Stube. Jemand bestellt :“Frühstück ans Bett, bitte!“ Gundel bringt nur ein „Soweit kommt das noch!“ hervor, bevor er uns anlüftet. Nach dem harten Schliff in der Werftliegezeit ist dieses Lager wirklich eine Erholung.
Noch einmal müssen wir zurück an Bord. Es heißt Packen und am 28. September 1992 geht es ab zur Marineschule Mürwik.
Marineschule Mürwik

Marineschule Mürwik
Seit der Kaiserzeit ist in dieser Traditionsstätte jeder aktive Marineoffizier ausgebildet, ge-prägt und erzogen worden. Keine andere Teilstreitkraft hat daher einen so einheitlichen Korp-sgeist entwickeln können, wie er für die Marine typisch ist. Voller Stolz sehen wir der Zeit entgegen, die nun vor uns liegt. Wir kommen aus der Enge eines behelfsmäßigen Wohndecks und schreiten nun über große Freitreppen in den Flügel, wo wir untergebracht sind.. Uns erwartet eine friedensmäßige „Suite“. Je vier Kadetten haben einen Bereich mit Schlafraum, Badezimmer und Arbeitsraum für sich.
Dann empfängt uns Oberleutnant zur See Seyfried, unser Gruppenoffizier. Er macht auf mich den Eindruck eines ehrgeizigen, mürrischen Strebers, der uns nicht wie Kapitänleutnant Rei-mann als künftige Kameraden betrachtet, sondern der vor hat, uns nach dem „Gammelleben an Bord“ erst mal wieder Zucht und Ordnung beizubringen.
Seyfried hat sich vorgenommen, aus seiner Gruppe den Crew-Ältesten zu stellen. Zu meinem Unglück fiel sein Auge - nach der Beurteilung von Reimann - ausgerechnet auf mich für die-sen Posten. Schon nach dem ersten Kontakt ist ihm klar, daß ich nicht sein Mann bin. Meine gelassene Natur, die Wurschtigkeit gegenüber dummen Befehlen und eine Neigung zu „eige-nen Ansichten“ machen ihm deutlich, daß er mit mir keinen Staat machen kann, wenn er mich vorschlägt. Das vergißt er mir nicht. Von jetzt an bin ich das Lieblingsobjekt seiner Erzie-hungsversuche. Zum Kummer von Seyfried stellt den Lehrgangsältesten eine andere Gruppe. Daß die Kadetten sich einen Vertreter selber wählen, ist natürlich undenkbar. Nur von einem Strafbataillon der Waffen SS weiß ich, daß dort die degradierten Offiziere sich im Einsatz ihren Führer selber wählen durften. Bei uns wird so was befohlen.
Alle Teile der Marineschule sind ostpreußischen Ordensburgen nachempfunden. Der Speise-saal heißt Remter. Die Marineoffiziere sollen sich als Gemeinschaft von Ordensbrüdern füh-len.
Zum Bootshafen führt eine große Treppe hinab. Kadetten bewegen sich während der Dienst-zeit im Laufschritt. Treppab ist das kein Problem, aber bergauf ist die Treppe schon ein Här-tetest, vor allem wenn man sie mehrmals nehmen muß. Bei Seyfried kommt das aus erzieheri-schen Gründen öfter mal vor.
Im Mittelbau hat der Kommandeur, Admiral Rufus, seine Diensträume. Unter seinem Kom-mando sank das Segelschulschiff Niobe in einer Fallbö mit zahlreichen Offizieranwärtern. Er ist hart. Einmal in der Woche haben wir Boxen im Sport. Das schaut sich der Admiral mitun-ter an. Man erzählt sich, daß er es gut findet, wenn wir so aufeinander eindreschen, daß Blut fließt. Es kommt vor, daß der Kommandeur einen Kampf „wegen fehlenden Angriffsgeists“ abbricht. Also vergessen wir die in der HJ gelernte Kunst, sich zu decken und auszuweichen. Mit einem Trommelwirbel von kurzen Haken und Geraden hauen wir aufeinander ein. Das gefällt hier.
Mein Lieblingsfach ist Seekriegsgeschichte bei Kapitän Pochhammer. Er war I.O. auf der Gneisenau bei der Falklandschlacht 1914 . Sein Hobby ist ein „Rollglobus“ auf dem er uns die Größe der Weltmeere deutlich macht.
Natürlich kauft sich jeder von uns in der Kantine einen solchen Rollglobus. Wer ihn beim Unterricht vor sich auf dem Pult stehen hat, kann mit besseren Noten rechnen.
Pochhammer trägt einen Spitzbart wie Admiral Graf Spee. Mit seinem „Spanier“ genannten Umhang ist er eine eindrucksvolle Persönlichkeit. Es geht das Gerücht, ein betrunkener Fähn-rich habe gewettet, er könne mit so einem Umhang vom Balkon springen. Die Wette habe er verloren. Wenn Pochhammer durch die Wache geht, heißt es immer „Bekannt, passieren!“
In einer Sicherheitsbelehrung wird wegen Agentengefahr befohlen, in Zukunft alle Personen genau zu kontrollieren und auch die Möglichkeit falscher Bärte in Betracht zu ziehen. An einem Wintermorgen ereilt den Kapitän sein Schicksal. Weil er ihn nie brauchte, hat er keinen Ausweis dabei. „Aber sie kennen mich doch, ich bin Kapitän Pochhammer“! Es hilft nichts. Befehlsgemäß wird der Bart durch Zupfen auf Echtheit überprüft. Erst der OvD befreit den Unglücklichen auf der Wache. Doch da lacht er selbst herzlich über sein Pech.
Pochhammers Lieblingszitate lernen wir auswendig. „Grau teurer Freund ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum.“ Hier macht unser verehrter Lehrer eine Kunstpause und fragt dann: „Wer sagt das, meine Herren?“ Wie im Chor erklingt es von den Pulten: „Goethe, Herr Kap`ten!“....“Goethe läßt das Mephisto sagen! Wir halten uns da an Clausewitz, und was hat der dazu geschrieben?“ Jetzt kommt der Augenblick, wo ich glänzen kann: „Die Theorie soll dem Handelnden zu jener Einsicht verhelfen, die, in sein ganzes Denken ver-schmolzen, seinen Gang leichter und sicherer macht!“ Wohlwollend schaut der Alte mich durch seinen Kneifer an und macht einen vielsagenden Strich in sein Notizbuch.
Noch schöner als Seekriegsgeschichte ist natürlich der Bootsdienst im Hafen, wenn man von dem anschließenden Hochlaufen über die Freitreppe absieht. Die Zeit des Kutterpullens ist vorbei. Wir fangen mit Kuttersegeln an und machen die A-Scheinprüfung dabei ohne Ruder.
Genüßlich entfernt Seyfried die Pinne und schmeißt die Boje über Bord.
„Gei auf Großsegel! Lose auf die Besanschot! Klar zum Halsen! Hol dicht die Besanschot. Rund achtern!“ Noch ein paar Wenden und ich schieße bei der Boje in den Wind. Der Besan ist dabei mein Ruder. Fiere ich ihn auf, dann falle ich ab, will ich anluven, hole ich ihn dicht. Ich melde: „Boje gefischt!“ Im Segeln macht mir keiner was vor. Mit süßsaurem Lächeln
notiert der Gruppenoffizier, daß ich die A-Schein-Prüfung bestanden habe.
Am 8. November, dem Tag der Falklandschlacht, werden wir zum Fähnrich zur See befördert. Als Fähnrich ohne Portepee bin ich jetzt der dienstälteste Unteroffizier! Unsere Ausbilder hätten uns jetzt zuerst grüßen müssen, aber aus Taktgefühl grüßen wir die Obermaate gleich-zeitig. Zu gerne hätte ich einen von ihnen besucht. Aber Obermaat Scholz ist auf den Lofoten bei einem Kommandounternehmen in englische Gefangenschaft geraten. Es heißt, er mache jetzt einen „Holzhackerlehrgang in Canada!“ Wir erhalten auf der Kleiderkammer neue Uni-formen mit „Wäsche vorn“. dazu einen Kabinenkoffer aus Aluminium, damit die ganze Aus-stattung hinein paßt. Vorbei ist das Seesack-Schleppen. Den Koffer läßt man jetzt tragen. Die fiskalisch gelieferten Litzen sind aus Aluminium und sehr unansehnlich. Man besorgt sich also beim Uniformschneider Fähnrichslitzen in Silber. Wenn man die durch die Wäschemangel dreht, wird man im Binnenland für einen Leutnant gehalten. Wir fühlen uns jedenfalls schon als „junge Herren“ mit der neuen Würde.
Als Fähnriche segeln wir noch bis in den Dezember hinein die herrlichen 6,5 KR-Boote, die auch am Wochenende zu unserer Verfügung stehen.
Harte Arbeit ist das Verkehrsbootfahren. Wir haben schon auf dem Prinz Eugen angefangen, Anlegemanöver damit zu üben. Beim Bootsdienst hat Seyfried nichts an mir zu meckern!
Für das Motorbootfahren habe ich weniger Gefühl. Zum Glück halten die Gasten uns mit lan-gen Bootshaken von der Pier ab, bevor es rummst. Auch Verbandsfahren wird geübt. Es ist ein tolles Bild, wenn mit gleichzeitigem Wenden aus der Kiellinie plötzlich eine Dwarslinie wird.
Der Winter ist milde und so kommen wir jede Woche in den Genuß der frischen Luft auf der Flensburger Förde. Zum Glück steht der Bootsdienst für unsere Gruppe am Montag Morgen auf dem Programm. Das macht nach dem Landgang am Sonntag wieder wach!
Als Fähnrich hat man schon deutliche Erfolge bei den Flensburger Mädchen. Die Damen der Gesellschaft werden von jedem Jahrgang zu den obligatoríschen Tanzkursen eingeladen. Wir nennen sie daher „Marine-Wander-Preise“. Die sind nicht mein Fall. Zusammen mit Jörn Kiy lernen wir zwei Blitzmädchen kennen. Kiy bekommt Ärger, weil seine kleine Nymphe ausge-rechnet mit einem Heeresoffizier verheiratet ist. Die Abenteuer an Land lassen mich vor allem in den ersten Stunden mit ausgesprochen müdem Blick aus der Wäsche gucken. Was solls? Das Leben ist kurz und muß genossen werden.
Es gehört zur Tradition an der Marineschule, daß jede Crew ohne Rücksicht auf die daraus folgenden erzieherischen Maßnahmen einen „Bolzen dreht“. Unsere Vorcrewen haben da Marksteine gesetzt: Im „Trampedach-Lager“ waren Rekruten untergebracht. Die Fähnriche besorgten sich nun heimlich Uniformen ihrer Gruppenoffiziere und veranstalteten in den Ba-racken einen „Alarm Küste“. Es seien feindliche Agenten gelandet. Man ließ die Offizieran-wärter im Kampfanzug mit Waffen heraustreten und marschierte gen Holnis. Der „OvD“ an der Spitze der Kolonne ging nach achtern, „um die Letzten anzulüften.“ Die anderen „Offizie-re“ verkrümelten sich ebenfalls im nächsten Waldstück hinter Glücksburg. Die solche Streiche nicht gewohnten Kameraden bemerkten erst bei Holnis, daß sie hereingelegt worden waren. Die Täter wurden nicht bekannt. Also gab es eine „Härteübung“ im Gelände für den ganzen Jahrgang. Eine andere Crew hievte ein altes Piano im ehrwürdigen Turm der Marineschule hoch und ließ es zu Sylvester mit dem letzten Glockenschlag um Mitternacht herunterfallen. Der „volle Akkord“ schallte durch das ehrwürdige Haus wie ein Donnerschlag.
Unsere Crew reagierte auf einen Befehl, nur noch Aluminiumlitzen als Rangabzeichen für Fähnriche zu tragen. Der Admiral hatte sich über breitgewalzte Silberlitzen geärgert, die ihm aus der Stadt gemeldet worden waren. Bei Nacht und Nebel tragen wir die schwere Gallions-figur von „Prinz Adalbert“ die Freitreppe hoch, stellen sie vor die Tür der Aula und befestigen Aluminiumlitzen auf den Schultern. Alle Wände zieren freche Plakate mit Sprüchen wie „Was Hormone für die Brüstung, ist Aluminium für die Rüstung!“ Auch alle anderen Büsten von ehrwürdigen Seefahrern und Admirälen werden mit Aluminiumlitzen geschmückt. Der Admiral ärgert sich aber am meisten darüber, daß wir ihm eine Zigarrenkiste voller Litzen per Einschreiben zustellen lassen. Er springt im Dreieck. Unsere Kollektivstrafe nehmen wir gern in Kauf. Nur Seyfried versucht sich erfolglos als Detektiv und fahndet in unseren Stuben nach Spuren. Aber natürlich halten wir alle dicht.
Im Januar fahren wir geschlossen nach Berlin. Der Führer soll zu den Offizeranwärtern aller drei Teilstreitkräfte sprechen. Es ist die Zeit der Schlacht um Stalingrad und Adolf kneift. So müssen wir eine Rede von Göring im Sportpalast anhören. Der gefällt sich in großer Pose mit dem Spruch von Leonidas: „Wanderer kommst du nach Stalingrad, verkünde, du habest uns liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl!“ Die Rede begeistert mich wenig. Ich behalte nur das Wort „Einigeln“ daraus, mache mir aber kaum Gedanken darüber, was das für die Kame-raden im russischen Winter bedeutet. Dort wird gestorben und wir dürfen noch ein wenig le-ben, bevor wir an die Reihe kommen. Wir schießen an Land. Getanzt wird nicht mehr, aber die Musik spielt wie schon vor einem Jahr in St.Pauli: „Wenn ich liebe, dann bin ich Engel und Teufel, wenn ich liebe, lieb ich in Dur und in Moll...“ Ich genieße den Urlaub bis zum Wecken. Noch stört kein Bombenangriff meinen heißen Flirt. In Katerstimmung geht es am nächsten Morgen zurück nach Mürwik. Im Februar bestehe ich die Seeoffiziers-Hauptprüfung. Jetzt bin ich Fähnrich mit Portepee` und darf stolz meinen Ehrendolch zur Ausgehuniform tragen.
Auf Feindfahrt im Nordatlantik
Nach der Marineschule geht ein Teil der Crew direkt an die Front. Wir U-Bootsfahrer kom-men aber noch zu einer kurzen militärischen Auffrischung auf einen „Zugführerlehrgang“ nach Neustadt in Holstein. Das ist sinnvoll, denn niemand von uns hat je vor einer Einheit gestanden und damit exerzieren können. So ziehen wir wieder feldgraue Kluft an und üben unsere Kommandostimmen. Ob als Leiter einer Riege beim Turnen, ob als Bootssteurer im Kutter oder als Verantwortlicher auf dem Schießstand, immer spielt einer von uns den Korpo-ral oder den Zugführer.
Mitten im Lehrgang müssen sechzehn von uns zur Schreibstube. Gespannt hören wir zu, als der Spieß geheimnisvoll unsere Namen von einem Fernschreiben abliest. Und dann; kommt der erlösende Satz: „...versetzt zur 2.U-Bootsflottille nach Lorient!“ Mit Freudengebrüll to-ben wir ab auf unsere Stuben. Die feldgrauen Klamotten kommen zur Kleiderkammer. Der große Aluminiumkoffer wird mit den überflüssigen Sachen gepackt, die man niemals auf dem Boot brauchen wird. Weiße Messejacken, steife Kragen für Oberhemden, braune Arbeitsja-cken für den Unterricht, alles kommt ganz unten in den Koffer. Er wird an die 2.U-Flottille adressiert und mit dem LKW zur Bahn gebracht. Mit Mantel, Mütze und Dolch melden wir uns beim Kompaniechef ab an die Front.
Zwei Tage später rollt der Zug in Lorient ein. In einer Trümmerlandschaft steht einsam ein LKW. „Sind das die Fähnriche für die Flottille?“ Das ist Planung! Unsere großen Koffer sind noch unterwegs. Wir schnappen unsere blauen Taschen und klettern auf den Wagen. Es beginnt eine Fahrt durch endlose Trümmer. Da der Tommy unsere Bunker nicht knacken kann, hat er sich an die Zivilbevölkerung seines Verbündeten gehalten. Wir lassen die Mond-landschaft hinter uns und fahren durch Wiesen und Felder, in denen der erste Frühling er-wacht. In Neustadt war es noch Winter. Hier grünt es Anfang April wie bei uns erst im Mai.
Am Lagertor ist sorgfältige Ausweiskontrolle, obwohl wir im LKW der Marine angefahren kommen. Meldung beim Flottillenchef. Zuweisung der Quartiere in einer Offiziersbaracke. Eine süße kleine Französin baut gerade unsere Betten. „Ich bin Simone, wenn sie etwas brau-chen sollten!“ Donnerwetter, das ist ja hier wie im Hotel! In der Offiziermesse gibt es alles ohne Bargeld auf Bon. Was wir verzehren oder trinken wird vom Gehalt abgebucht ...oder eines Tages gestrichen. Drei Tage lang schaffe ich acht Spiegeleier zum Frühstück.
Wir werden verschiedenen Booten zugeteilt. Ich soll bei Mohr einsteigen, der gerade das Ei-chenlaub bekommen hat. Da treffe ich den Oberleutnant zur See von Harpe, einen Verwand-ten meiner Stiefmutter. Er organisiert, daß ich auf U 108 komme, damit er „ein wenig auf mich aufpassen“ kann. Noch im „Lager Lemp“ erfahre ich, daß Mohr in der Biskaya von Fliegern versenkt worden ist. Ich vermute, daß die französischen Agenten das Auslaufen der „Asse“ an die Engländer melden. Wieder einmal Glück gehabt!
Wir Fähnriche von U 108 werden eingekleidet. Harnak und ich erhalten hellere Päckchen. Offenbar geht es zur Karibik oder nach Westafrika? U 108 ist ein fronterfahrenes Boot vom Typ IX B. Der letzte Kommandant, Kapitän Scholz, ist nach der zehnten Fahrt mit Eichenlaub ausgestiegen. Sein Nachfolger, Kapitänleutnant Wolfram, hat noch keine Fahrt als Komman-dant gemacht. Mit den Offizieren fahren wir zum Bunker. Geschäftiges Treiben, Dieselge-ruch, hallende Zurufe. Mein Traum hat sich erfüllt. Ich bin auf einem U-Boot, das in den nächsten Tagen zur Feindfahrt auslaufen wird!
Bei den Restarbeiten am Boot sind wir Fähnriche nur im Wege. Also besichtigen wir die
Anlagen auf der Werft. Unser Bunker besteht aus mehreren Boxen, in denen die Boote ge-schützt an der Pier liegen. Die Bunkertore werden bei Fliegerangriffen geschlossen. Auf der anderen Seite geht es zu einer Slipanlage. Sie ist nicht verbunkert. Hier werden die Boot hochgezogen und im zweiten Bunker eingedockt.
Unter sieben Meter starken Betondecken kann hier in einem kompletten Werftbetrieb Tag und Nacht am Bootskörper gearbeitet werden. Fliegerangriffe stören diesen Betrieb nicht.
Am Abend feiern wir mit den Offizieren im Lager Lemp. Die Mühle ist eine dem Rotlichtmi-lieu nachempfundene Bar. Hier treffen sich die Offiziere in den Tagen vor dem Auslaufen jeden Abend. Aber es geht sehr korrekt zu, sonst hätten wir Fähnriche vermutlich keinen Zu-tritt.
Höhepunkt ist für mich ein Besuch von Admiral Dönitz. Bei der Musterung der Frontboote fiel mir auf, daß der Admiral allen außer den Fähnrichen die Hand drückte. Er wollte damit wohl zum Ausdruck bringen, daß wir an Bord nur eine Belastung für die Besatzung waren und den letzten Heizer uns gegenüber hervorheben. Beim großen Essen sitzen wir ganz unten an der Tafel. Auf dem Tisch liegen reichlich amerikanische Zigaretten herum. Als die Promi-nenz den Raum wechselt, räumen wir Fähnriche schnell noch ein paar Päckchen Chesterfield ab. Es bleibt ja noch genug für die Bedienungen liegen!
Und dann wird es ernst. Proviantübernahme. Torpedos und Treibstoff kommen an Bord. In den Abteilungen wird es eng. Überall werden Konserven verstaut. Würste und Schinken hän-gen an der Decke. In Hängematten lagert der Vorrat an frischem Dauerbrot. Die Lords im Vorschiff bauen ihre Kojen auf einer Lage eingefetteter Torpedos. Bei den Heizern teilen sich zwei Mann eine Koje. Nur Offiziere, Feldwebel und Fähnriche haben eine Einzelkoje. Wir schlafen in der Messe der Portepee-Unteroffiziere.
Antreten an Deck. Von Harpe meldet dem Kommandanten. „Heil Besatzung!“ Wir erwidern so laut, daß der Bunker hallt: „Heil, Herr Kaleu!“ Ein paar aufmunternde Worte und dann das Kommando: „Wegtreten auf Manöverstationen!“ Die Dieselmotoren springen an. Ich sauge den Duft von Abgasen und Dieselöl in mich auf. Es ist dieser Augenblick, von dem an ich diesen Geruch anfange zu lieben. Langsam zieht das Boot aus dem Bunker ins Freie. „Steuerbord voraus Langsame, hart Backbord!“ Majestätische wendet das Boot. „Backbord Maschine stop. Mittschiffs! Beide Maschinen voraus Kleine!“ Der Bug zeigt in Richtung Atlantik. Wir scheren in das Kielwasser des Sperrbrechers ein, der uns bis zum Tiefwasser Geleit gibt.Im Westen versinkt die Sonne in rötlichem Dunst. An Steuerbord passieren wir die alte Festung. Die freie See nimmt uns auf. Wir sind auf Feindfahrt!
Der Smut hat noch Frischproviant besorgt. Um 19.00 Uhr gibt es als Abendessen eine halbe Ente für jeden. Wir haben das Geleit zurück gelassen und stampfen bei klarer Sicht über Wasser gegen die hohe Atlantikdünung an. Der IWO teilt mich dem Funkmaaten zu. Ich soll mich mit dem Horchgerät vertraut machen. Von Harpe weiß, daß das arme Schwein nach je-dem Auslaufen fürchterlich unter „Würfelhusten“ leidet. Drei Tage lang kotzt er sich die See-le aus dem Leib. Neben dem Funker steht deshalb eine Pütz mit Dieselöl, welches über dem regelmäßig abgegebenen Mageninhalt schwimmt. An den Geruch von Dieselöl kann man sich gewöhnen. Vermischt mit Erbrochenem gibt es einen widerlich säuerlichen Gestank ab. Zwanzig Minuten bleibe ich seefest. Dann fliegt auch meine halbe Ente in die Pütz. Aber es ist das einzige Mal, daß ich Poseidon dieses Opfer bringen muß. Grinsend fragt mich der I.W.O., wie mir der Dienst im Funkraum gefallen hat.
Als es dunkel wird gehen wir auf Tauchfahrt. Unser Kommandant, Kapitänleutnant Wolfram, geht kein unnötiges Risiko ein. Man munkelt von Flugzeugen, die mit Radar anfliegen und dann kurz vor dem Ziel Scheinwerfer einschalten und Bomben werfen. Da hilft der beste Ausguck nichts. Weit entfernt hört man immer wieder Wasserbomben fallen. Irgendwo küm-mert sich eine Suchgruppe um einen einlaufenden Kameraden. Ich finde alles sehr spannend und neu. Aber für die Stammbesatzung ist die Fahrt unter Wasser eher eintönig. Beim Ober-steuermann werfe ich einen Blick auf die Karte. Gewissenhaft koppelt er unseren Kurs, der jetzt schon lange durch tiefes Wasser nach Südwesten verläuft. Das Boot wird aus der Zentra-le gefahren. Man hört nur gelegentlich Befehle für die Tiefenruder: „Vorn oben fünf, hinten unten zehn!“ „Auf sechzig Meter gehen!“

U 108
Ich gehe in die Koje. Leise summt die E-Maschine. Im Boot ist es totenstill. Nur die Detona-tionen von Wabos sind jetzt auch ohne Horchgerät im Boot klar zu hören. Haben sie wirklich jemanden am Wickel oder versuchen sie nur die auslaufenden Boote zu „erschrecken“? Ich bin zu aufgedreht, um schlafen zu können.
Wir haben ein Funkmeß-Beobachtungsgerät an Bord, das so genannte „Biskayakreuz“. Es ist eine primitive Antenne, deren Kabel durchs Turmluk gefahren werden muß. Unten im
Funkraum befindet sich ein „Metox-Gerät“, das auf Radarwellen mit einem Pfeifton reagiert.
Dann wird das Antennen-Kreuz durchs Turmluk herunter gereicht und Alarmtauchen befoh-len. Ein paar Stunden täglich müssen wir oben bleiben, um die Batterien aufzuladen. In der Biskaya fängt der Metox immer sofort an zu pfeifen, wenn er eingeschaltet wird. Das dauern-de Alarmtauchen verbessert zwar die Einstiegzeiten der Brückenwache, aber so kommt natür-lich kein Saft auf die Batterien. Über den Metox kursieren wilde Gerüchte. Er sei an die Eng-länder verraten und die würden seine Strahlung benutzen, um uns mit nur auf Peilung geschal-tetem Radar anzufliegen, ohne Impulse senden zu müssen. Heute weiß man, daß wir im De-zimeterbereich suchten, während die Engländer schon die Zentimeterwellen benutzten.
Wie auch immer, unser Alter hält nichts von dem „neumodischen Kram“! Bei guter Sicht am Tage können wir jedes Flugzeug rechtzeitig erkennen und in Bestzeit weg tauchen, weil der Fummelkram mit dem Antennenkabel wegfällt. Es wird feste Routine: Wir fahren jede Nacht getaucht. Ich gehe Wache am Horchgerät und lerne das Peilen von Geräuschen unter Anleitung des Funkmaaten. Wenn wirklich was zu hören ist, übernimmt er Kopfhörer und Peilrad. Auch beim Entschlüsseln der Funksprüche darf ich helfen. Es gibt ernste Gesichter in der Offiziermesse, wenn ein Boot aufgefordert wird, sich zu melden und keine Reaktion erfolgt. Oft sind es Kommandanten, die der eine oder andere persönlich kennt. So schleichen wir uns langsam aus der Biskaya heraus und erreichen heil den freien Atlantik.
Für uns Fähnriche beginnt der Wachdienst auf der Brücke an einem herrlichen Frühlingstag mit klarer Sicht bis zur Kimm. Das ist die Chance, uns das Sehen beizubringen. Einen eigenen Sektor bekommen wir nicht. Ich suche den Horizont im gleichen Bereich wie der I.W.O ab. Langsam bewege ich das schwere Doppelglas von recht voraus bis Backbord quer ab an der Kimm entlang. Dann ein Blick nach oben, ob sich ein Flugzeug zwischen den Kumuluswolken heran mogelt. Und wieder presse ich das Glas an die Augen. Ich gehöre zur ersten Wache, die von 08.00 bis 12.00 Uhr Ausguck hält und dann wieder um 20.00 Uhr für vier Stunden auf-zieht. Um Mitternacht gibt es heißen Kaffee, Suppe oder Würstchen vom Smut. Dieser „Mit-telwächter“ genannte Imbiß ist vor allem bei schlechtem Wetter ein Genuß, wenn man naß und durchgefroren in die Zentrale herunter gerutscht kommt.
Ich bin euphorisch. Jeden Spritzer Salzwasser genieße ich. Weich stampft das Boot in der hohen Dünung. Rauschend ziehen die Wellenberge vorbei. Manchmal schneidet der Bug unter um sich gleich wieder das Wasser abschüttelnd empor zu recken. Die Dieselmotoren häm-mern gleichmäßig. Voraus die untergehende Sonne und das leuchtende Abendrot im Westen. Mein Herz pocht spürbar vor Glück. Das ist Leben! Das ist mein Beruf !
Für mich kann es gar nicht hart genug kommen. Im Sturm wachsen die Wellenberge hoch über unseren Turm hinaus. Die Brückenwache ist mit Ledergurten und schweren Karabinerhaken am Sehrohrbock eingepiekt. Trotzdem müssen wir uns fest in die Gurte stemmen, wenn uns eine See von achtern überrollt. Bei Lose auf den Tampen kann einen die Welle herausreißen. Es sind so schon Leute über Bord gegangen. Das Turmluk bleibt geschlossen. Der LI steht am Tiefenmesser. Wenn wir so eine Riesensee hinunter surfen, muß er mit Tiefenruder „vorn oben hart!“ und Pressluft auf die vorderen Tauchzellen dafür sorgen, daß wir wieder hoch kommen. Er unterstützt das mit einem Pull „AK voraus!“ Mehrmals erlebe ich dieses Unterschneiden. Wir stehen in einem Aufklärungsstreifen auf und ab. Daher müssen wir, um in Position zu bleiben, trotz des Sturms immer wieder auch vor der See laufen.
Und dann passiert es, daß so eine haushohe Wasserwand das Boot von achtern überrollt. Es ist jedesmal ein Gefühl wie Weihnachten, wenn wir vom achteren Ausguck verwarnt werden: „Wahrschau, See!“ Und schon sieht man den Wellenberg hinter sich aufsteigen, stemmt sich in die Gurte und spürt das Zuschlagen der Wasserlawine. Es wird dunkel und dann plötzlich wieder heller. Grün schimmert es, bevor wir heraus brechen. Unser Boot schüttelt das Wasser ab. Das Turmluk wird kurz geöffnet, es gibt trockene Gläser nach oben. Und weiter suche ich von jedem Wellenberg aus die Kimm ab.

Seegang im Nordatlantik
Seit Tagen weht es mit sieben bis acht Windstärken. Niedrige Wolkendecke, Schauerböen, zwischendurch auch ein Schluck Sonnenschein. Typisches Rückseitenwetter. Wir haben ei-nen neuen Aufklärungsstreifen weiter im Westen gebildet. Der B-Dienst hat ein Geleit gemel-det. Wir ahnen nicht, daß der Engländer unseren Schlüssel geknackt hat. Es dauert zwar manchmal Tage, bis er die Befehle des BdU entschlüsselt hat, aber das reicht, um die Geleite an den aufgestellten Booten vorbei zu lenken. Immer noch steht die Dünung turmhoch. Ohne Unterbrechung nähert sich ein „Kawentsmann“ nach dem anderen von achtern dem „Winter-garten“, wenn wir vor den Wind drehen müssen, um auf Suchposition zu bleiben.
Eigentlich ist der Abstand zwischen den Booten im Aufklärungsstreifen so groß, daß sie sich nicht selber in Sicht bekommen. Aber ohne astronomisches Besteck ist eine so genaue Navi-gation nicht möglich. Der Obersteuermann flucht, weil auch die Mittagsbreite mit den weni-gen Sonnenlöchern nicht gelingen will. So kommt es doch zu Begegnungen .
„U-Boot 30 Grad!“ ruft der Brückenmaat. Obwohl die Neugier gewaltig nagt, schaue ich wei-ter eisern in meinen Sektor. Auch das andere Boot hat uns gesichtet. Erkennungssignal ist hier entbehrlich. Südlich von Grönland gibt es in dieser Jahreszeit keine feindlichen U-Boote. Wir drehen aufeinander zu. So bekomme ich den Kameraden auch in meinen Sektor und darf ungetadelt hinschauen. Erstaunlich schlecht zu erkennen im spritzenden Gischt der See. Wie schwer mag es erst im Dunkeln für die Geleitschiffe sein, einen Angreifer zu entdecken! Das gibt ein Gefühl der Sicherheit. Winksprüche werden ausgetauscht. Mit einem letzten Spruch wünschen sich die Kommandanten fette Beute und gute Heimkehr. Dann ziehen wir wieder unserer Wege. Endlose Tage und Wochen ohne Erfolge. Bedrückende Funksprüche: „30 Stunden Wabo, Suchgruppe,tauchunklar“! Sein Rufzeichen kann das Boot nicht mehr funken. „Nachtangriff Liberator...“ , „Trägerflugzeuge..“ und zwischendurch immer wieder unbeantwortete Aufrufe des BdU an ein Boot, sich zu melden. Der Monat mit den größten Verlusten der U-Bootswaffe ist angebrochen. Im Mai 1943 werden fast 40 Boote Opfer der neuen Abwehrtaktik des Gegners. Mit gelesene Funksprüche, Radar, eingepeilte Kurzsignale am Geleit, Flugzeugträger, die das Loch der Luftüberwachung schließen! Erst nach dem Krieg wird mir deutlich, was für einen Dusel unser Boot gehabt hat.
Wir bekommen den Befehl, den Suchstreifen abzubrechen und nach Süden zu marschieren. Aus einer „Milchkuh“ sollen wir Öl und Proviant in See übernehmen und dann in ein besseres Jagdgebiet verlegen.
Nachts um 1.00 Uhr ertönt es vom Turm: „Kommandant auf die Brücke!“ Wie elektrisiert verstummt die Besatzung. Alle horchen zur Zentrale hinüber, denn irgendwas ist los, wenn der Alte geweckt wird! Dann verdichten sich die Meldungen an den Obersteuermann zur Gewiß-heit: Wir haben das seltene Glück, mitten im Atlantik einem schnellen Einzelfahrer zu be-gegnen, der versucht mit hoher Geschwindigkeit sein Ziel ohne Geleitschutz zu erreichen. Sein Pech ist nur, daß wir in vorlicher Position zu ihm stehen. Sonst hätten wir keine Chance, auf Schußposition heranzukommen. Überwasserangriffe fährt der I. Wachoffizier. Von Harpe läßt die Zieloptik auf die Brücke hinaufreichen. „Auf Gefechtsstationen!“ Das ist für die Fähnriche der Platz auf der Kommandantenkoje, wo wir keinem im Wege sind, aber alles mitbekommen können, was in der Zentrale passiert.
„Rohr eins bis vier klarmachen zum Überwasserschuß! Gegnerbug rechts , Lage 50 ! Entfer-nung zwanzig hundert! Gegnerfahrt fünfzehn! Torpedorechner Lage laufend!“ Jetzt visiert der I.W.O. den Dampfer durch den UZO, die U-Boots-Torpedo-Zieloptik, an. Der Rechner dreht sich mit und speist den sich ändernden Winkel der Gegnerlage in die vier Torpedos ein. Atemlose Stille im Boot. Dann ertönt die baltische Stimme von Harpes: „Viererfächer aus Rohr I bis IV! Rohr I bis IV los!“ Vier mal erzittert das Boot beim Ausstoßen der Aale mit Preßluft. Der Obersteuermann hat die Stoppuhr in der Hand. Sekunden werden zu Minuten. Dann kurz hintereinander zwei dumpfe Detonationen. Die Hälfte der Torpedos hat getroffen!
Der Dampfer liegt gestoppt als wir näher heranschleichen. Da bellt Artilleriefeuer auf. Statt in die Boote zu gehen, eröffnet die Besatzung das Feuer. „Alarm!“ Die Glocke schrillt durch das Boot. Die Brückenwache steigt an Gleitstangen rutschend ein. Der Alte schließt als letzter das Turmluk und das Wasser rauscht in die Tauchzellen. Die E-Maschinen springen an und mit Schräglage gleiten wir in die Tiefe. „Auf Sehrohrtiefe gehen“! Wir laufen ab. Der Kommandant schießt noch einen Torpedo aus dem Heckrohr auf das gestoppt liegende Ziel. Noch eine letzte gewaltige Detonation. Dann Stille und plötzlich hören wir Sinkgeräusche. Es klingt, als würde eine Riesenfaust die Stahlplatten des Schiffsrumpfes zerknacken.
Jetzt herrscht Begeisterung im Boot! Der „Neue“ hat seinen ersten Erfolg ! Mit Glück zwar, aber das braucht ein Kommandant, damit die Besatzung an ihn glaubt. Wir tauchen auf. Boo-te mit Überlebenden sind nicht zu sehen. Die Seeleute haben beim Artilleriegefecht ihre Chance verpaßt, in die Rettungsmittel zu steigen.
Wieder springen die Dieselmotoren an und wir setzen unseren Kurs zum Treffpunkt mit dem Versorger fort. Fünf Tage später sind wir im Loch der Luftüberwachung. Noch sind die Azo-ren nicht besetzt. Es weht ein warmer Südwestwind aus dem für diese Breiten typischen Hoch heraus. Ein paar Männer der Freiwache aus der Maschine dürfen in den „Wintergarten“ hinter dem Turm, wo unsere Flak steht. Wochenlang haben sie weder Tageslicht noch Meer gesehen. Sonnenschein, wolkenloser Himmel und klare Kimm erlauben es, ohne Risiko die Enge des Druckkörpers für eine Zigarettenlänge zu verlassen.
Bei Überwasserfahrt darf immer ein Mann unter dem offenen Turmluk stehen und eine Ziga-rette genießen. Dieses Privileg haben nur Raucher. So verfalle auch ich diesem Laster, um ab und zu Frischluft im Turm zu schnappen. Nur eins macht mir Kummer: Jeder an Bord hat inzwischen seinen U-Boots-Bart. Ich bin der einzige, dem kein Haarwuchs außer etwas Flaum das Männerkinn ziert. Den Spott muß ich ertragen: „Versuchen sie es mit Hühnerdreck von innen und Honig von außen! Hühnermist treibt und Bienenhonig zieht!“ Gerne hätte ich so einen blonden Wickingerbart wie mein Landsmann, der I.W.O., aber mit 19 Jahren kann man nicht alles haben.
Der Ausguck meldet: „Recht voraus zwei U-Boote in Sichte!“ Wir sind am Treffpunkt mit der Milchkuh. Das erste Boot hängt schon am Schlauch und lutscht sich voll. Es ist früher Nachmittag, als auch wir die Verbindung zum Tanker festmachen. Inzwischen sind wir vier
U-Boote. Alle haben ihre Flak besetzt und es wird eisern Ausguck gegangen. Zwar kommen hier keine landgestützten Viermotorigen her, aber mit Trägerflugzeugen muß man überall rechnen. Und notfalls kann man sich die vom Hals halten, bis alle wieder tauchklar sind.
Eine Leinenverbindung zum Versorger ist hergestellt und daran wird ein Schlauchboot mit Verpflegung herüber gezogen. Dazu muß man wissen, daß der Versorger sein Öl aus Zellen abgibt, die beim Tankvorgang wieder mit Wasser voll laufen, auf dem der restliche Diesel-kraftstoff aufschwimmt. Der Versorger wird also bei der Ölabgabe schwerer. Das gleicht er aus, indem er Konserven abgeben muß, egal ob die Boote sie brauchen oder nicht.
So pendeln also Schlauchboote mit Verpflegungskartons zwischen den Booten und dem Tan-ker hin und her. Geschäftiges Treiben überall, denn die Kartons müssen ja so schnell wie möglich unter Deck und verstaut werden.
Wer die Ölübernahme beendet hat, zieht so bald er kann Leine. Unser Funkschlüssel soll ja sicher sein. Aber immer wieder sind Versorger auf ihren Treffpunkten überrascht worden. Endlich sind auch unsere Treibstoffzellen voll. Der Frischproviant tut gut: Wann haben wir zuletzt Weißbrot aus einer Bordbäckerei gegessen? Wir verlassen den Tanker und wenden uns nach Norden. Am Abend serviert der Smut frische Erdbeeren aus der Tiefkühltruhe mit Schlagsahne! Unsere Vorräte sind reichlich. Natürlich werden die besten Konserven zuerst verbraucht. Man weiß ja nie, was dazwischen kommt.
Erneut stehen wir in einem Aufklärungsstreifen. Das mit der Tropenkleidung war ja wohl ein Witz. Ich habe inzwischen „gute Augen“. Das ist vor allem in der Nacht Übungssache. Das Nachtsehzentrum liegt nicht an dem Punkt, wo man am Tage am schärfsten sieht. Man muß also, wenn man einen Schatten im Glas zu erkennen glaubt, etwas daneben blicken. Dann wird der Schatten deutlicher. Das kann man lernen.
Eines Morgens glaube ich an der Kimm zwei Mastspitzen erkennen zu können. Vor Aufre-gung verunglückt meine Meldung zu einer Frage: „Herr Oberleutnant, ist da nicht etwas in 350 Grad?“ Der I.W.O. ist zufrieden! „Kommandant auf die Brücke! Geleitzug voraus“!
Jetzt erkennt man eine Fregatte, die Kurs auf uns zu hält. Schnell noch ein Kurzsignal mit Position und Kurs des Geleits an den BdU. Dann wird es höchste Zeit, in den Keller zu gehen. „Alarrrm!“ Die Klingel kreischt und wir rutschen durchs Turmluk hinunter in die Zentrale.
„Auf 150 Meter gehen!“ Auf dreißig Metern pendelt der LI das Boot noch einmal durch, um die letzte Luft aus den Tauchzellen entweichen zu lassen. „Alle Mann voraus!“ Mit Affen-zahn toben wir nach vorne, damit die notwendige Schräglage entsteht, um schnell auf große Tiefe zu kommen. Das Boot neigt sich und die E-Maschinen jagen es bergab. „Abfangen, alle Mann auf Stationen!“ Aus dem Funkraum kommt die Meldung: „Zerstörer im Anlauf auf 270 Grad!“
Harnack und ich sitzen auf der Kommandantenkoje, als die ersten Wasserbomben fallen. Das Zirpen des Sonar-Gerätes klingt widerwärtig in den Ohren. „Puing, puing, puing!“ Die ers-ten Wasserbomben liegen weit weg. Wir Fähnriche grinsen uns bei jeder Wabo-Serie an. Zwar klopft das Herz , aber irgendwie reizt das Abenteuer der Gefahr.
Die Stunden vergehen quälend langsam. Wir wissen daß eine Suchgruppe über uns steht, die nicht aufgeben wird, wenn der Geleitzug weiterziehen muß. Diese Korvetten haben Zeit für uns!. Aber sie müssen wohl anfangen, ihre Wasserbomben zu schonen. Wir sind auf 230 Meter Tiefe nicht so leicht zu treffen. Die Konstruktionswassertiefe beträgt bei unserem IX B-Boot
nur 100 Meter. Aber unser LI hat mehrfach in der Karibik ausprobiert, daß U 108 über 200 Meter Tiefe aushält, auch wenn es in den Spanten knackt. Nur noch der Obersteuermann zählt die Wabos fürs Kriegstagebuch. Jede volle Stunde meldet der Funker: „Gegner läuft an ! Wasserbombe Achtung null!“ Jetzt dauert es eine Ewigkeit, bis die Detonationen folgen. Der Alte fährt ein Ausweichmanöver. Mal dreht er nach Steuerbord, mal nach Backbord, mal geht er kurz auf AK voraus, mal stoppt er. Aber bis jetzt haben die Wabos immer noch viel zu hoch gelegen. Wir sind längst auf Schleichfahrt. Die Ventilatoren sind abgestellt. Ich liege auf meiner Koje und atme durch eine Kalipatrone. Mir fällt das Tal der Tränen auf dem Dänholm ein, wo wir mit Gasmaske geschliffen wurden. Harmlos war das damals im Vergleich zum schweren Atmen jetzt. Aber die Luft ist schon so mit Kohlendioxyd angereichert, daß man ohne Filter schnell für immer einschlafen würde.
Eine Wasserbombe explodiert verdammt nah. Ich sehe von meiner Koje aus, wie die Kugel-schotten sich beim Schwingen des Druckkörpers gegeneinander verschieben. Wahnsinn, was das gute Stück alles aushalten kann! Die Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Wieder ein dumpfer Schlag! Klirren übertönt das Rauschen. Der Pentrygast hat ein Tablett mt Tassen losgelassen, als er in der Druckwelle das Gleichgewicht verlor. Das spielt zwar keine Rolle, denn nach einer Wabo-Explosion ist oben sowieso nichts Verwertbares zu hören. Aber dem Obersteuermann rutscht die Hand aus und der Gefreite fängt eine kräftige Ohrfeige ein.
Jeder versteht das. Wir wagen nicht, uns auf der Koje umzudrehen, wenn die Bettfedern etwas quietschen und der Kerl veranstaltet hier Polterabendlärm!
Nach sechsunddreißig Stunden sind unsere Batterien leer. Wir müssen die Nacht zum Auftau-chen nutzen. Schraubengeräusche sind nicht zu hören, aber die Suchgruppe kann ja auch ge-stoppt liegen und auf uns warten! Langsam schleichen wir an die Oberfläche. Im Nachtsehrohr ist nur graue Suppe zu sehen. Nebel ! „Auftauchen!“ Der Kommandant hechtet durchs offene Turmluk auf die Brücke. Keine Bewacher mehr zu sehen. Offenbar sind ihnen die Wasserbomben ausgegangen. „Brückenwache aufziehen!“ Die Ventilatoren saugen frische Luft ins Boot. Tief atme ich durch. Es schmerzt fast ein wenig in der Lunge nach dem endlosen Hecheln durch die Kalipatrone. U 108 hat wieder einmal Glück gehabt.
Über Bordlautsprecher wird der Funkspruch vorgelesen: „U 108 Operationen abbrechen. Rückmarsch über Bergen nach Stettin!“ Verständlicher Jubel. Die in elf Feindfahrten be-währte Besatzung soll in der Heimat auf neue Boote verteilt werden. Solange Dönitz kein Rezept gegen die neuen Abwehrwaffen der Alliierten hat, will er seine besten Besatzungen nicht unnötig opfern. Das Boot wird in einer Schulflottille gebraucht.
Mein Crewkamerad Harnak hat Pech. In seinem Sektor fliegt eine Catalina an, die er zu spät bemerkt. Noch in das Alarmtauchen fallen die Bomben ! Sie liegen verflucht nah. Von die-sem Tage an ist Harnak bei der Besatzung in Verschiß. Ich bin der „brauchbare“ Fähnrich, weil ich ein Geleit gesichtet habe. Daß wir dabei eine Suchgruppe erwischten, war nicht mein Fehler.
In der Islandpassage fahren wir wieder viel getaucht. Beim Aufladen der Batterien darf ich auch in der Gefahrenzone Brückenwache gehen. Meinen Augen vertraut man. Harnak bleibt bis zum Einlaufen unter Deck. Er sitzt stundenlang am Tiefenruder und wird angepfiffen, wenn das Manometer eine Kleinigkeit schwankt.
Endlich sehen wir am Horizont die blauen Berge der norwegischen Küste. Hinter einem Mi-nensucher laufen wir in den Stützpunkt Bergen ein. Unsere Torpedos geben wir ab. Schon in der Nacht geht es weiter nach Stettin. Beim Einlaufen haben wir alle Wimpel von 11 Feind-fahrten gesetzt. Meine erste und einzige Feindfahrt habe ich glücklich überstanden. Der Kommandant fällt am 9.2.1945 auf U 864 vor Bergen beim Auslaufen nach Japan. Von Har-pe läuft am 2.3.45 vor Warnemünde mit einem Typ XXI-Boot auf eine Mine. Es gibt keine Überlebenden
auf beiden Booten. Auch Fähnrich Harnak fällt als Leutnant zur See noch 1945.
Ausbildung zum U-Boots-Wachoffizier
Wir sind in Stettin gerade eine Stunde fest, als mir im Stützpunkt ein Admiral begegnet. Mein in Ermangelung eines U-Boots-Bartes etwas lang getragenes Haupthaar mißfällt ihm. „Von welchem Boot ist der Fähnrich?“ Ich melde „Fähnrich zur See Brunowsky, U 108, Herr Ad-miral!“ Der regt sich noch etwas darüber auf, daß ich eine Stunde nach dem Einlaufen noch nicht beim Friseur war. Dann bin ich entlassen. Wieder an Bord zurück höre ich eine Durch-sage: „Fähnrich Harnak zum Kommandanten!“ Der arme Kerl wird zusammen geschissen, weil er eine Stunde nach dem Einlaufen immer noch nicht beim Friseur war. Der Admiral hat zwar meinen Haarschnitt beanstandet. Wenn aber ein Fähnrich aufgefallen ist, dann kann das nur Harnak gewesen sein, der damals die Catalina zu spät gesehen hat. Das wird ihm anhän-gen, solange wir auf diesem Boot sind.
In einem Cafe lerne ich eine lebenslustige Brünette kennen. Ein vielsagender Blick schmachtet mich an. Ich bin nicht abgeneigt und schon nach ein paar Heißgetränken ziehen wir ab auf ihr Zimmer. Sie ist besorgt, daß uns keine Nachbarn sehen. Es wird ein aufregender Abend. Ich verspreche wiederzukommen, wenn mein Urlaub vorüber ist.
Fähnrich zur See Brunowsky 1943
Stolz fahre ich nach Hause und zeige mich Eltern und Freunden in meiner schicken blauen Uniform mit dem goldenen Ehrendolch. Ich treffe Gisela Maybaum, eine Schulkameradin aus Estland. Wir verbringen nette Stunden zu Hause bei ihr. Aber die Mädchen in Stettin sind weniger zurückhaltend. Jedenfalls läuft mit baltischen Damen nichts ohne Traualtar!
Zurück im Stützpunkt mache ich auch Harnak mit meinem Bratkartoffel-Verhältnis bekannt. Sie hat Sinn für Abwechslung und erfreut uns beide, bis wir auf den ersten Lehrgang versetzt werden. Die UWO-Ausbildung beginnt mit dem Torpedo-Lehrgang in Flensburg. Zunächst gibt es viel Theorie über Torpedos, die mit Luft angetrieben werden . Sie hinterlassen eine Blasenbahn, sind aber schneller als die E-To`s, die mit Batterien laufen.
Richtig spannend wird es dann bei den praktischen Schießabschnitten. Jeder von uns be-kommt zwei Anläufe am Tage und zwei in der Nacht. Wir müssen Gegnerfahrt und Gegner-lage richtig einschätzen, zielen und abdrücken. Gespannt verfolgen wir Blasenbahn bzw. die grüne Lampe am Torpedokopf. Laufen sie unter dem Zielschiff durch, dann hat man getrof-fen.
Eher trist ist der Nachrichtenlehrgang in Mürwik. Draußen lockt das herrliche Sommerwetter während wir im Hörsaal Funksprüche entschlüsseln lernen und Erkennungssignale aus gehei-men Unterlagen zu entnehmen üben. Wenigstens zum Winkern kommen wir gelegentlich an die frische Luft. Es ist nützlich, mit lesen zu können, wenn der Signalgast Sprüche empfängt oder abgibt. Auch im Morsen kann ich mein Tempo auffrischen. Über Funkmeßbeobachtung und Ortung erfahren wir nichts, obwohl das Wissen darüber an der Front inzwischen überle-benswichtig wird.
In Neustadt/Holstein üben wir, mit dem Tauchretter aus einem gesunkenen Boot auszusteigen. Das hilft zwar im Atlantik wenig, kann aber bei den Übungsfahrten in der Ostsee das Leben retten. Mit einem Taucher steigen wir in einen U-Boots-Turm ein, über dem ein zwanzig Me-ter hoher Wassertopf liegt. Das Fluten des Turms erleben wir hinter einem Süll, das um das
Luk herum liegt. In der Luftblase schiebe ich das Mundstück zwischen die Zähne. Bei Druck-ausgleich springt der Lukendeckel auf. Jetzt schwimme ich langsam durch das Turmluk nach oben und lasse aus dem Mundwinkel sachte Luft ab, „damit die Lunge nicht platzt“, wie der Ausbilder uns warnt. Das kann zwar beim Aussteigen aus sechzig Metern Tiefe passieren, ist aber im Übungsbetrieb noch ungefährlich. Es bleibt ein aufregendes Abenteuer.
Schöner Höhepunkt ist der Artillerielehrgang in Swinemünde, wo wir nach Herzenslust mit Fla-Waffen aller Kaliber ballern dürfen.
Danach gehen wir auseinander. Viele Kameraden kommen direkt auf chancenlose Neubauten ohne Schnorchel. Für die meisten von ihnen wird dies der letzte Sommer. Ich bekomme noch eine Galgenfrist. Mein nächstes Kommando ist das Torpedoboot Löwe bei der
27. U-Flottille, wo die neuen Boot in taktischen Übungen geschult werden, bevor sie an die Front kommen. Das T-Boot spielt Sicherung an einem Übungsgeleitzug.
Taktische Übungen bei der 27. U-Flottille
Das Torpedoboot „Löwe“ ist ein in Norwegen erbeutetes Fahrzeug ohne großen Kampfwert. Unsere Aufgabe ist es, einen Übungsgeleitzug von vier Dampfern auf wechselnden Kursen zwischen Bornholm und Liebau zu sichern. An diesem Geleit versuchen die Neubauboote Fühlung zu halten, andere Boote heran zu führen und im Tag- oder Nachtangriff zum Schuß zu kommen. Die vier Geleitfahrzeuge müssen die Angreifer während der Übung erkennen und abdrängen, wobei wir im Gegensatz zur Wirklichkeit an der Front weder Radargeräte noch Unterwasser-Ortung einsetzen können.

I. Wachoffizier auf Torpedoboot Löwe Winter 43/44
Ich melde mich bei Oberleutnant zur See Prüfe, einem früheren Obersteuermann, an Bord. Wir sind zwei Oberfähnriche und fahren das Schiff abwechselnd auf der Brücke. Vier Stunden Wache, vier Stunden wachfrei. Das ist ein ganz schön harter Strob während der Taktischen Übungen, die alle Frontboote vor ihrem ersten Einsatz durchlaufen.
Es ist eine kleine Besatzung an Bord und ich versuche mich vor dem ersten Auslaufen mit den Unteroffizieren gut zu stellen. Die erwarten, daß man „einen ausgibt“, wenn man neu ist. Wir haben auf der Marineschule zwar gelernt, wie man mit angetrunkenen Untergebenen umzuge-hen hat, ohne seine Autorität zu verlieren, aber lernen kann man das alles erst in der Praxis. Jedenfalls ist mir etwas mulmig zumute, als unser Signalmaat nach der ersten Flasche „Ma-chandel“ ein Messer zieht, es an einem Lederstreifen wetzt und anfängt, auf mein Ohr zu star-ren. Dann flüstert mir ein Obermaat zu, ich müsse jetzt aufpassen. „Wenn der etwas getrunken hat, Herr Oberfähnrich, dann will er Blut saugen!“ Wie zur Bestätigung legt der
Signalmaat einen Hundertmarkschein auf die Back und nähert sich mir mit dem Messer in der Hand, wobei er lüstern auf mein Ohrläppchen starrt. Nicht die Angst vor einem kleinen Rit-zer beschäftigt mich. Aber die Vorstellung vom Gelächter an Bord und die Unsicherheit, mich falsch zu verhalten, macht mir Sorgen. Ich schiebe Messer und Geld barsch von mir. „Machen sie keinen Scheiß!“ Dann plötzlich befreiendes Gelächter. Das Ganze war natürlich ein in-szenierter Jux, den man an Bord mit jedem neuen Oberfähnrich veranstaltet. Offenbar respektiert man meine Reaktion. Jedenfalls habe ich bei der Besatzung keine Probleme.
Auf einem anderen Torpedoboot fährt Oberfähnrich zur See Baldus als I. Wachoffizier.Das Boot muß in die Werft. Voller Neid sieht der Oberfähnrich ein neues Sonargerät in einem Lagerraum der Halle herumstehen. So was brauchen wir dringend, wenn wir unsere Übungen realistisch fahren wollen. Die Werftarbeiter erzählen bereitwillig, daß der U-Jäger, für den das Ding gedacht war, inzwischen abgesoffen ist. Baldus ist mit der Tochter des Werftdirektors befreundet. Ein Gespräch mit dem alten Herren, ein paar Anrufe in Berlin und die Sache klappt. Der Kommandant staunt nicht schlecht, als er wiederkommt und sein Boot im Dock vorfindet, wo man das Sonargerät einbaut. Ab jetzt kann einer von uns die angreifenden
U-Boote realistisch auch unter Wasser verfolgen.
Ich fahre in pechschwarzer Nacht wieder einmal einen Zacken in einen dunklen Sektor, in dem ein Angreifer durch die Sicherung ins Geleit einzudringen versuchen könnte. Man ent-wickelt
einen Spürsinn dafür, was die Boote vorhaben. Meine Nase hat mich nicht getäuscht. Recht voraus setzt ein Boot Laternen, um eine Kollision zu vermeiden. „Beide Maschinen stopp!“
Hinter mir aus der Koje brüllt der Alte: “Beide AK zurück!“ Es reicht gerade! Zehn Meter vor dem Kameradenboot kommt das T-Boot zum Stehen. Instinktiv hat der Kommandant meine
Unerfahrenheit richtig eingeschätzt und so ein schlimmes Unglück verhindert. Er macht mir keine Vorwürfe, aber ich habe gelernt!
Wenn wir ein Boot unter Wasser drücken, werden scharfe Handgranaten geworfen, um Was-serbomben zu simulieren. Das klingt ziemlich echt! Aus Jux werfen wir Oberfähnriche so, daß die Handgranate neben der Koje des schlafenden Kameraden hochgeht. Man denkt an eine Mine und wird ganz schön wach davon! Zu Sylvester 43/44 ballert Gotenhafen um 24 Uhr einen tollen Feuerzauber in die Luft. Wer zählt schon die Leuchtspurmunition nach?
Wir gießen uns einen auf die Lampe. Was mag das nächste Kriegsjahr bringen ?
Baubelehrung als II.Wachoffizier auf einem Neubau in Bremen
Im April 1944 werde ich zum Leutnant zur See befördert und nach Bremen auf einen Neubau versetzt. Baubelehrung nennt man die Zeit, wo die Besatzung schon zusammengestellt war
um ihr Boot kennen zu lernen, während die Werft noch am Boot hämmert und schweißt, wäh-rend Rohrleitungen und Kabel verlegt werden und jeder neugierige Besucher unsere Werftgrandies von der Arbeit ablenkt.
Aber der Blick hinter die noch nicht eingebauten Aggregate ist natürlich lehrreich und für das Maschinenpersonal ist die Kenntnis aller Leitungen, Ventile und Kabelstränge im Ernstfall lebenswichtig. Von früh bis spät hängt unser Leitender im Boot herum, in der einen Hand die Taschenlampe, in der anderen einen Plan mit bunten Zeichnungen über den Verlauf der Le-bensadern des Bootes.
Nicht so wir seemännischen Leutnants. Wir verlassen uns darauf, daß die Technik uns immer gut bedient. Jede freie Minute sind wir an Land und suchen das Abenteuer. Am Montag sitzt der Stammtisch unserer Jahrgangskameraden zusammen und berichtet über die Bolzen, die so am Wochenende angefallen waren.
Da hat einer über ein Abenteuer in einem Möbelwagen zu beichten.. Der Stammtisch gröhlt vor Freude beim Gedanken an einen Uniformmantel voller Pferdehaare, in dem sich der Leut-nant bei Hellwerden wie geteert und gefedert nach Hause schlich.
Ob zwei Leutnants gemeinsam bei Fliegeralarm eine Witwe betreuten oder ein anderer von einer scharfen Schaffnerin im verdunkelten Zug erzählte. In der „Bolzensammlung“ wurden immer neue Erlebnisse feilgeboten.
Es ist Fühling und wir sind so jung. Der Krieg und das Sterben ist in diesen Monaten so weit weg.Im Bürgerpark blühen die Rhododendronbüsche. Die Bombenangriffe halten sich in Grenzen und die U-Boot-Fahrer sind überall - nicht zuletzt bei den Mädchen - gern gesehen.
U 882 , ein IX C Boot, ist so weit ausgerüstet, daß es zu einer Probefahrt auf die Weser aus-laufen kann, an der auch unsere Seelaute als Leinenkommando teilnehmen.
Schnorchel sind für die Neubauten noch nicht verfügbar. Offenbar will die Führung zuerst die Frontboote mit diesem überlebenswichtigen Gerät nachrüsten.
Am 29. Juli 1944 fliegen die Amerikaner gezielte Angriffe auf die Werft. U 872 unter dem Kommandanten Grau wird an der Pier versenkt. Auch ein neues Elektroboot vom
Typ XXIII, U 2323 unter Angermann, sinkt nach Bombenvolltreffer.
Während wir im Spitzbunker aus dem Sehschlitz die Barackenteile unserer Unterkünfte im Werftgelände erst nach oben fliegen und dann herabrieseln sehen, schwankt der Bunker wie bei Seegang im Bombenteppich. U 882 segnet das Zeitliche noch bevor ein Kommandant es in Dienst stellen kann.
Wer von uns damals für dieses Typ IX C Boot vorgesehen war, verdankt also einer amerikani-schen Bombe sein Leben, denn nun rücken wir auf der Liste der Neubauten ans Ende der im Sektionsbau gefertigten Bremer U-Boote des neuen Typs XXI : U 3026 !

U-Boot Typ XXI im Museumshafen Bremerhaven 2005
Die Wirtschaft ist in Bremen besonders marinefreundlich. So erhält jedes neue Boot Gut-scheine für Wehrbetreungsmaterial von der Werft. Die Schallplatten für den Funkraum darf man sich dafür selber aussuchen.
Für die Offiziere ist der Ratskeller ein beliebter Treffpunkt. Hier gibt es einen Stammtisch, wo man mit den wohlhabenden Kaufleuten einmal in der Woche zusammen sitzt und zu köstli-chen Weinen eingeladen wird.
Unbeschwert und fröhlich genießt man die verbleibende Zeit vor dem Einsatz, lacht über Ma-terialprobleme beim Sektionsbau und läßt sich den Stempel Ubootstisch Ratskeller Bremen
sogar ins Soldbuch drücken.
An der Weser steht die Pier voller Sektionen des neuen Typs, die im Binnenlande vorgefertigt sind und hier auf ihren Zusammenbau warten.
Auch die Invasion läßt uns nicht am Endsieg zweifeln. Das Attentat auf den „Führer“ empfin-den wir in der Marine als Bruch des Fahneneids. Am meisten ärgert uns, daß nun die militäri-sche Ehrenbezeigung durch den „Hitler-Gruß“der Waffen-SS ersetzt wird.
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Wir Leutnante fahren auf Vortragsreisen zu verschiedenen Oberschulen, um Nachwuchs für die Marine zu werben und unsere Zuversicht als U-Bootsfahrer zu verbreiten.
Wir schauen nicht auf die Landkarte mit dem Frontverlauf sondern glauben an unsere eigene „Wunderwaffe“. Das Elektroboot ist mit 400 Metern Tauchtiefe und 18 Knoten Unterwas-serfahrt, mit Torpedos die man aus 50 Metern Tiefe ungezielt in Suchschleifen auf den Geleit-zug schießen kann, gemessen an den früheren Typen, ja auch wirklich ein Wunder an Kampf-kraft und Überlebensfähigkeit.
Die Vergeltungswaffen fliegen donnernd über den Kanal, die Propaganda jubelt und wir
glauben alles.
Inzwischen sind wir mit Neuzugängen als Besatzung für U 3026 zur Baubelehrung versetzt. Das Boot hat mit Oberleutnant zur See Günther Drescher einen Kommandanten. Die Mann-schaften und Unteroffiziere sind im „Hafenhaus“ , einem riesigen Backsteinbau im Freihafen-gelände, untergebracht. Die Offiziere haben Privatquartiere in Schwachhausen in der Nähe eines Offizierheims mit einem eigenen Bunker.
Im August erleben wir einen der schwersten Bombenangriffe auf die Wohnviertel der Werft-arbeiter in Gröpelingen. Das Hafenhaus, wo wir im Keller Deckung suchen, bleibt verschont. Noch in der Nacht tritt die Besatzung unter Leitung des wachhabenden II.Wachoffiziers zu Rettungsarbeiten heraus. Aber Hilfe ohne Bergungsgerät ist zwecklos. Glühend heiße Steine liegen über den Verschütteten, die man z.T. noch aus den Luftschutzkellern schreien hört. In einer Bahnunterführung sitzen zahlreiche Tote an der Wand. Eine Luftmine hat Ihre Lungen zerplatzen lassen, so daß sie friedlich da hocken, als wären sie nur eingeschlafen.
Auf der Straße liegen verkohlte Leichen, die auf der Flucht vor dem Feuer im geschmolzenen Teer kleben geblieben sind. Die feigen Nachtangriffe auf die Bevölkerung machen niemand kriegsmüde. Sie erzeugen nur Rachegefühle und den Willen zum Durchhalten.
Zurück in der Unterkunft stellt unser Smut den Geruch von Erbsensuppe und Rotwein fest. Auf den Bahngleisen hinter dem Hafenhaus hat es einen Waggon mit Konservendosen und einen Tankwagen mit französischem Rotwein erwischt. Der Waggon ist zwar verbrannt, doch viele gewölbte Dosen sind noch verwertbar und ergänzen in den kommenden Tagen unsere Verpflegung. Aber ebenso interessant ist der schöne Rotwein !
Natürlich wird in der Nacht jedes denkbare Gefäß damit gefüllt. Vorher hatten sich
russische Kriegsgefangene reichlich mit dem Getränk bedient, das aus Splitterlöchern im Tankwagen sprudelt.
Obwohl der Waggon weggeschafft wird, bleiben die Russen in den kommenden Wochen so fröhlich, daß unsere Lords eine weitere geheime Quelle wittern. Man nimmt die Spur auf und entdeckte einen Zugang zu einem verschütteten Weinkeller. Einträchtig mit den russischen Kriegsgefangenen bedient sich die Besatzung dort, solange der Vorrat reicht.
Immer wieder scheitert die Fertigstellung der Neubauten an Engpässen.
Die Alliierten bombardieren inzwischen auch die Zulieferbetriebe im Hinterland. So fährt z.B. ein Offizier mit Spirituosen von Bremen nach Baden-Baden um Hochdruckschläuche nach Bremen umzuleiten, die möglicherweise für Danzig oder Hamburg vorgesehen sind. Wir ver-zichten auf unseren Kognak, nur um ,wenn es geht, früher als die Kameraden aus Danzig oder Hamburg an die Front zu kommen.
Auf einer anderen Beschaffungstour entdecken zwei Lords im verdunkelten Zug eine Ballon-flasche mit Schnaps. Mangels Saugrohr legen sich die Matrosen auf den Rücken und rollen den Ballon vorsichtig so weit, daß man den Spiritus in den geöffneten Mund fließen lassen kann, was der schlafende Besitzer nicht bemerkt.
Heiraten vor der letzten Feindfahrt
Natürlich denkt man nicht ans Sterben. Aber unser Glauben an ein Weiterleben nach dem
Tod ist doch sehr beschädigt. Die christlichen Vorstellungen werden nicht gerade von der
Partei gefördert. Einige Ideologen würden wohl am liebsten wieder den germanischen Göttern
dienen, aber die Vorstellung von dem Gedränge in Wallhall nach diesem Völkermorden ist für uns zu albern, um sich darüber Gedanken zu machen. Plausibler ist da schon die These, das man sicher sein kann, weiter zu leben, wenn man Kinder vor der ersten - und vermutlich ein-zigen - Feindfahrt in die Welt setzt.
Kaum jemand macht sich deshalb bei seinen Abenteuern Sorgen darüber, daß dabei etwas passieren kann. Wenn das Schicksal es so will, werde ich eben auf diese Art weiterleben und der Staat wird schon auch für meine Kinder sorgen.
Wer die Richtige findet, möchte selbstverständlich auch noch heiraten, bevor man zur Kasse gebeten wird. Und ich finde sie !
Ich fahre nach Posen in Urlaub. Es ist August 1944. Ein lauer Sommerabend bricht an und ziellos bummele ich in meiner schicken Uniform durch die Straßen der Hauptstadt des War-thegaus. Was mir an kessen Blicken zufliegt ignoriere ich zwar nicht, es ist aber keine Traum-frau dazwischen. Das Abendessen wartet zu Hause und vor dem Schauspielhaus beschließt er in die Straßenbahn zur Saarlandstraße einzusteigen. Und da fällt mein Blick auf eine elegante junge Dame. Kostüm, blonde Hochfrisur und ein zauberhaftes Gesichtchen faszinieren mich. Nur schaut die Kleine betont in eine andere Richtung, so daß mit Blicken nichts zu machen ist. „Die muß ich kennen lernen!“ denkt man als an Eroberungen gewohnter U-Bootfahrer. Die Straßenbahn kommt und wir steigen beide ein, obwohl diese Linie keineswegs zur Saar-landstraße fährt.
Fräulein Janssen, so heißt die junge Dame, macht erste Anstalten, die Trambahn zu verlassen. Ich springe ab, als die Bahn hält, und die „Zielperson“ steigt mir unbeabsichtigt nach, weil sie hier in der Nähe wohnt. Nun war es in Posen zu dieser Zeit, nicht mehr ganz ungefährlich über eine einsame Straße zu gehen. Die polnische Widerstandsbewegung verhielt sich zwar im Untergrund noch ruhig, aber man wußte, daß es sie gab. So war die Begleitung eines Uniformträgers , zumal mit Ehrendolch, ein Angebot, daß auch eine Dame nicht abzuschlagen
brauchte.
„Entschuldigen sie, Fräulein, ich glaube wir haben den selben Weg. Darf ich Ihnen meine
Begleitung anbieten?“
Es hat funktioniert. Das Herz klopft und der Funke springt über. Auf die Frage, wo er denn wohne, mache ich eine sehr grobe Richtungsangabe. Die Saarlandstraße ist zwar nicht in ent-gegengesetzter Peilung, aber der Wahrheit entspricht die Handbewegung nicht so ganz. Vor der Wohnung verabredet man sich. Für übermorgen, denn am nächsten Tag haben wir beide ein anderes Rendezvous. Der verliebte junge Mann wird versetzt und es wurmt ihn noch nicht einmal. Sie hat eine letzte Verabredung. Von nun an holt er sie jeden Abend mit Blumen von der Dienststelle ab. Es wird die große Liebe.
Um sich verloben zu können, muß eine Dienstreise her, denn der Urlaubsanspruch ist vertan.
Im Ratskeller bekommt der II. WO die Adresse von einem hohen Parteibonzen in Posen. Der Gauleiter Greiner war im 1.Weltkrieg Marineflieger und da gäbe es bestimmt Möglichkeiten Wehrbetreungsmaterial für das Boot abzustauben.
Am 27.Oktober treffen der Torpedogefreite Kaiser und ich in Posen ein. Kaiser hat auch ein Mädchen hier und ist mir gern behilflich, das Wehrbetreungsmaterial nach Bremen zu trans-portieren. Aber erst mal müssen wir es besorgen. Der Abend gehört zunächst den Verliebten.
Am nächsten Tag habe ich meinen Termin im Posener Schloß. Es wird gerade letzte Hand an die prunkvolle Innenausstattung gelegt. Ich versinke in den dicken Teppichen auf den Gängen. Rosa Marmor umgibt mich und wertvolle Bilder hängen an den Wänden.
Ich bekomme meine Bezugscheine für Schallplatten und ein großes Blaupunkt Radio. Es ist so viel, daß ich froh bin, einen Soldaten mit zu haben. Wir beschließen, die Dienstreise um einen Tag zu verlängern.
Verlobungsfeier am 29.10.1944 in Posen
Am 29.Oktober ist Verlobungsfeier. Es wird alles aufgefahren, was man in Posen noch an Wein und edlen Speisen auftreiben kann. Wir feiern ein unbeschwertes Fest und sind beide irrsinnig verliebt. Mein zukünftiger Schwiegervater, der ja nach dem I.Weltkrieg in der Situa-tion war, die mir nach Kriegsende , wie er richtig meinte, bevorsteht, nimmt mich beiseite: „Wie wollen sie meine Tochter eigentlich nachher ernähren?“ Ich verstehe ihn nicht. „Herr Janssen, ich bin Berufsoffizier!“ Der alte Herr streicht sich verlegen durchs Haar und fragt mit verschmitztem Gesicht: „Und wenn sie diesen Beruf einmal nicht mehr ausüben könnten?“ Ungläubig schaue ich ihn an: „Wollen sie damit andeuten, daß wir den Krieg verlieren?“ Mit den Worten „Ich werde mich hüten!“ ist das Zwiegespräch zu Ende.
Zurück in Bremen ist dicke Luft. „Mensch, Zwo WO, sie sind einen Tag zu spät, Der Alte und der Kompaniechef des Lagers springen im Dreieck.“
Ich baue mich vor der Tür des Kompaniechefs, der mir die Dienstreise genehmigt hat, auf. Hinter mir der Gefreite Kaiser mit dem Blaupunkt.
„Leutnant zur See Brunowsky meldet sich gehorsamst von Dienstreise zurück. Verzögerung, weil wir Gelegenheit hatten, noch dieses Gerät für das Lager Vegesack mitzubringen, das erst gestern lieferbar war.“
Der Anschiß bleibt dem Kaleu im Hals stecken. „Ist ja phänomenal, Brunowsky! Wissen sie was, stellen sie den Apparat gleich hier in mein Dienstzimmer. Meinen Volksempfänger kön-nen sie für die Messe mitnehmen.! Verlängerung der Dienstreise hiermit genehmigt!“
Das muß auch mein Kommandant schlucken. Aber es wäre mir egal gewesen, bei ihm auf dem Teppich zu stehen. Die Zeit in Posen war es wert.
Während der Ardennenoffensive besuche ich einen „Torpedo V Lehrgang“ in Gotenhafen. Das ist die Gelegenheit zu einem Umweg über Posen mit zwei Tagen Heiratsurlaub.
Der Lehrgang ist eindrucksvoll. Wir fahren bei Nacht auf einem Torpedoboot und beobachten, wie die Aale mit grün leuchtendem Kopf all unseren Ausweichmanövern folgen und zielsicher unser Schiff treffen.
Am 3. Januar 1945 heiraten wir. Die Hochzeitsnacht fällt aus. Wir fahren 2.Klasse nach Bre-men. Alle Hochzeitsgeschenke, die Aussteuer, das Kristall und eine neue Uniform bleiben
im sichern Posen. Während wir unterwegs zur Bahn sind, erreicht der Schwiegervater das Hochzeitshaus. Er kommt zu spät!
Unser Hotelzimmer im Hafenhaus zu Vegesack ist belegt. Ein Bombenangriff erforderte die Unterbringung der Opfer, die alles verloren haben. Wir fühlen uns bestätigt, unsere Klamotten im Osten gelassen zu haben.
Mit ungeeignetem Schuhwerk - Helma trägt hohe Hacken - tippeln wir zum Stützpunkt beim Bremer Vulkan. Die Kameraden kümmern sich rührend um uns. Wir bekommen ein Zimmer, in dem ein Kommandant wohnt, der auf Urlaub ist. Spartanisch! Nur ein Bett, ein Spind und ein Schreibtisch mit zwei Stühlen. In den Flitterwochen genügt ein Bett vollauf.
Plötzlich wird es taghell, als ein Läufer die Fensterläden öffnet. Eine Besatzung macht drau-ßen Formaldienst und marschiert mit größtem Vergnügen auf unser Fenster zu, bevor das Kommando „Rechts schwenkt Marsch!“ die ganze Kolonne mit Blickwendung zum Fenster an uns vorbei defilieren läßt.
Ich krieche im Adamskostüm zum Fenster, um die Stores zuzuziehen. Vergeblich! Es sind nur schmale Attrappen. Mit einer Haarklammer versuche ich sie in der Mitte zu halten. Endlich hat jemand Erbarmen mit uns, und die Fensterläden werden wieder geschlossen.
Wenige Tage später können wir in unser Hotelzimmer. Meine junge Frau begleitet mich am Morgen zum Dienst. Es wird eine kurze, glückliche Zeit, in die wir so viel Leben wie möglich hinein packen. Ich falle sichtbar vom Fleisch.
Auch der LI, Heinz Wöllert, hat kurz nach uns geheiratet. Bei Gelegenheit feiern wir in den Baracken der Deschimag-Werft, wo unser Boot entsteht. Alkohol gibt es für U-Bootsfahrer genug. Es wird spät und die Damen bleiben zur Nacht bei uns. Wir sind ja verheiratet! Wöl-lerts liegen oben, wir unten in einer Doppelkoje. Dem guten Heinz ist der Film gerissen. Als der Unteroffizier vom Dienst draußen „Reise,reise!“ pfeift, fährt er hoch, sieht seine Frau ne-ben sich und stottert: „Ursula, w..wa...was machst Du denn hier!“
Endlich heiratet auch der Wachingenieur . Wir feiern die Hochzeiten im Kasino nach. Wöllert fordert Helma auf, einen Stuhl zu besteigen. Er drückt ihr eine Kordel in die Hand und gibt mir das andere Ende. Nun soll die Runde raten, was das darstellt:
„Der II.W.O. läßt seinen Drachen steigen!“ So gerät man für Jahrzehnte in Verschiß !
Wie ein Hammerschlag zerstört der Zusammenbruch der Ostfront diese Idylle. Plötzlich sind auch unsere Verwandten in Posen auf der Flucht. Wir selber verlieren alle unsere Habe, sind aber trotzdem glücklich, gesund im Westen angekommen zu sein. Ab sofort gelten wir als Flüchtlinge. Da wir vor allen anderen angekommen sind, bekommen wir eine kleine Wohnung und sogar Bezugscheine für Bettwäsche und Hausrat.
Unser Elektroboot Typ XXI
In der Werft nimmt unser U 3026 inzwischen schon Gestalt an. Der Bootskörper ist zusam-mengeschweißt und die Werftarbeiter verlegen Kabel und Rohre, während unsere Heizer
zusehen und - wo dies möglich ist - mit anpacken.
Günter Böddeker beschreibt in seinem Buch, „Die Boote im Netz“ (Bergisch Gladbach, 1981, S.342 ff) sehr eindrucksvoll, was für eine Kampfmaschine unser Elektroboot zu werden ver-sprach:
Der Typ XXI verdrängte 1.800 Tonnen . Er war 77 Meter lang. Getaucht konnte das Boot 17 Knoten über eine längere Zeit fahren und so allen U-Jägern davonlaufen. Seine Tauchtiefe von 300 Metern machte es auch gegen Wasserbomben sicherer, da eine längere Sinkzeit und der Wasserdruck auf dieser Tiefe ihren Wirkungsgrad beeinträchtigen. Der auf größeren Tie-fen selbst suchende U-Jagdtorpedo der Neuzeit war damals noch nicht erfunden.
Wir konnten mit einer Treibstoffüllung 16.000 Seemeilen ohne Versorgung fahren. Mit unse-rem Gruppenhorchgerät wurden Geleitzüge auf bis zu 50 Seemeilen Entfernung erfaßt. Diese Anlage ermittelte auch die Schußwerte, mit denen man blind aus 50 Meter Tiefe schießen konnte. Die LUT-Torpedos (Lagenunabhängige Schleifenkurse fahrende Aale) wurden so eingestellt, daß sie den Kurs des Geleits senkrecht kreuzen mußten. Verfehlte ein Torpedo sein Ziel, dann wendete er und fuhr neue Schleifen bis er traf. Die Taktik war, 6 Torpedos vor das Ziel zu setzen, deren Schleifenkurse eine langsamere Vormarschgeschwindigkeit hatten, so daß das Geleit in die Torpedolaufbahnen hineinlaufen mußte. In 10 Minuten konnten 6 Torpedos nachgeladen werden, die man hinter das Geleit schoß. Ihre Schleifen bewegten sich schneller als das Ziel voran und holten so das Geleit ein.
Wer wie ich 1943 auf Feindfahrt das große Sterben der alten Boote im Atlantik erlebt hat, muß einfach daran glauben, daß man mit diesem Boot das Kriegsglück wenden kann.
Ständig kommen auf Leichtern neue Sektionen aus dem Binnenlande nach Bremen, Hamburg und Danzig. Da sie für die einzelnen Abteilungen identisch gefertigt werden, kann jede von einer Bombe zerstörte Sektion sofort ersetzt werden. Die zum Boot bereits zusammen
geschweißten Sektionen, sind also nur eine relativ kurze Zeit den Bombenangriffen auf die Werft ausgesetzt, bevor ohne großes Zeremoniell der Stapellauf stattfindet.. Damit ist die Hauptgefahr vorbei, denn die Boote lassen sich nun in den endlosen Hafenbecken der Werft relativ gut an der Pier tarnen. Jetzt beginnt das Exerzieren in der Zentrale und in den Maschi-nenräumen unter der Leitung unseres Leitenden Ingenieurs.
Die Besatzung ist vollzählig. Nach abgeschlossener Baubelehrung liegt das Boot frisch gepönt als stahlgrauer Wolf mit schlankem, stromlinienförmigem Turm und - da noch unausgerüstet - weit aus dem Wasser ragendem Bootskörper an der Pier der AG Weser.
Am 22.Januar ist es endlich so weit: Wir werfen uns in Schale: Erste Garnitur blau, Offiziere mit silbernem Koppel und Ehrendolch, so steht die Besatzung angetreten auf dem Vorschiff. Der Kommandant hält seine Ansprache. Mit gefaßten Minen lauschen wir seinen Worten, denn nun wird es bald Ernst auch für uns.

Besatzung U 3026 angetreten zur Indienststellung am 22.1.1945
Dann ertönt das Kommando:
„Besatzung stillgestanden! Heiß Flagge und Wimpel!“
Die Offiziere erheben die Hand zur Ehrenbezeigung, und dann gehen die Reichskriegsflagge und der Kommandantenwimpel am Seerohr hoch.
Jetzt befindet sich unser U-Boot klar zur weiteren Ausbildung im Dienst der Marine.
Nur aus der Ferne können unsere Ehefrauen das graue Boot liegen sehen, auf dem wir jetzt angetreten stehen. Nur noch wenige gemeinsame Wochen in Bremen sind uns geschenkt, denn bald soll es durch den Nord-Ostsee-Kanal nach Kiel gehen, wo wir für den Dienst bei der
Ausbildungsgruppe-Front ausgerüstet werden sollen.
Ein erstes kurzes Auslaufen zu einem Trimmversuch führt zur Entdeckung einer Panne: Zwei Leitungen waren vertauscht angeschlossen worden. Das hat zur Folge, daß eine Tauchzelle nicht ausgeblasen werden kann, weil die Druckluft auf eine Trimmzelle geschaltet ist. Ein tödlicher Fehler oder Sabotage?
Die Werft hat also noch zu tun!
„Alle Leinen Los und ein!“
Endlich ist es soweit: Am 16. Februar 1944 erklingt auf der Brücke das Kommando: „Alle Leinen los und ein!“ Majestätisch löst sich der schlanke Bootskörper von der Pier, wendet und nimmt Kurs auf die Nordsee. Ruhig und zuverlässig laufen die Maschinen. Vor uns sichert ein Sperrbrecher uns gegen Minen. Wir folgen ihm im Kielwasser hinaus zu unserer ersten Reise über freies Wasser mit dem Ziel Nord-Ostsee-Kanal.
Da wegen der Minengefahr und der Luftbedrohung der Auslauftermin streng geheim ist,
können auch unsere Angehörigen uns nicht zum Abschied von der Pier aus zuwinken. Ein Bild über der Koje ist alles, was uns in den nächsten Monaten an unser Lieben erinnern wird.
Sicher erreichen wir die Schleuse in Brunsbüttel und genießen die Fahrt durch den Kanal, in dem mit Minengefahr nicht mehr zu rechnen ist. Das Anlegemanöver in Kiel klappt. Hier
hatten viele Neubauten schon die Pier unsanft getroffen und sich die ersten Beulen in die neu-en schönen Bootskörper eingefangen. Zeit zum Üben von Manövern hatte man ja nicht.
Meldung beim Chef der 4. U-Flottille, zu der wir jetzt gehören.
Bekannte Gesichter allenthalben: Crewkameraden , die sich von den U-Boots-Wachoffizierlehrgängen her kennen, rufen sich „Hallo!“ zu. Das Boot von Adi Schnee, einem Eichenlaubträger,liegt - schon frontklar - an der Ausrüstungspier. Man hört von den ersten Erfolgen der kleinen Elektroboote vom Typ XXIII , die ohne Verluste vor England operierten. Nach frustrierenden Jahren im U-Boots-Krieg herrscht hier wieder Aufbruchstimmung.
Das Manövrieren mit unserem neuen Boot ist sehr ungewohnt: Normalerweise dreht das Heck nach Steuerbord, wenn die Backbordmaschine zurück läuft. Da unsere Schrauben aber etwas schräg nach außen stehen. saugen sie das Heck nach der Seite, wo die Schraube rückwärts läuft .Es ist ein Wunder, daß wir trotzdem eines der wenigen Boote mit unverbeultem Bug bleiben.
Im März absolvieren wir in vier Wochen die Übungen bei der Ausbildungsgruppe Front, die normalerweise drei Monate dauern sollten. Aber Hela steht nicht mehr zur Verfügung und so exerzieren wir im Eiltempo vor Bornholm.: Tauchen, das Boot mit 40 Grad Vorlastigkeit wieder abfangen und durchpendeln, „Alle Mann achteraus!“ , „Alle Mann voraus!“ , Lichtaus-fall usw. - alles wird Tag und Nacht geübt. Schließlich braucht der LI nicht mehr dauernd die
Tiefenrudergänger mit Kommandos wie „vorn oben zehn“ und „hinten unten fünf“ zu verbes-sern. Wir lernen im Team selbständig auf die Anzeige des Tiefenmessers zu reagieren und die befohlene Tiefe zu halten.
Vom Wert einer Flasche Schnaps hat unser Smut zunächst keine Ahnung. Als ein paar Fischer uns ihren Fang anbieten, reichte er offenbar zu viele Flaschen in den Kutter. Die Folge ist daß sich die ganze Zentrale mit herrlichem Dorsch füllt.
Tagelang gibt es jetzt Bratkartoffeln mit Dorschlebertran goldgelb gebrutzelt. Der Trick ist, daß eine mitgebratene Scheibe Schwarzbrot dem Fett den Trangeschmack nimmt. Zum Mit-tagessen wird gekochter Dorsch gereicht und am Abend gibt es eingelegten Dorsch in saurem Gelee. Es ist eine gesunde Zukost zur Dosenverpflegung. Aber natürlich riecht der ganze Dampfer bestialisch nach Fisch. So wird nach einem gründlichen Reinschiff der Rest an die Möwen verfüttert.
Weniger erfolgreich ist ein Trupp, der an Land mit Schnaps Eier und Schinken eintauschen will. Das Boot liegt weit draußen bei Bornholm vor Anker. Das große Schlauchboot wird auf-geblasen und dann pullt ein Verpflegungs-Spähtrupp an Land. Die Steilküste, an der das Boot landet, ist nur mit Mühe zu überwinden. Schließlich stehen die Lords mit der Flasche in der Hand vor einem Bauernhof. Aber auf höfliches Anklopfen rührt sich nichts. Plötzlich springt ein Däne mit der Schrotflinte in der Hand aus der Tür und panikartig ergreifen die Seeleute die Flucht.
Atemlos wollen sie gerade in das Schlauchboot steigen, als ein deutsches Patrouillenboot um die Ecke biegt und die Küste mit Scheinwerfern abzuleuchten beginnt. Hektisch wird das Schlauchboot versteckt, denn man hätte leicht für ein feindliches Kommandounternehmen gehalten werden können.
An Bord des U-Bootes macht man sich Sorgen, denn das Unternehmen ist längst zur Rück-kehr fällig. Als das Schlauchboot endlich ankommt, gehen wir Anker auf und legen uns weiter draußen getaucht auf Grund. Auf Tauschunternehmen wird in Zukunft verzichtet.
Der II. Wachoffizier hat zu der Zeit die geringsten Sorgen. Zuständig für die Funkerei mit Schlüsseldienst und Erkennungssignalen, die Flak und die Wehrbetreung hat er den ruhigsten Lenz von allen Offizieren. Viel zu entschlüsseln gibt es nicht, und unser Funkmaat, nimmt ihm
alle Arbeit ab.
So nimmt er jede Gelegenheit wahr, die Besatzung mit Sport und Geländedienst zu unterhal-ten. Wenn wir im Dauerlauf (damals nannte man es noch nicht Jogging ) durch die im ersten Frühlingsgrün stehenden Wälder trotten, ist er immer um etwas Abwechslung bemüht:
„Volle Deckung“, „Panzer von rechts“ , „Flieger von achtern“ sind Kommandos, die will-kommene Gelegenheit bieten, sich vom Laufen zu erholen und das Gefühl dafür zu schärfen, wo man in solchen Fällen am besten Deckung finden könnte. Und das hat ja in unserer Lage inzwischen durchaus einen realen Hintergrund.
Eines Tages hat er die weniger militärische Idee, „Alarm Wildschwein“ zu brüllen. Die Besat-zung reagiert prompt und klettert unter johlendem Gelächter auf die Bäume. Diese Sportart wird dann mehrfach zur Auflockerung des Laufens ausgeübt und trägt zur guten Stimmung in den letzten Kriegstagen bei.
Ernster ist es, daß der für die Schlüsselverfahren zuständige II. WO bei unseren Ostseefahrten den I. Wachoffizier nicht in seine Kunst eingeweiht hatte, das jeweilige Erkennungssignal
aufzuschlagen. Als der Zweite einmal nicht an Bord ist, sucht er verzweifelt die passenden Signalpatronen, wie sich ein Flugzeug nähert. Aber obwohl wir kein ES schießen können, mit dem man uns als eigenes Schiff identifizieren kann, bleibt der Flieger friedlich!
Bombenangriff auf die Lützow am 16.4.1945
Nachdem wir im Dock bei Swinemünde vergeblich versucht hatten, den Haarriß in einer Tauchzelle schweißen zu lassen, den der Zentralemaat entdeckt hatte, machen wir an einem Liegeplatz gegenüber dem schweren Kreuzer Lützow fest. Die Werft hatte keine Schweißstä-be mehr. Der Versuch , Blechstreifen als Schweißmaterial zu verwenden, war mißlungen.
Wir fühlen uns gegenüber diesem von Vierlingen und 10,5 cm Flak-Doppellaffetten starren-den großen Schiff vor russischen Tieffliegern sicher, die uns U-Boote manchmal belästigten.
Niemand ahnte, daß die Engländer versuchen würden, diesen - mit 28 cm-Granaten in die Panzergefechte eingreifenden - Artillerieträger mit schweren Bomben auszuschalten.
Ein paar Seeleute sind mit Farbe und Pinsel an Oberdeck und hören als erste das aus Bremen sattsam bekannte Brummen von viermotorigen Bombern.
„Fliegeralarm“ brüllt einer noch ins Boot, als schon die schwere Flak des Kreuzers im
Salventakt alle sechs Sekunden auf bellt und schwarze Wölkchen um die etwa
4000 Meter hoch anfliegenden Lancester-Bomber tanzen.
Im Affenzahn klettert der Kommandant auf die Brücke: Ein Rundblick und die Lage ist klar. Direkt auf uns zu fliegen die Viermotorigen ihren Angriff. Die 5000-Kilo-Bomben sind unter dem Rumpf deutlich erkennbar, und wir liegen in Zielrichtung keine 200 Meter von der
Lützow weg!
„Alle Leinen los und ein! E-Maschine klar für AK zurück!“
Wieselflink bemühen sich die Lords, die Stahltrossen los zu werfen, während unten der E-Maat seine Maschinen sinnig auf „Äußerste Kraft zurück“ hochfährt, immer darauf bedacht, daß der Hauptschalter nicht heraus fliegen darf!
Während in der Luft schon das Heulen der ersten 5000-Kilo-Bomben zu hören ist, nimmt das Boot Fahrt über den Achtersteven auf. Bis auf die Vorspring sind die Leinen noch losge-kommen. Nun sind die Schrauben schnell auf Umdrehungen für 18 Knoten. Das Leinenkom-mando nimmt volle Deckung. Mit lautem Knall bricht die Spring und fliegt den Seeleuten um die Ohren . Dann folgt die Detonation der ersten schweren Bombe, die zu weit für das Panzerschiff aber deutlich zu nah für U 3026 explodiert. Eine riesige schwarze Wasserwand steht plötzlich hinter der Mole, von der wir gerade frei gekommen sind. Im Boot fliegen LI und Smut mit dem Kopf an die Decke , aber dank des entschlossenen Handelns unseres Alten kommt das Boot heil aus dem Gefahrenbereich.
Auf der Lützow ist die Hölle los. Die Besatzung hatte anläßlich der Übergabe des Schiffes an einen neuen Kommandanten erste Geige weiß an und war gerade zum Mittagessen weggetre-ten als der Fliegeralarm begann. Verzweifelt wehrte sich die Flak aus allen Rohren aber die seinerzeit für die Tirpitz entwickelten Riesenbomben ließen dem Schiff keine Chance.
Entsetzt sehen wir, wie eine seitlich auftreffende Bombe den achteren Turm mit seinen drei
28 cm Rohren buchstäblich umkipp und über Bord schleudert. Matrosen in weißen Päckchen springen.in den sicheren Tod ohne an die Druckwelle zu denken, die eine Riesenbombe im Wasser auslöst.
Sanft legt sich das getroffene schwere Schiff auf Grund, denn einige Bomben sind durchge-schlagen und haben den Rumpf aufgerissen. Aber - wenn auch nicht mehr fahrbereit - bleibt die Lützow noch als Artillerieträger verwendbar.
Unser Liegeplatz ist zerstört. Als der Angriff vorüber ist, verlegten wir in die Kaiserfahrt. Ein Admiral begegnete uns im Verkehrsboot . Er springt im Dreieck, weil wir seine Flagge über-sehen haben und nicht „Front nach Steuerbord“ pfeiffen.
Wir haben glücklich überlebt! So ist uns dieser Anpfiff ziemlich egal.
Auf der Lützow bemüht sich die Besatzung, den vorderen Turm für die Beschießung von Landzielen klar zu machen.
Auch wir müssen angesichts fehlender Befehle für einen Rückmarsch in den Westen damit rechnen, noch im Landkampf gegen die Russen eingesetzt zu werden.
Rückmarsch in die Heimat
In den letzten Apriltagen hören wir im Radio, daß Ali Cremer, ein bekannter Ritterkreuzträger mit seinen U-Bootsleuten vor Hamburg 22 engliche Panzer abgeschossen habe.
Das bringt den II.W.O. auf den Gedanken, Panzerfäuste für die Besatzung zu besorgen. Mit einer Gruppe von Freiwilligen zieht man zu einem recht weit entfernt liegenden Depot. Dort wird gerade alles für die Sprengung vorbereitet, als die wild entschlossenen U-Bootsfahrer mit ihrer Anforderung nach Panzerfäusten auftauchen. Man hält uns zwar für Spinner aber wir bekommen die Panzernahbekämpfungsmittel.
Stolz marschieren wir damit zurück zum Boot. Eine Gelegenheit zum Heldentum bekommen wir jedoch nicht, denn inzwischen ist der Befehl da, in die Lübecker Bucht zu verlegen.
Am späten Abend des 29.4.45 machen wir die Leinen los um den nicht ungefährlichen
Rückmarsch durch die Ostsee anzutreten.
Der Zwangsweg, auf dem die Marine Flüchtlinge und Verwundete nach Dänemark evakuier-te, ist relativ gut geräumt. So marschieren wir nach Westen. Lange ist noch das Grollen der russischen Front hinter uns zu hören. Von der Insel Usedom her erklingt das immer leiser werdende Rattern der Heeresflieger. Endlich passieren wir Kap Arkona und setzten unsere letzte Reise bis zum befohlenen Ankerplatz vor Travemünde fort.
Das bedrückende Gefühl, Zivilbedienstete und Marinehelferinnen hilflos ihrem Schicksal bei den heranrückenden Sowjets überlassen zu haben, wird man nicht los. Aber wir hatten wohl Befehl, niemanden im U-Boot zu evakuieren.
Da liegen nun die stolzen Boote in der Lübecker Bucht vor Anker. Während die Engländer wenige Meilen entfernt irrtümlich die „Cap Arkona“ mit zahlreichen KZ-Häftlingen versen-ken, gibt es auf unsere Boote keine Tieffliegerangriffe. Von der Vereinbarung mit Montgome-ry, die U-Boote auszuliefern, wissen wir nichts. Offenbar will man die modernsten Typen unbeschädigt übernehmen, sonst wäre es wohl ein grausames Scheibenschießen geworden, wenn man mit unserer Selbstversenkung gerechnet hätte.
Der Anordnung, unsere Verpflegung zentral von Bord holen zu lassen, kommt unser Kom-mandant nicht nach. Jeder kriegt soviel Proviant mit, wie er für die nächsten Tage braucht. Diese Entscheidung erweist sich als weise, denn in Neustadt ist die Versorgung längst zu-sammengebrochen.
Am Nachmittag des 2. Mai werden die Spirituosen an Oberdeck gemannt und von den Offi-zieren am Turm zerschlagen. Im Boot riecht es wie in einer Kneipe. Nur ein paar Flaschen Seckt bleiben mit dem Sprengkommando zurück und verschönen dem Obermaschinisten und seinen Leuten die letzte Nacht an Bord.
Um 15 Uhr kommen Verkehrsboote längsseits und holen die Besatzungen von U 3026 und den anderen Ankerliegern ab. In Neustadt heißt es zunächst, daß einige Besatzungen zum Endkampf nach Berlin verlegt würden. Als Alternative wird der Schutz von Bauernhöfen vor marodierenden Sträflingen erwogen. Als gegen 17 Uhr die ersten britischen Panzeraufklärer in Neustadt einrollten, beginnen die Überlebenden der Cap Arkona sich unter dem Schutz ihrer Befreier neu einzukleiden. Marinesoldaten müssen sich ausziehen und ihre Klamotten gegen Sträflingskleidung eintauschen. Diese Blamage bleibt uns erspart. Unsere Besatzung ist gerade auf LKW `s verladen worden. In der Abenddämmerung fahren die Mannschaftstransporter nach Norden. Der Wagen mit unserem ganzen Gepäck wird vom Tommy abgefangen.
In Putlos will man unsere Besatzung zur Panzernahbekämpfung ausbilden und gegen
die Briten einsetzen. Aber dazu kommt es nicht mehr.
Das Sprengkommando erinnert sich
Befehlsgemäß lagen 31 Boote vom Typ XXI östlich der Ansteuerung von Travemünde vor Anker. Zunächst kam ein Hilfsschiff längsseits und gab mittels Bordkran eine auf geringe Tiefe eingestellte Wasserbombe an Bord. Die Selbstversenkung durch Ziehen der Entlüftun-gen war mit einem tödlichen Risiko verbunden. Der letzte Mann mußte nach dem Öffnen der Tauchzellen durch den Turm an Oberdeck klettern und das Schlauchboot mit ihm weit genug vom Boot wegpullen, bevor die Wasserbombe detonierte. Zum Glück wurde der Befehl geän-dert. Die Wasserbomben durften entschärft werden und das Boot war ungesprengt zu versen-ken.
Bevor die Besatzung mit V-Booten abgeholt wurde hielt der Kommandant eine kurze Anspra-che, in der er anerkennende Worte für die Männer fand, die die Aufgabe hätten, das Boot nicht in Feindeshand fallen zu lassen. Dann nahm er seine weiße Mütze ab und warf sie in hohem Bogen in die See.
Am Morgen des 3.Mai 1945 gingen wir unter Deck, öffneten die Flutventile und kletterten über den Turm ins Schlauchboot. Der Obermaschinist Reischl zog die Entlüftungen, war aber rechtzeitig aus dem schnell sinkenden Boot heraus im Schlauchboot. Die Leine wurde gekappt und U 3026 versank auf ebenem Kiel.
Obwohl unser Auftrag erledigt war, machten wir uns Gedanken über ein herrenlos in der Bucht treibendes Boot unserer Flottille. „Das bringen wir auch noch unter Wasser!“ Gesagt getan. Der Leiter unseres Sprengkommandos kletterte an Bord und sah, daß man die Selbst-versenkung abgebrochen hatte, weil die Preßluft nicht reichte, um die Ventile zu öffnen.
Mit einem Vorschlaghammer wurde ein WC-Becken zertrümmert und das Boot nach Öffnen des Fäkalientanks über das Außenbordventil im Klo versenkt. So brachten wir auch dieses Boot schließlich unter Wasser.
Obwohl die Boote ohne Sprengung auf Grund zu setzen waren, hatte ein fanatischer Kom-mandoführer seine Wasserbombe nicht entschärft und sich und seine Männer in die Luft ge-sprengt.
Das Schlauchboot von U 3026 wurde durch die Flutwelle dieser Sprengung voll Wasser ge-schüttet und mußte vor der Weiterfahrt mühsam gelenzt werden.
Nach langem Pullen in Richtung Küste nahm der Frachter „Beukeburg“ das Kommando an Bord. Hier herrschte Chaos. Der Laderaum quoll über von Flüchtlingen und Verwundeten.
Aber wenigstens war man nicht hilflose Zielscheibe. Wir vertrauten auf die Rotkreuz-Flagge
des Verwundetentransporters.
Inzwischen machten englische Piloten Jagd auf alles, was sich im Wasser bewegte. Zahlreiche
U-Bootfahrer starben noch, nachdem sie pflichtgemäß ihre Boote auf Grund gesetzt hatten. Der Großteil der Besatzungen kam nur deshalb heil an Land, weil der Tommy gehofft hatte, die U-Boote fahrbereit zu erbeuten.
Um elf Uhr erfolgt ein Angriff auf die Beukeburg. Eine Bombe schlägt ins offene Ladeluk und setzt den Raum in Brand. Entsetzliche Schreie der Eingeschlossenen. Wir versuchen Lei-nen hinunterzuwerfen um Leute damit hochzuziehen. Das Tauwerk verschmort in den lodern-den Flammen. Leichenberge bilden sich unter dem offenen Luk, auf denen Verwundete nach oben zu klettern versuchen. Die Beukeburg muß aufgegeben werden.
Torpedoboot Löwe kommt längsseit und nimmt die Überlebenden an Bord, obwohl selbst überfüllt. Der Kommandant, Oberleutnant zur See Prüfe, weicht einem Fliegerangriff nach dem anderen aus. Pausenlose Angriffe mit Maschinenkanonen. Gehetzt nehmen wir mal an der einen und dann wieder an der anderen Seite hinter den Aufbauten Deckung. Die Verwun-deten liegen schutzlos an Oberdeck. Wieder nehmen die Piloten von der Rotkreuzflagge kei-ne Notiz. Noch einmal werden 8 Überlebende einer U-Bootsbesatzung aufgefischt. Sie waren nicht wie unsere Crew abgeholt worden, hatten ihr Boot aber trotzdem versenkt. Den größten Teil ihrer Kameraden hatten die Engländer in Schlauchbooten und Schwimmwesten abge-knallt.
Zwei Mann unseres Sprengkommandos waren nicht mit auf das T-Boot Löwe umgestiegen und blieben auf der Beukeburg verschollen.
Schließlich kam man in Flensburg an Land. Ohne warme Klamotten und barfuß standen die Überlebenden vor einem Bekleidungsdepot, das ein Parteibonze mit Pistole in der Hand ver-teidigen wollte. Aber es gelang, ihn mit einem Handkantenschlag zu „überzeugen“ und so wärmte unsere Männer bald wieder ein Lederpäckchen.
Einige Tage später standen 2000 U-Bootfahrer auf dem Musterungsplatz der Marineschule. Großadmiral Dönitz nahm Abschied von seinen Männern. Er bedankte sich für Pflichterfül-lung und Einsatz.
Dann wurden auch die U-Bootfahrer aus der noch nicht besetzten Enklave der Reichsregie-rung in Mürwik in die Gefangenschaft verlegt. Etwa eintausend Marinesoldaten marschierten, begleitet von ein paar Jeeps mit Engländern, durch die Stadt Flensburg.
Trotz böser Drohungen durch den Tommy erklangen plötzlich wieder die alten Kampflieder.
Wenn das Singen vorne verboten wurde, ertönte es hinten von neuem: „Und vor uns mar-schieren mit sturmzerfetzten Fahnen die toten Helden der jungen Nation.......“
Ungebrochen und erhobenen Hauptes marschierten die U-Bootfahrer in Gefangenschaft.
Die Heimkehr aus der Gefangenschaft
Kehren wir zurück zu meinen Erlebnissen als II.Wachoffizier. Zusammen mit dem I.W.O. hatten wir uns auf den Weg in die Heimat gemacht.
Wirre Vorstellungen beherrschen unsere Gedanken: Gibt es noch einen Kern von Widerstand in der Festung Alpen, wo die Reste der Waffen-SS angeblich eine Art Untergang der Nibe-lungen plante? Würde die Marine in Norwegen weiter kämpfen? Gab es einen Wehrwolf, dem man sich anschließen könnte.
Sicherheitshalber habe ich mir gegen eine Flasche französischen Cognac ein Zielfernrohrge-wehr eingetauscht. Die Überlegung ist, wenn ich schon Partisan spielen soll, dann wenigstens aus sicherer Distanz.
Das ganze Leben im III.Reich zieht noch einmal in der Phantasie an mir vorüber. Mit welcher Begeisterung hatten wir Jungen die Zeit nach 1933 schon in Estland erlebt. Es begann in
Jugendlagern beim Wandervogel, der damals für uns eine Art Ersatz für die im Ausland ver-botene Hitler-Jugend darstellte. Wir trugen weiße Hemden und kurze schwarze Hosen und dazu weiße Kniestrümpfe. Zur Klampfe ertönten am Lagerfeuer bündische Lieder. Wenn wir im Gleichschritt durch die herrlichen estnischen Wälder marschierten, erklangen unsere
Marschlieder, die einen ja mit geprägt hatten:
Unwillkürlich fange ich an die alten Melodien vor mich hin zu summen, während der I.Wachoffizier sich nach dem Nachtmarsch einen Morgenschlaf am Waldrand gönnt.
Wir zieh`n auf stillen Wegen, die Fahne eingerollt
Es rinnt so leis der Regen, als wär es so gewollt.
Ich höre auf zu singen, als die letzte Zeile nicht über meine Lippen will :
„.....Aus lauter Schmach und Schand`
Ins freie Heimatland....“
Wo ist denn noch ein Stück freie Heimat, wie es Dwingers letzte Reiter 1918 besangen, als sie aus dem Baltikum zurückkehrten ?
Bedingungslose Kapitulation! Mein Beruf als Marineoffizier im Eimer ! Was soll das Leben jetzt noch ? Ich fühle mich zum Kotzen!
Die Nacht bricht herein. Eine laue Frühlingsnacht. Das Buchenlaub, das am Tag so durchsich-tig grün in den Sonnenstrahlen schimmerte, verfärbt sich blauschwarz. Es ist Zeit zum Auf-bruch.
Das Zielfernrohrgewehr auf der Schulter drückt. Warum eigentlich? Will ich wirklich noch nach dem Waffenstillstand hier den Untergang der Nibelungen spielen?
Der I.Wachoffizier Wäschle ist gelassener. Er hat einen Zivilberuf als Sohn eines Fabrikanten vor sich. Mit dem III.Reich hat er sich schon lange nicht mehr so identifizieren können wie ich mit meinem unverbesserlichen Idealismus.
Schweigend gehen wir hintereinander auf Wald- oder Feldwegen nach Südwesten. Unsere Proviantreserven gehen dem Ende zu. Wagen wir es, auf einem Bauernhof nach etwas Brot und Milch zu fragen? Wird man uns nicht beim Engländer melden?
In voller Kriegsbemalung klopfen wir bei einem kleineren Hof, der versteckt zwischen alten Eichen abseits der Straße liegt, an die Tür. Ein Hund schlägt an und dann erscheint eine müt-terliche Frau im Lichtschein einer Stallaterne. Der Schreck steht ihr im Gesicht, denn von den Alliierten befreite Zwangsarbeiter aus Polen und Rußland ziehen marodierend durchs Land und plündern die Bevölkerung aus.
Vertrauenerweckend sehen wir in unseren Tarnanzügen und Phatasieuniformen ja auch nicht aus und unsere Waffen dürften wir ja gar nicht mehr haben.
Die höfliche Bitte um etwas zum Essen weckt aber sofort den Mutterinstinkt. Wir bekommen ein Glas kuhwarme Milch, etwas Brot und eine Scheibe Speck. Nur möglichst bald wieder verschwinden sollten wir gerne, damit man keinen Ärger wegen unserer Bewaffnung mit den Besatzern bekommt! Der I.W.O.schlägt vor, das Kriegspielen zu beenden und sich in Gefan-genschaft zu begeben. Hier sind wir ja nicht im Osten, wo ein Lager in Sibirien droht.
Ich sehe das ohne lange Diskussion ein. Ein einsamer kleiner Teich nimmt mein schönes Ziel-fernrohrgewehr mit einem Plumps auf, für das ich vor vier Tagen noch eine ganze Flasche französischen Cognac gegeben habe. In weitem Bogen schleudert der IWO seine Maschinen-pistole hinterher. Wir nehmen Kurs auf Eutin, die nächste größere Ortschaft vor uns, um dort zu sehen, wie es weiter geht.
In der Stadt fahren englische Jeeps mit grinsenden Soldaten an uns vorbei. Niemand nimmt von uns die geringste Notiz! Das Benzin riecht anders als der deutsche Sprit in den letzten Kriegstagen. Noch gute Friedensqualität schießt es mir durch den Kopf.
Vor uns eine typische Kasernenanlage. Ein Posten zeigt uns den Weg zu einem deutschen Kasernenkommandanten, nachdem er uns flüchtig auf Waffen abgetastet hat. Alles sehr locker beim Tommy!
Wir melden uns bei einem greisen Kapitän zur See und werden mit überschwenglichen Worten begrüßt: „Endlich meine Herren! Ich dachte schon, hier würden sich überhaupt keine Offiziere melden. Alles was fahren konnte ist ja nach Norden abgezogen. Ich sitze hier mit ein paar tausend einfachen Soldaten und soll auf Befehl des britischen Kommandeurs ein Gefan-genenlager organisieren. Sie, meine Herren, sind die ersten Dienstgrade in meinem Lager!“
Im Vorzimmer nimmt ein Gefreiter unsere Personalien auf. Wir bekommen Unterkunft aber keine Verpflegung. Es gäbe pro Tag eine Scheibe Corned beef und ein paar Kekse. Nur Tee könnten wir jede Menge zu trinken bekommen.
Dann erhalten wir einen ersten Auftrag: Der Engländer will, daß wir Streife gehen und alle noch nicht erfaßten Soldaten in die Kaserne lenken. Der IWO meint lachend, daß sich bei der Verpflegung ja wohl niemand freiwillig als Gefangener melden würde.
Natürlich muß eine militärische Streife bewaffnet sein! Eine weiße Armbinde mit Stempel der Standortkommandantur weist uns als offizielle Organe aus. Dann händigt unser weißhaariger Kapitän jedem von uns eine deutsche Pistole aus. Er nimmt sie von einem großen Haufen im Nebenzimmer, wo sie in Massen herumliegen. Kein Papierkram, nur ein kurzer Zuspruch:
„Machen Sie es gut, meine Herren, und melden Sie mir, wenn sie plündernden Polen begeg-nen, oder Schwierigkeiten mit unseren Besatzern bekommen!“ Er legt die Hand an die Mütze und auch wir sind froh, wieder wie Soldaten grüßen zu dürfen. An den deutschen Gruß habe auch ich mich nach dem 20.Juli 44 nur widerwillig gewöhnen müssen. Wenigstens das ist vorbei!
Die Schwierigkeiten lassen nicht lange auf sich warten. Ein Jeep bremst mit quietschenden Reifen neben mir und ein Tommy zeigt auf meine Pistolentasche: „Give me your pistol!“
Daß ich berechtigt bin, sie zu tragen, interessiert nicht. Grinsend sagt er nur „Souvenir!“ und gibt Gas. Anstandslos bekommen wir im Nebenzimmer des Lagerkommandanten eine neue Pistole. Aber unbekümmert, wie wir Leutnants damals waren, verschwindet sie jetzt in der Hosentasche. Die Pistolentasche bleibt leer. Es funktioniert: Auf den Befehl des nächsten Engländers, die Waffe herauszurücken, frage ich frech, was er denn für eine deutsche Walter-pistole ausgeben würde?
Er holt eine Dose Corned beef aus dem Wagen und ich ziehe das Tauschojekt aus der Tasche.
Das erste Schwarzmarktgeschäft ist geglückt! Problemlos erhalte ich jedesmal eine neue Pis-tole aus dem Bestand. Wir können uns satt essen und die englischen Soldaten haben wir auch glücklich mit ihren im Kampf erbeuteten Waffen gemacht.
Unsere Streifengänge werden zu ausgedehnten Wanderungen ins Umland von Eutin.In einem Wald, der abseits von den größeren Straßen liegt, entdecken wir eine Gruppe von Wohnwagen mit Marinesoldaten. Sie leben friedlich vor sich hin und haben das Kriegsende einfach nicht zur Kenntnis genommen. Oberleutnant zur See Wäschle läßt seinen Dienstgrad heraushängen und bekommt Meldung von einem feisten Oberstabsbootsmann, der den Wagen des Kompaniechefs wie ein kleiner Fürst bewohnt. Die Einheit entpuppt sich als Marine Baukompanie. Sie ist voll mit Werkzeug und Material ausgestattet. Alles an Material ist Mangelware, die man, wie der Spieß berichtet, gegen Verpflegung beim Bauern eintauschen kann. Das ist unsere große Chance: Wir melden unserem Lagerkommandanten das Vorhandensein von Marine-Pionieren, die man für Unterhaltungsarbeiten im Gefangenenlager hervorragend gebrauchen kann, wenn man die Einheit nur ordnungsgemäß führt.
Der Engländer ist rasch überzeugt. Wäschle wird als Kompaniechef und ich sein Stellvertreter. Von den Vorräten haben wir klug geschwiegen. Als erste Maßnahme wird der Spieß aus dem Chef-Wagen ausquartiert, der mit seiner ganzen Ausstattung wieder seinem ursprünglichen Zweck zugeführt wird. Wir richten uns ein.
Nun erhalten wir laufend Aufträge vom Tommy: Dort muß ein Zaun repariert werden, hier gilt es eine Behelfstoilette auszuheben und den Donnerbalken im Wald zu besorgen. Bauwünsche der englischen Lagerleitung werden bevorzugt erledigt.
Wir haben den Laden schnell im Griff. Ein Marineoffizier kann alles besser (bis auf das Rei-ten, das kann er nur so gut, wie die Kavallerie)! Täglich wird der nicht zu Bauarbeiten benö-tigte Teil der Truppe mit Versorgungsaufgaben bedacht. Da wird eine Bestellung von Dach-pappe notiert und ein Hammel als Tauschobjekt akzeptiert. Stacheldraht wechselt gegen Eier und Butter in die Landwirtschaft. Sogar ein Edeka-Lastwagen (natürlich aus Wehrmachtsbe-ständen organisiert) bringt Mehl und nimmt Zement, Nägel und Werkzeug zur Reparatur sei-ner Verkaufsräume mit.
Die Kombüse überschlägt sich. Jeden Morgen gibt es selbst gebackene frische Brötchen. Der Hammel würzt die köstliche Kartoffelsuppe mit dem gewünschten Fleischgeschmack und die Truppe ist hoch zufrieden mit der neuen Führung. Der Spieß, der bisher die Schiebergeschäfte auf eigene Rechnung gemacht hat, setzt sich ab. Hier gibt es für ihn nichts mehr abzustauben!
Während wir in den letzten Wochen des Wonnemonats leben wie der liebe Gott in Frankreich, ziehen zwei Kilometer östlich von uns endlose Landserkolonnen in die Gefangenschaft. Es sind
reguläre Truppenverbände mit intaktem Dienstgradgefüge, die in einem großen Kessel in Ostholstein zusammengefaßt werden. Wir wissen damals noch nicht, daß Churchil allen Ern-stes mit der Möglichkeit rechnet, in absehbarer Zeit deutsche Truppen gegen die Sowjets ein-setzen zu müssen. Nur die blauäugigen Amerikaner feiern ihre Verbündeten und liefern mit uns verbündete Wlassow-Truppen , Kosaken und andere Freiheitskämpfer gnadenlos an Sta-lins Schergen aus.
Natürlich ist die englische Logistik nicht auf die Versorgung solcher Gefangenenzahlen einge-richtet. Wochenlang leben unsere Heereskameraden von einer Scheibe Corned beef und ein paar Keksen - und das ohne Kochgelegenheit im Freien. Die ganze Gegend ist ein Heerlager. Man gräbt sich wie an der Front ein, wohnt in Zelten oder Behelfs-Unterständen und sammelt alles, was den Hunger etwas lindern kann. Brennesselsuppe wird zur Delikatesse. Sogar Bir-kenrinde wird fein gemahlen mit Kekspulver gemischt, um den quälenden Magen zu überlis-ten.
Wir haben kaum Kontakt mit diesem Geschehen und so belastet uns das Schicksal dieser
Kameraden nicht. Unsere Freiheit in dieser Art „Gefangenschaft“ ist unbegrenzt. Da bleibt es nicht aus, daß sich ein hübsches Flüchtlingskind in den Kompaniechef verliebt, bei dem man so herrliche Zusatzverpflegung abstauben kann. Als sich herausstellt, daß die Dame ernstere Absichten aus jenem Schaden herzuleiten beginnt, der laut BGB nicht Vermögensschaden ist, taucht mein Kamerad im großen Kessel unter, in den die Engländer immer noch alles hineint-reiben, was Soldat ist und nicht verdächtigt wird, SS-Mann gewesen zu sein. Die Blutgruppe, die unter dem Arm eintätoviert worden war, wird zum Beweis, ein Kriegsverbrecher gewesen zu sein. Und mancher Elitesoldat, der nur genau so gekämpft hat, wie jeder andere Landser auch, verdankt einem kleinen Buchstaben jahrelange Internierung.
Natürlich bekommen wir auch Soldatenzeitungen der Besatzer in die Hände, die voller Bilder von verhungernden KZ-Häftlingen und Leichenbergen sind. Ich schreibe damals einen Brief an meine Frau, um mir das Entsetzen über die Dinge, von denen wir bei der U-Boot-Waffe nichts gewußt hatten, von der Seele zu reden. Ich will ihn mit nach Hause nehmen, denn Post wird nicht mehr an Angehörige befördert.
Der Haß, den manche Sieger auf uns Deutsche haben, wird verständlich, wenn man erlebt, daß Presse und Soldatensender täglich nur diesem Thema Schlagzeilen und Titelbilder widmen.
Ich fühle mich zwar mißbraucht und betrogen, aber Schuldgefühle empfinde ich damals nicht.
Der Sommer verwöhnt uns mit strahlendem Sonnenschein. Das Korn reift auf den Halmen. Aber wer im Bereich dieses großen Kessels Kartoffeln angebaut haben sollte, hat Pech gehabt. Man kann sich die Überlebenschancen von Saatkartoffeln in einem Gebiet mit hunderttausend hungernden Landsern leicht ausrechnen.
Plötzlich ist das Gerücht in Umlauf, die Besatzungsmacht plane die Entlassung aller Landar-beiter vor der Ernte. Ich frage beim Lagerkommandanten an und die Latrinenparole bestätigt sich. Ich dürfte nach Hause, wenn ich ein Bauernsohn oder Knecht wäre.
Mir fällt ein, daß ich auf dem Gut von Onkel Erik Schwarz in Estland jeden Sommer in der Erntezeit geholfen habe. In meinem Soldbuch steht zwar der Dienstgrad Leutnant zur See drin, aber als Zivilberuf ist immer noch Schüler eingetragen. Also melde ich mich als Land-arbeiter und mache mit meinem ganz flotten Englisch deutlich, daß ja der Sohn eines Gutsbe-sitzers mit 18 Jahren auch als Schüler zur landwirtschaftlichen Bevölkerung gehört habe.
Jetzt geht es Ruck-Zuck ! Ich verteile meine persönliche Habe an meine Unteroffiziere. In meiner naiven Freude, nach Hause zu können, verschenke ich mein U-Boots-Fernglas, für das ich beim Tommy bestimmt zwei Stangen Zigaretten hätte eintauschen können.
Durch die Entlassungskontrolle kann ich es sowieso nicht bringen! Natürlich sind Pistole und Munition längst im Wald vergraben. Abschied von den Kameraden der Baukompanie! Und dann sitze ich schon im Führerhaus eines offenen Militär-Lasters, der sich in einer langen Ko-lonne mit Kriegsgefangenen Richtung Westen bewegt. ich bin der einzige Landarbeiter mit
einem Offiziersdienstgrad. Deshalb darf ich wohl vorne Platz nehmen.
Wir nähern uns Bremen. Der britische Soldat am Steuer gibt mir eine Zigarette. Diese netten Jungens ! Vor einem Jahr haben ihre britischen Altersgenossen am 18.August 1944 Brand-bomben und Luftminen über dieser Stadt ausgeklinkt. Mir fällt die verbrannte Leiche eines Mannes ein, der auf der Flucht vor der Feuerwalze im geschmolzenen Teer kleben geblieben war. Wir fahren durch eine Unterführung. Hier habe ich hunderte von Toten hocken sehen, denen eine Luftmine die Lungen zerrissen hatte.
Plötzlich säumen unzählige Menschen die Straße zwischen den Ruinenfeldern. Es hat sich herumgesprochen, daß ein erster Transport von Kriegsgefangenen durch Bremen fährt. Heim-kehrende Väter und Söhne! Immer größer wird die Masse der Frauen, die uns umjubeln, als wären wir siegreich zurück! Ich habe so eine begeisterte Menge zuletzt in Posen erlebt, als unsere Truppen nach dem Frankreichfeldzug in ihre neue Garnison einrückten. Aber jetzt ist es nur dankbares Glück darüber, daß so viele gesunde junge Menschen aus dem schlimmen Endkampf
wiederkehren. Hoffnung keimt auf, etwas von den eigenen Lieben zu erfahren, denn nach dem Kriegsende hörte ja jede Benachrichtigung von Angehörigen auf - Genfer Konvention hin oder her. Für die Sieger galten keine Verpflichtungen mehr!
Die Frauen werfen uns Blumen, Brötchen, Möhren und Zigaretten in den Wagen. Die Heim-kehrer beantworten ihre Fragen nach Einheit, Feldpostnummer und Ort der Gefangennahme.
Schon die Information, daß eine Division in Schleswig-Holstein gefangen genommen wurde, kann eine Mutter oder Ehefrau heute glücklich machen und hoffen lassen. Wenn sie nur nicht in die Hände der Russen gefallen sind!
Eigentlich brauche ich von hier aus nur ein paar Kilometer zu laufen, um zu Hause meine liebe Frau in die Arme zu nehmen. Aber wir befinden uns in der amerikanisch besetzten Zone. Die Entlassung kann nur beim Engländer erfolgen und so fahren wir weiter bis nach Oldenburg.
Da bekomme ich einen Entlassungsschein der auf Bremen-Aumund lautet. Wie ich dahin komme interessiert niemand. Wieder ist es hilfreich, etwas Englisch zu sprechen. Ich trampe auf britischen Militärfahrzeugen bis nach Lemwerder, wo die Fähre mich zum Bestimmungs-hafen Vegesack übersetzt.
Um diese Zeit sitzt meine Frau bei einer Freundin in dem Haus gegenüber. Es ist etwas Schlimmes passiert. Ein Arbeiter aus der Fabrik ihres Mannes hat ihr die Karten gelegt.
Er behauptet, sie würde gerade betrogen. Helma paßt auf das Baby auf um der Frau Gelegen-heit zu geben, den Ehebrecher auf frischer Tat zu erwischen. Es ist naheliegend, daß man solche Informationen auch anders als durch Wahrsagerei bekommen kann. Also kein Grund, um von den Fähigkeiten des Kartenlegers überzeugt zu sein!
„Soll ich ihnen nicht auch einmal die Karten lesen?“
Die Neugier siegt über die Ratio. Die kleine U-Bootsfahrer-Frau hebt ab. Karo Bube, Herz Dame. „Sie sind verheiratet!“ Kunststück denkt Helma und betrachtet ihren Ehering. Es wird eine weitere Karte gelegt. „Er lebt!“ Natürlich klammert man sich an so eine Aussage, wenn man seit dem 17. Februar nichts mehr von seinem Mann gehört hat.
„Er kommt aber bald zurück!“ Helma spürt ihren Puls schneller schlagen. Es fängt an, an ih-ren Nerven zu kitzeln. Noch eine Karte und der Wahrsager schüttelt ungläubig den Kopf. Dann zieht er die nächste Karte und schmeißt das übrige Blatt auf den Tisch. „Der steht bei ihnen vor der Haustür!“
Sekunden später trappeln Schritte. Die kleine Schwester Hildeken kommt atemlos herein und ruft: „Helma, Helma! komm schnell nach Hause. Hans-Dieter ist aus der Gefangenschaft zu-rück!“ Jetzt sind es nur ein paar Schritte und wir liegen uns in den Armen.
Meine Erkennungsmarke
Sechzig Jahre nach Kriegsende tauchte diese Erkennungsmarke wieder auf und wurde im Internet von einem Händler angeboten.