Dorpat in Estland - Pastoratstraße 11
Schicksale einer baltischen Familie

Die Bewohner der Pastoratsstraße 11 bis 1939
Die Eigentümer
Das Haus wurde um 1898 vom leitenden Bankbeamten Christoph Eisenschmidt (30.5.1849 –1912) erworben, um es mit seiner Frau Pauline Seezen (geb. 14.1.1873) die er im gleichen Jahre heiratete, zu bewohnen

Das Ehepaar war einigermaßen vermögend, da es dieses Haus, das um 1880 erbaut wurde, kaufen konnte und eine solide Altersvorsorge in russischen Eisenbahnaktien angelegt hatte.
Die Familie hatte vier Kinder: 25.10.99 wurde Margarethe geboren die später meinen Vater heiratete und als Frau Brunowsky am 21.7.1940 in Posen an einer Diphterie starb. 1901 folgte der erste Sohn, Hermann Eisenschmidt, der Lehrer an der deutschen Schule in Weißenstein war und 1941 in Russland fiel. Von 1903 bis 1965 lebte der zweite Sohn, Christoph Eisenschmidt, der in Fellin Bankbeamter wurde. Er war im Kriege Sonderführer bei einem Kosakenregiment und späterin Bonn im Wirtschaftsministerium tätig. 1906 wurde der Sohn Erich Eisenschmidt geboren, der in Deutschland Elektrotechnik studierte und später ein Kraftwerk in der DDR leitete

Meine Mutter und Onkel Hermann als Kinder im Garten
Im Hintergrund erkennt man den hohen Gartenzaun mit den Verzierungen die im Stil zu ähnlichen Verzierungen am Haus passten.
Die Tochter heiratet

Leonhard Brunowsky und Margarethe, geb, Eisenschmidt 1922
Mein Vater Leonhard Brunowsky war in Petersburg geboren, studierte in Dorpat Theologie, nahm im Baltenregiment am Freiheitskrieg teil und wurde als Lehrer für Griechisch und Latein im Walterschen Privat-Gymnasium tätig. Nach der Hochzeit wohnte das junge Ehepaar von Beginn an im Haus der Pauline Eisenschmidt. Anfangs blieben die Brüder meiner Mutter auch noch in der wachsenden Familie, bis sie sich einer nach dem anderen eine eigene Bleibe geschaffen hatten.
Die Kinder des Ehepaars Brunowsky
Am 1.8.1924 wurde Hans-Dieter Brunowsky, im Haus in der Pastoratsstraße 11 geboren. Es folgte 1925 mein Bruder Gerd-Konstantin
Hans-Dieter und Gert um 1928
1929 kam meine Schwester Lieselotte dazu. Das Haus war groß genug um eine wachsende Familie zu beherbergen. Alle Kinder kamen im Hause Pastoratsstraße 11 zur Welt. Niemand wurde in der Klinik geboren.

Gert, Lotti und Hans-Dieter 1929
Meine Mutter verstarb schon 1940 an einer Diphterie. Ihre vor 1939 geborenen Kinder Annemerie, Bernd und Irmela sind auf dem folgenden Bild mit Vaters zweiter Frau und einigen Stiefgeschwistern zu sehen.
Lotti, Vater Leonhard Brunowsky mit Irmela geb. 1939, Annemarie, Vaters zweite Frau, Bernd Erich. Dahinter die Stiefgeschwister Roswita und Siegfried, die nicht in Dorpat dazu gehörten. Sie sind beide im Krieg umgekommen. Siegfried ist im Mai 1945 in Berlin gefallen, Roswita an Typhus gestorben, als die Russen da waren.
Die Mitbewohner
Zu den Bewohnern gehörte außerdem das estnische Hausmeisterpaar Juhan und Mari. Juhan hatte ein Pferd und verdiente sich als Fuhrmann für Lasten aller Art sein Geld. Um den Hof herum gab es einen Holzschuppen und eine Remise mit Stall, wo das Pferd kostenlos stand. Dafür leistete das Ehepaar alle erforderlichen Arbeiten, hielt im Winter die Gehwege schneefrei und den Hof sauber. Neben der Küche wohnten ein bis zwei Dienstmädchen. Meist waren es Bauerntöchter die in der Stadt einen Mann kennen lernen wollten. Sie waren froh, bei einem Pfarrer arbeiten und wohnen zu dürfen. Geld bekamen sie wenig, denn das war bei uns immer knapp. Dann nahm meine Großmutter immer Schüler oder Studenten vom Lande auf, die bei uns billig wohnten und zur Familie gezählt wurden. Ihre Versorgung war ja mit den russischen Aktien verloren gegangen. Oben war eine kleine Wohnung an eine Professoren-Witwe Gutmann vermietet. In einer über das Kinderzimmer erreichbaren Treppe wohnte eine Tante Alexandra Eisenschmidt, die bis zu ihrem Tode mit 90 Jahren in der Familie versorgt wurde. Als sie starb zogen die beiden großen Brüder in dieses Zimmer ein.
Vorgeschichte der Familie
Im Jahr 1750 lebten in den kleinen kurländischen Städtchen Jakobstadt, Hasenpot und Friedrichstadt deutsche Handwerkerfamilien mit dem Namen „Brunowsky“. Sie hatten wohl noch zur Zeit des Deutschen Ordens dort gesiedelt. Nach der Reformation wurde aus dem Ordensland ein weltliches Herzogtum „Kurland“, das ab 1561 unter polnische Lehenshoheit kam. Irgendwann hat damals ein Vorfahre seinem deutschen Vornamen „Bruno“ die in Polen übliche Endung angehängt. Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück findet man den Namen Brunowsky in Kirchenbüchern anlässlich von Trauungen und Taufen eingetragen. Um 1800 gab es einen Gutsschmied Brunowsky, der eine Magnus heiratete. Dies sind wahrscheinlich meine Ururgroßeltern. Ihr Sohn, Robert Konstantin Brunowsky ( etwa 1830 bis 1890) wuchs in Kurland auf, erlernte bei seinem Onkel Magnus das Böttcherhandwerk und wurde später in St. Petersburg Meister. Er leitete die Böttcherwerkstatt bei der Brauerei Kalinkin. Seine Frau. „Lieschen Seeberg“ stammte auch aus Kurland und sprach gut lettisch Ihr Sohn, Eduard Brunowsky, ist mein Großvater. Er wurde am 6.1.1864 in St. Petersburg geboren. Dreißig Jahre lang war er Buchhalter bei einer deutschen Holzfirma .Im Jahr 1928 starb er an Alters-TBC.

Großvater Eduard Brunowsky
1864-1928
Ich war damals fünf und sah meinen Vater zum ersten Mal weinen. Er saß an seinem Schreibtisch, den Brief vor sich in der Hand und schluchzte, während meine Mutti ihn zu trösten versuchte. Um 1800 kam der Zimmermann Reinhold Königsfeld nach Dorpat. Aus dieser Familie, die um 1850 einen Bürgermeister in Dorpat stellte, stammt meine Großmutter, Ida Königsfeld.
Um 1800 kam der Zimmermann Reinhold Königsfeld nach Dorpat. Aus dieser Familie, die um 1850 einen Bürgermeister in Dorpat stellte, stammt meine Großmutter, Ida Königsfeld.

Oma Ida Brunowsky, geb. Königsfeld
Ihr Vater, Ernst Königsfeld, erlernte noch in Dorpat das Klempnerhandwerk, wanderte dann aber nach St. Petersburg aus. Hier heiratete er und bekam am 21.9.1872 eine Tochter. Diese nahm später bei Großvater Eduard Brunowsky Klavierstunden und wurde seine Frau.
Der I. Weltkrieg führte dann meinen Vater, Leonhard Brunowsky, zurück nach Dorpat.
Dieses 1913 aufgenommene Bild zeigt die Familie vor den Schicksalsschlägen, die unmittelbar danach über sie hereinbrechen sollten.Die Großeltern in der Bildmitte haben Otto, den jüngsten Bruder zwischen sich. Er überlebte Revolution und zweiten Weltkrieg. Ganz links sitzt Leonhard, mein Vater, neben Konstantin, dem ältesten Bruder. Auf der anderen Seite der Großeltern sitzt Woldemar, der mit 27 Jahren an Tuberkulose starb. Eduard, der rechts außen auf dem Bild sitzt, flüchtete wie Vater in den Westen und starb mit 70 Jahren in der DDR. Vorne links sitzt Richard, den die GPU im Lager umgebracht hat, rechts daneben Heinrich, der mit 15 Jahren im Bürgerkrieg von den weißrussischen Truppen verschleppt wurde und verschollen blieb. Die Großmutter ist schließlich im 2.Weltkrieg bei der Belagerung Leningrads verhungert.
Die Vorfahren meinmer Mutter
Die Vorfahren meiner Mutter entstammen einem alten Bauerngeschlecht, das seinen Stammsitz in der Nähe von Jena hatte. Dort lebte von 1663 bis 1728 ein Landwirt namens Gottfried Eisenschmidt. Sein Urenkel, Johann Adam Heinrich Eisenschmidt, geb. am 2.1.1810, zieht um 1835 als Hauslehrer nach Livland.
Johann Adam Heinrich Eisenschmidt
Hier heiratet er am 4.7.1841 die Tochter des Probstes in Pölve, dem seine Gemeinde den heute noch erhaltenen Gedenkstein gesetzt hat.
Die Familie Schwarz hatte auch ein Gut bei Pölwe. Es gehörte einem Onkel Woldemar und seiner Frau, Tante Mila. Ihre Schwester hatte in Riga den Kaufmann Gustav Seezen geheiratet. Diese Tochter von Probst Johann Georg I Schwarz, Alexandra Schwarz ge.1818, ist meine Urgroßmutter. Ihr Sohn, Christoph Eisenschmidt, wurde am 30.5.1849 in Pernau geboren. Er arbeitete in Dorpat als Bankbeamter bei einem adeligen Bankinstitut.

Die Kirche in Pölve in der Mein Urahn Probst war

Mein Urahn Johann Georg Schwartz aus Pölve
Die Eigentümerin des Hauses in Dorpat
Pauline Eisenschmidt, meine Großmutter
Meine Großmutter Pauline Eisenschmidt,
Pauline Seezen sah ihrer Mutter Auguste sehr ähnlich, die Christoph Eisenschmidt in seiner Jugend umworben hatte aber nicht bekam. So wartete er, bis die Tochter heiratsfähig war, und im Jahr 1898 wurden die beiden ein Paar. Mein Großvater Eisenschmidt nahm die Gehbehinderung seiner jungen Frau in Kauf. Sie hatte bei einer Operation durch einen Kunstfehler ein schlotterndes Knie nachbehalten. Seit dieser Zeit trug sie eine Prothese, die sie ihren Apparat nannte. Trotz dieser Behinderung schenkte sie 4 Kindern das Leben, die sie alle durchbrachte, als ihr Mann im Jahr 1912 verstarb. Ihre Kinder waren damals 13, 11,9 und 6 Jahre alt. Finanziell war die Familie durch ein schuldenfreies Haus und Wertpapiere zunächst abgesichert. Dann kam der 1. Weltkrieg. Während des Krieges wurden alle deutschen Schulen geschlossen. Man durfte sogar auf der Straße kein deutsch sprechen. In diesen Jahren organisierte meine Großmutter heimlichen Unterricht in unserem Haus, wo auch deutsche Nachbarskinder mit zu Schule gingen. Die schwerste Zeit begann für meine Großmutter, als bei Kriegsende ihre russischen Eisenbahnaktien wertlos wurden und es keinerlei Rentenansprüche für die Familie mehr gab. In diesen Jahren wurde so viel wie möglich vermietet. Schüler vom Lande wurden in Pension genommen. Die Wohnung oben fand zahlende Bewohner. Und die Verwandten auf dem Gut in Pölve steuerten sicher auch mit Kartoffeln und anderen Lebensmitteln zum Unterhalt bei. Obst und Beeren gab es reichlich im Garten. Wie auch immer, Pauline Eisenschmidt hat ihre Kinder alle groß bekommen. Mit der Heirat der Tochter Margarethe kam wieder ein Geld verdienender Schwiegersohn ins Haus. Und die heranwachsenden Söhne waren bemüht, immer neue Geldquellen zu finden. Es gab keine Mietverpflichtungen für meine Eltern. Man wohnte wie selbstverständlich in einem Hausstand zusammen und teilte, was man hatte. Die Behinderung von Pauline Eisenschmidt wurde nicht besser und irgendwann konnte sich die alte Dame nur noch mit Krücken fortbewegen. Aber niemals klagte sie über ihr Schicksal. Sie saß auf einem abgeschabten aber bequemen Stuhl am Fenster und beschäftigte sich mit Handarbeiten. Ihre Taschentücher, die sie mit Höhlern kunstvoll gestaltete, waren gefragte Geschenkartikel und brachten gelegentlich sogar etwas in die Kasse. Am Abend versammelte man sich um die „Ama“ in einer Sofaecke mit Leselampe. Hier wurde vorgelesen oder ein gutes Gespräch geführt. Ein Radio hatten wir nicht. Für mich war es schön, im angrenzenden Kinderzimmer durch einen Spalt vom Bett aus zuzuhören. Nur wenn es interessant wurde, wechselte man ins Russische und ich konnte nichts mehr verstehen.
Von der Umsiedlung nach Deutschland war meine Großmutter am meisten betroffen. Sie verlor mit dem Haus ihr einziges Vermögen und war in Zukunft nicht mehr unabhängige Besitzerin sondern bei den Kindern wohnende Großmutter ohne eigenes Einkommen. Den Verlust ihrer Tochter 1940 und ihres Sohnes Hermann, der in Russland fiel, ertrug sie tapfer. Wie wir die alte Dame 1945 trotz der Krücken bis nach Westdeutschland geschafft haben, weiß ich nicht. Aber beim Einmarsch der Roten Armee, saß sie mit ihren Krücken im Keller und behütete die dort hinter einer Wand aus Brennholz versteckten Mädchen und Frauen. An einer Behinderten waren die besoffenen Vergewaltiger nicht interessiert. Und in fließendem Russisch überzeugte die mutige Frau die „Befreier“ dass es hier weder Uhren noch Mädchen gäbe. So entgingen meine Tante und meine Schwestern dem schlimmen Schicksal anderer Frauen.
Ihren Lebensabend verbrachte meine Großmutter dann in einem Pfarrhaus bei Coburg, wo mein Vater sie selbstverständlich aufnahm. Dort ist sie mit etwa achtzig Jahren friedlich eingeschlafen und von meinem Vater neben der Dorfkirche beerdigt worden.
Meine Eltern
Meine Mutter Margarethe, geb. Eisenschmidt 1938
Am 25.10.1899 kam meine Mutter, Margarethe Eisenschmidt, zur Welt. Die Mutter nannten wir „Mutti“. Der Respekt vor dem Vater verbot jeden Kosenamen wie „Vati“ oder „Papi“, so dass wir nur die Anrede „Vater“ kannten. Noch in der Generation meiner Großeltern wurden Vater und Mutter ja gesiezt. Auch die Brüder meiner Mutter hießen „Onkel Hermann“ „Onkel Kiko“ und „Onkel Erich“. Niemals hätten wir gewagt, so wie Maximilian zu seiner Tante Dagmar „Dackelchen“ zu sagen. Beide Eltern waren sehr gläubige Christen und haben daraus wohl auch viel Kraft für die schweren Stunden in ihrem Leben geschöpft. Jeden Abend saßen wir mit den Eltern beisammen und sangen Choräle. Im Sommer erklang „Geh aus mein Herz und suche Freud, in dieser schönen Sommerzeit“ oder unser Geburtstagslied „Die güldne Sonne“. In der Adventszeit wurden dann die Weihnachtslieder geübt. Jeden Abend beendete das Lied „Breit aus die Flügel beide, oh Jesu meine Freude und nimm Dein Küchlein ein...“ das Singen und die Stunde vor dem Schlafengehen für uns. Dieses Lied sangen wir auch am Grab, als Mutti 1940 in Posen an einer Diphterie verstarb. Und es erklang dann dreißig Jahre später bei der Beerdigung meines Vaters in Waldbüttelbrunn, wo es seine zweite Frau, Tante Hella, gestützt auf ihren Stock mit uns anstimmte. Wir erfuhren viel Liebe und unermüdliche Fürsorge. Niemals gab es ein Wort des Streites zwischen meinen Eltern, an das ich mich erinnern könnte. Es war eine wunderbare, gütige Mutter, der wir Geschwister so viel verdanken.
Mein Vater Pastor Leonhard Brunowsky
Vater war ein Pastor, der das vorlebte, was er lehrte. Eine eigene Gemeinde bekam er erst nach dem Krieg. In Dorpat war er am „Walterschen Privatgymnasium“ Lehrer für Religion und Griechisch. Daneben betreute er eine Gemeinde von deutschen Landarbeitern, die man irgendwann aus Rußland hier angesiedelt hatte. Sie lebten weit verstreut, und Vater bemühte sich, sie dem Deutschtum zu erhalten. Er gründete ein Internat, wo ihre Kinder auf eine deutschsprachige Schule gehen konnten. Jeden Sonntag fuhr er über das Land, hielt Andachten, Trauungen, Taufen und Beerdigungen auf den Bauernhöfen ab und „verkuppelte“ deutsche Töchter mit deutschen Bauernsöhnen. Dadurch blieben diese „Kolonisten“, die zwischen lauter Esten wohnten, deutsch und wurden 1939 umgesiedelt, so dass ihnen Sibirien erspart blieb.
Meine Kindheit in Dorpat
Als ich am 1.August 1923 in Dorpat geboren werde, bekommt man in Deutschland für einen Dollar genau eine Million Reichsmark Schon wenige Tage später ist der Dollarkurs 3,3 Millionen. In Deutschland verarmt das Bürgertum, während Spekulanten und Inflationsgewinnler ihr Geld ins sichere Ausland schaffen. Das Ruhrgebiet ist besetzt. Allenthalben gärt es. So sieht es also in meinem Vaterland aus, als ich auf die Welt komme. Aus anderen Gründen haben bei Kriegsende meine deutschen Landsleute im Baltikum ihr Geldvermögen verloren. Die in russischen Staatspapieren angelegten Ersparnisse sind unwiederbringlich dahin. Außer dem Haus in der Pastoratsstraße 11 hat die Familie keinerlei Vermögen mehr. Mein Vater hat seine Heimat in St. Petersburg verloren und dort seine Eltern zurückgelassen. Seine Brüder sind im Bürgerkrieg von Roten ermordet oder von Weißen verschleppt. Er hat im Baltenregiment den Freiheitskrieg der Esten gegen die Bolschewisten mitgemacht, dann sein Theologiestudium beendet und ernährt jetzt seine Familie als Lehrer für Religion und Griechisch am Walterschen Privatgymnasium in Dorpat.

Das Waltersche Privatgymnasium heute
Wir haben zu leben und ich wachse ohne Not zu kennen heran. Wirklich reiche Leute gehören nicht zu unserem Umgang. Aber alle Deutschen machen ihr Abitur. Man hat kein Geld aber Personal. Für 10 Kronen im Monat sind Bauerntöchter vom Lande bereit, in der Stadt zu dienen. In einem Pfarrhaus fühlen sie sich behütet und haben Aussicht, in der Stadt einen passenden Partner zu finden.
Estnisch lerne ich im Umgang mit Köchin, Kindermädchen und Hausmeisterehepaar wie eine zweite Muttersprache.
Erlebnisse mit meinen Onkeln
Zu den frühesten Erinnerungen meiner Kindheit gehören die Jahre, wo die Brüder meiner Mutter noch in der Großfamilie wohnten. Es war eine Zeit, in der niemand Geld hatte. Insbesondere Onkel Erich war ein erfinderischer Geist, der ständig neue Ideen hatte, wie man zu dem Guten in bar kommen könne. So wurde bei uns Toilettenseife gekocht. An das Rezept erinnere ich mich nicht. Wohl aber weiß ich noch, dass man eine Form mit einem springenden Pferd bastelte und dass das Modell aus geknetetem Schwarzbrot gefertigt wurde. Das frische Brot gab eine leicht formbare Masse, in die man ein Relief hinein drücken konnte. Wenn die Masse hart getrocknet war, wurde ein Gipsabdruck und schließlich eine Metallform für die Seifenpresse hergestellt.
Es gab zu der Zeit in Dorpat im Winter mehrere Maskenbälle. In der Faschingszeit presste unsere Familie Masken. Onkel Erich hatte dazu wieder die Formen gefertigt, die auf einem Gasherd erhitzt wurden. Meine Mutter hatte die Aufgabe, die Stoffe zuzuschneiden. Für die Oberseite wurden edle bunte Stoffen verwendet. Die Unterseite aus weißem Leinen wurde in Stärke getränkt. Dann kamen Vor- und Rückseite in das Unterteil der Form und wurden mit einem passenden Oberteil gepresst und erhitzt, bis die Maske ihre Figur hatte. Schließlich wurde der überschießende Stoff sauber abgeschnitten, Ösen zur Befestigung des Gummibandes hinein gestanzt und die fertigen Masken im Karton verstaut. Die Kartons lieferte ein Bruder meiner Großmutter, der sich mit der Fertigung von Verpackungsmaterial eine Existenz geschaffen hatte. Wenn sich die Bestellungen häuften, arbeitete die ganze Familie die Nächte hindurch, um die Kasse aufzubessern.
Ein anderes Produkt der Erfindungsgabe von Onkel Erich war ein funktionierender Zigarettenautomat. Leider fand sich kein Investor, der die Produktion hätte übernehmen können. So blieb es ein Spielzeug im eigenen Hause.
Nicht so harmlos verlief der Versuch, ein Loch in der Gasleitung zu finden, als es eines Tages in der Küche zu riechen begann. Onkel Erich meinte, man könne mit einem Feuerzeug die Stelle in der Leitung finden, wo das Gas austrat. Als er das Feuerzeug anmachte, gab es die zu erwartende Explosion. Das Gemisch in der Küche war schon so angereichert, dass ein Funken genügte. Die Küchentür flog auf den Hof bis zur Wasserpumpe. Mein Onkel kam mit Verbrennungen im Gesicht und an den Händen ins Krankenhaus und wir Kinder hatten gelernt, bei Gasgeruch vorsichtiger zu sein.
Onkel Kicko, wie wir Christoph nannten, war immer bemüht uns Kinder zu verwöhnen. Wir hatten eine Akazie im Garten, die noch so klein war, dass man den Stamm bewegen konnte. Der Onkel bezeichnete sie als „Bommibaum“ den man nur schütteln müsse, damit die reifen Bonbons herunter fielen. Während wir mit kräftigem Schütteln beschäftigt waren, warf der Onkel hinter uns eine Hand voll Konfekt in die Baumkrone, die wir dann jauchzend einsammelten. Wir haben uns immer gewundert, warum es keine Bonbons zu ernten gab, wenn Onkel Kicko nicht da war.
Onkel Hermann heiratete in unserem Haus. Die Hochzeit war anberaumt, als wir Kinder die Masern bekamen. Den Termin zu verschieben, ging nicht. Also wurde im Elternschlafzimmer eine Isolierstation eingerichtet und meine Mutter schaffte es, die ganze Feier über die Bühne laufen zu lassen und sich gleichzeitig um die Kranken zu kümmern, die natürlich die Hochzeitsgerichte mit essen durften. Selbstverständlich übernachteten alle Verwandten, die von auswärts angereist waren, mehr oder weniger behelfsmäßig in der Pastoratsstraße 11 . Ein Hotel konnte keiner sich leisten. Damals kannte man noch den guten alten Strohsack, den man gefüllt auf den Fußboden legte, mit Laken, Kopfkissen und Decke versah und so als Bett benutzen konnte. Den Luxus echter Betten gönnte man bei diesem Fest dem Brautpaar, der Großmutter und den kranken Kindern. Natürlich waren Männer und Frauen bei diesem Lagerleben streng getrennt. Aber wie man damals mit einem Plumpsklo für so eine Gesellschaft auskam, bleibt mir heute ein Rätsel.
Nach dem Fest schrieb einer der Verwandten in unser Gästebuch den Absatz: „….und es steht trotz Sturm und Braus unser liebes Gummihaus.“
Unser Garten
Wenn man aus der Veranda herauskam, lag ein großer freier Platz davor, wo wir als Kinder einen Sandkasten hatten. Rechts gab es eine alte Eiche mit Zweigen, die bis auf das Verandadach reichten. Es war ein toller Beweis meiner Kletterkünste, wenn ich vorsichtig die Tragkraft der Äste ausprobierte und vom Baum auf das Verandadach wechselte. Hinter dem Platz stand eine riesige alte Tanne, die eine Kastanie und eine Linde um das Doppelte überragte. Links ging es in einen Obstgarten mit Sträuchern und Apfelbäumen. Am hinteren Zaun entlang standen Himbeersträucher, die mein Vater jedes Jahr säuberlich auszuschneiden pflegte. Er war ein großer Gartenfreund, beherrschte die Kunst des Pfropfens und Okulierens und war sehr stolz, wenn es gelang, auf einen wilden Trieb ein edles Reis von einem Serinka-Apfel zum Anwachsen zu bringen. Der Serinka war eine Apfelsorte, die es heute nicht mehr gibt. Er hatte die Form einer Paprika, war ein Winterapfel, wurde im Oktober geerntet und in Zeitungspapier eingewickelt auf dem Dachboden bis zum Verzehr gelagert. Ein anderer Winterapfel war der Borstafer mit kleinen gelben Früchten. Es gab noch einen gut tragenden Rosenapfel, der neu angepflanzt schon bald mit herrlichen Äpfeln auf uns Kinder wartete. Da die Früchte nicht für den Winter geeignet waren, durften wir hier so viel wir wollten essen. Ein uralter Baum mit Augustäpfeln trug nur wenig Früchte, die so weit oben wuchsen, dass wir sie nur als Fallobst kannten. Im übrigen standen zwischen den Obstbäumen zahlreich Sträucher mit Stachelbeeren und Johannisbeeren. Alles wurde geerntet und eingemacht. Aber wir Kinder durften nach Herzenslust davon essen, wann immer wir wollten. Am Rande des Hofes stand schließlich noch ein alter Birnbaum. Der hatte die schönsten Früchte oben in der Krone wo selbst ich mich als guter Kletterer nicht hin traute. Geerntet wurde das Obst mit einer langen Stange, die oben einen Sack mit Pflückschlitzen hatte. Man hielt den Sack unter einen Apfel und schnitt dann den Stil mit so einem Schlitz ab. Aber was ich als Kletterer erreichen konnte, wurde mit der Hand in einen Korb gepflückt. Für uns Kinder war der Garten ein toller Spielplatz. Links war ein großer Komposthaufen am Zaun zum Hofplatz, auf dem immer Kürbisse wuchsen. Es gab immer so reichlich große Kürbisse, die natürlich alle verwertet wurden. Seit der Zeit mag ich Kürbis nicht mehr essen. Schade, dass dieser schöne Garten heute nicht mehr da ist.
Unsere Tiere
Unser Hausmeister Juhan hatte ein großes schwarzes Arbeitspferd. Er fuhr damit Lasten aller Art von und zum Güterbahnhof. Mitfahren durften wir Kinder bei ihm nicht, weil der Wagen eine leer Plattform war, auf der nur der Kutscher saß. Aber das Pferd wurde gelegentlich zum nicht gepflasterten Teil des Hofes gebracht und durfte sich dort im Staub wälzen. Das war immer ein aufregendes Ereignis, denn der Gaul gab lautes Lustschnaufen von sich, sprang nach dem Wälzen wiehernd hoch und schüttelte dann den Staub aus seinem Fell. Wir Kinder standen dann an der Gartenseite des Zauns und sahen dem Schauspiel begeistert zu. Aber näher sind wir diesem Tier nie gekommen, das seinen Stall in einem großen Gebäude hatte, wo in guten Zeiten auch ein Kutsche der Familie gestanden hatte. Ein besonderes Hobby meines Vaters waren seine Hühner. Er hatte in dem offene „Holzstall“, wie wir den Verschlag für das Brennholz nannten, einen frostfesten Hühnerstall einbauen lassen. Hier überwinterten etwa zwanzig Hühner und ein Hahn. Die Hälfte waren braune Rodeländer und die andere Hälfte weiße Leghornhühner. Mein Vater baute kleine Kästen zum Eierlegen, in die die Hennen hinein aber nicht heraus konnten. So war es möglich jedes Ei einem Huhn zuzuordnen und die Legeleistung zu zählen. Zum Brüten wurden dann nur die Eier der besten Legehennen ausgewählt. Besonders stolz war mein Vater auf seine Kreuzung von beiden Rassen. Diese Hühner legten gut und gaben viel Fleisch. Im Sommer durften Hühner und Küken frei im, großen Garten herumlaufen, Graß zupfen und sich im trockenem Staub unter den Büschen plustern. Natürlich hatten wir wegen der Küken niemals Katzen. Als ein großer Kater sich einmal mehrere Küken holte, verlor mein Vater die Geduld. Er besorgte sich ein Kleinkalibergewehr und knallte den offenbar herrenlosen Kater auf dem Nachbargrundstück ab. Dort wohnten allerdings keine Nachbarn. Es war nur ein leerer Bauplatz, auf dem sich der Räuber angesiedelt hatte. Eine große Jagdhündin besaßen wir auch. Sie hieß Diana und war ein deutscher Hühnerhund von edler Rasse. Man ließ sie decken, was wir Kinder nicht erleben durften. Sogar als die Welpen zu Weihnachten ankamen, wurden die jugend weggesperrt, damit wir nicht in unserer Unschuld beeinträchtigt würden. Mit den kleinen Welpen durften wir dann aber herrlich spielen. Als ich größer wurde, bekam ich ein paar Kaninchen geschenkt. Jetzt waren wir im Sommer damit beschäftigt, Löwenzahnblätter zu pflücken. Diese Butterblumen gab es im Garten aber auch im Park des Handwerkervereins gegenüber reichlich. Im Winter wurden alle Küchenabfälle verwertet, um Hühner, Hund und Karnickel zu verpflegen. Getreide war teuer und wurde nur etwas zugefüttert. Aber alle Eierschalen wurden klein gestampft und den Hühnern als Kalk wieder zugeführt. Die Kaninchenzucht blühte und es wurden immer neue Kästen gebraucht. So wurde ich dieses Hobby langsam leid. Niemand von uns hätte es übers Herz gebracht, die süßen Stallhasen zu schlachten oder zu essen. Ich verschenkte sie alle, und so sind sie wohl doch im Topf gelandet.
Unsere Beziehungen zu den Esten
Mitdem Estnischen Staat hatten die bürgerlichen Deutschen im Gegensatz zu den enteigneten Gutsbesitzern keine Probleme. Sie hatten im Baltenregiment für diesen Freistaat gekämpft, waren sehr damit einverstanden, dass ein kommunistischer Aufstand niedergeschlagen wurde und genossen ihre Minderheitenrechte. Wir hatten eine Kulturautonomie, die uns deutsche Schulen und Kirchen erlaubte. Auch dass Präsident Päts autoritär regierte, fanden wir in Ordnung. Die alte Generation kannte es nicht anders vom Kaiserreich und wir Jungen fanden es normal, dass man hier, wie in Deutschland, die parlamentarische Demokratie mit ihren verächtlich „Schwatzbuden“ genannten Parlamenten nicht für wichtig hielt. Die zwischenmenschlichen Beziehungen zu den Esten waren sehr unterschiedlich. Auf dem Lande in Pölve waren meine Verwandten mit den estnischen Bauern eng befreundet. Und der Probst Schwarz hatte ja eine estnische Gemeinde und liebte seine Schäfchen. Auch der Sohn des Apothekers, Bernd Nielsen Stockeby, beschreibt in seinen Erinnerungen sein erstes Erlebnis mit der estnischen Tochter eines Buschwächters anlässlich einer Auerhahnjagd. In Viljandi dagegen waren die wohlhabenden Deutschen sehr um gesellschaftliches Eigenleben bemüht. Meine Tante Benita, die spätere Frau von Onkel Christoph Eisenschmidt, wurde z.B. nach Deutschland in ein Internat gesteckt, als sie sich in einen estnischen Jungen verliebt hatte. Die Eltern von deutschen Jungen waren da großzügiger. Es gehörte zur Doppelmoral der damaligen Gesellschaft, dass man sich als Junge die Hörner abstoßen durfte, als Mädchen aber bis zur Ehe unschuldig bleiben sollte. Ich habe mit 14 Jahren Tanzstunden mit deutschen Schülerinnen gehabt, fand aber einige harmlose Knutschereien mit estnischen Freundinnen auf dem Domberg sehr viel attraktiver. Dann erlebte ich meine erste große Liebe mit Ly. Ich begegnete ihr und ihrer Freundin beim botanischen Garten gegenüber unserer Turnhalle. Die Mädchen hatten sich untergehakt und kicherten, als ich ihnen mit einem Auge zuzwinkerte. Wir gingen dann bis zur Umsiedlung zusammen auf Schulfeste, tanzten langsamen Walzer zur Melodie „Ich tanze mit dir in den Himmel hinein ..“ und küssten uns zärtlich in der Rigaer Straße.
Meine estnische Freundin Ly Rantsus
Während des Krieges fanden wir wieder Kontakt zueinander, schrieben uns heiße Briefe und tauschten Fotos aus.
Dann verloren wir uns bis 1989 aus den Augen. Ich habe einen Freund gebeten nachzuforschen ob es diese Jugendfreundin noch gäbe. Er fand sie und sollte ihr zum Geburtstag ein paar Blumen für 10 DM schicken. Ich wusste nicht, wie viel rote Rosen man für dieses Geld bekommt. Es war ein Arm voll und so weckte ich nicht erfüllbare Hoffnungen, denn ich bin inzwischen 64 Jahre glücklich verheiratet.
Aber dieses Beispiel zeigt, dass die junge Generation sich gut verstand und keine Beziehungsprobleme zwischen Esten und Deutschen kannte
Jugenderinnerungen beim Besuch in Estland 1989
Fünfzig Jahre später stehe ich in Dorpat vor meinem Geburtshaus in der Pastoratstraße 11, heute „Öpetaja tänav“.

Mein Elternhaus 1989
Das große Wohnhaus, das der Großvater Eisenschmidt vor hundert Jahren für seine Familie gekauft hatte, ist noch gut erhalten. Holzhäuser sind erstaunlich langlebig. Erinnerungen werden wach. Es hat sich wenig verändert seit wir 1939 umgesiedelt wurden. Sicher, die große Tanne hinter dem Haus fehlt und der Obstgarten ist verschwunden. Auch die Veranda hat man abgerissen, da sie als Symbol bürgerlichen Wohlstands unter der Sowjetregierung fehl am Platz schien. Aber sonst ist das Haus gut erhalten, wenn auch das schöne Dach aus grauen Pfannen durch scheußliches Eternit ersetzt worden ist und der hellgrüne Anstrich braun übermalt ist. Wenigstens meine alte Eiche steht noch . Die Vergangenheit wird lebendig. Mir fallen all die Kletterstreiche ein, mit denen ich unsere Ama so oft geängstigt habe: An der über hundert Jahre alten Tanne muß ich Holzsprossen annageln, um bis zu den ersten Ästen hinaufhangeln zu können. Dann baue ich mir oben aus Brettern einen Mastkorb . Dort lasse ich mich in schwankender Höhe vom Wind schaukeln und spiele Seeräuber und Ausguck. Zum Entsetzen der Großmutter benutze ich ganz oben einen kräftigen Ast für Turnübungen. Mein freihändiger Kniehang in zwanzig Meter Höhe schockt die alte Dame ganz schön. Neben der Tanne steht eine Kastanie. Ich spanne zwei kräftige Leinen zwischen den beiden Bäumen, eine obere zum Festhalten und eine untere zum Begehen. Im Angesicht johlender Klassenkameraden wage ich den Übergang. Beide Gipfel geben nämlich kräftig nach und ich hänge zwischen den steil nach oben zeigenden Enden der Leine. Als ich mich mit Kletterschluss aus der misslichen Lage befreien kann, verstummen die Spötter. Die Ulme im Hof wächst so kräftig, dass eine Stromleitung zwischen die Zweige gerät und meine Klettertouren stört. Beim Versuch, den Draht mit einer Kombizange durchzuschneiden, lerne ich noch vor der ersten Physikstunde, wie sich 220 Volt anfühlen. Bei Arist von zur Mühlen steht eine hoher Pflaumenbaum mit köstlichen großen Früchten in der unerreichbar erscheinenden Krone. Problemlos komme ich hinauf. Dann knackt der ganze Baum in der Mitte durch und ich Lande mit dem oberen Stück Pflaumenbaum in einem Stachelbeerstrauch. Die Zweige unserer Eiche ragen hinüber bis zum Verandadach. Vorsichtig probiere ich es, vom Baum aus bis zum Dach zu klettern. Oben sichere ich an einem Zweig, während ich unten Fuß vor Fuß probiere, ob der untere Ast noch trägt. Das Eichenholz hält! Jahre später bin ich bei Hauselau Helfer in einem Jugendheim. Dort klettere ich an kahlen Kiefernstämmen hoch. Nur die vertrockneten Aststümpfe geben ein wenig Halt, während ich mich am glatten Stamm festklammere. Immerhin gelingt es mir, einen jungen Reiher aus dem Nest zu holen, obwohl der mich beim Klettern von hinten und von vorn mit Kot und halbverdautem Fisch unter Beschuß nimmt. Wochenlang sind meine Zöglinge nun beschäftigt, Frösche, Glasaale und Würmer für unseren Vogel zu sammeln.
Sommerferien am Strand
Schon mein Vater verbrachte als Kind sieben herrliche Sommerferien am Strand in Estland. Großvater mietete ein Fischerhaus an der Steilküste von Toila. Die Inhaberin zog solange in das kleine Saunahäuschen auf dem Anwesen. Man schlief auf Strohsäcken und verbrachte die Zeit mit dem Sammeln von Beeren und Pilzen, Krebsfang und Baden in der Brandung. Dieses Erlebnis wollten die Eltern auch uns weitervermitteln Als ich drei Jahre alt bin, mieten sie ein Ferienhaus mit großer Veranda in Udrias. Es folgen Ferien in Vösu und Vainupää, wo wir mehrere Sommer verbringen. Die Schulferien dauern im Sommer mehrere Monate und in dieser Zeit macht auch alles andere dicht. An der Universität gibt es Semesterferien, die Justiz hat Gerichtsferien, und die ganze deutsche Gesellschaft zieht an den Strand. In Wainopää, an das ich mich am besten erinnern kann, wohnen wir in einem Sommerhaus gemeinsam mit einer reichsdeutschen Familie, denen wir Zimmer untervermietet haben. So ist die schöne Villa für uns bezahlbar. Die Fahrt zum Strand ist jedes Jahr ein Abenteuer. Wir mieten uns einen Lastwagen. Auf die Ladefläche kommen Gepäck , Möbelstücke, wir Kinder und in ihrem Sessel die alte Ama. Damals fragt niemand, ob das zulässig ist. Erst geht es durch Wälder und Wiesen auf der Revaler Landstraße nach Norden. Wenn die Burgruine von Wesenberg auftaucht, wissen wir, dass es nicht mehr weit zum Finnischen Meerbusen ist. Beim Einschwenken auf die Küstenstraße begrüßen uns die drei alten auf dem Strand liegenden Schoner und dahinter die rauschende Brandung, Große Granitblöcke, die Findlinge aus der Eiszeit, schmücken den langen Sandstrand. Riesige rotbraune Kiefernstämme neigen sich majestätisch im steifen Nordwestwind. Die klare Luft entschädigt für die stundenlange Fahrt im Staub der ungeteerten Landstraßen. Während die Eltern abladen und die Wohnung einrichten, toben wir schon mal an den Strand. Mein erster Weg führt mich zu den ausgemusterten „Seeräuber-Schiffen“. Der Geruch von Teer und Seetang umfängt mich und ich träume von Seefahrt und Schlachtendonner. Sicher wächst schon damals der Wunsch, eines Tages die Seefahrt zum Beruf zu machen. Am nächsten Morgen klettere ich auf einen Findling, der so hoch ist, dass man vom Strand aus nicht gesehen wird, wenn man da oben in der Sonne brät. Zu meiner biologischen Fortbildung trägt bei, dass sich unbeobachtet fühlende Damen am sonst menschenleeren Strand zwanglos ihr Badezeug wechseln. FKK wäre im Baltikum natürlich undenkbar gewesen, und meine Eltern habe ich niemals nackt erlebt. Ich freunde mich mit den Fischern an, die in aller Herrgottsfrühe mit ihren großen Motorbooten hinaus fahren. Höhepunkt ist, wenn ich selber einmal mit hinaus darf. Es ist noch Nacht, als wir auslaufen, aber im Norden wird es um diese Jahreszeit nie ganz dunkel. Motorengebrumm, wetterharte Gesichter, Dieselgeruch und das sanfte Schwingen der Dünung: Es erfasst mich ein unbeschreibliches Glücksgefühl! Wenn wir von See heimkehren, stehen die Frauen schon mit den angeheizten Räucheröfen und leeren Kisten am Strand. Blitzschnell werden die „Silkud“ genannten Strömlinge geschlachtet, aufgeschlitzt und auf eine Eisenstange geschoben. Sie geht bei den Kiemen hinein und durch das Maul heraus. Ist die Stange voll, kommt sie in einen Rahmen, der dann voller Fische im Räucherofen verschwindet. Noch warm wird die fertige Ware in die kleinen Kisten geschichtet und auf den Lieferwagen des wartenden Händlers verladen, der sie am gleichen Tag in Reval, Narva oder Wesenberg auf den Markt bringt. Manchmal bekomme ich ein paar geräucherte Fische mit nach Hause, wo ich besonders Vater eine Freude damit mache. Ein kleiner Wildbach in der Nähe verführt zum Angeln. Natürlich schneide ich meine Rute selber. Schnur, Korken und Haken gibt es für ein paar Cent beim Krämer. Bald bringe ich stolz meine erste kleine Forelle mit. Die großen sind nicht dumm genug den Wurm an meinem Haken zu beachten. Es gibt auch noch Krebse im Bach. Mit etwas Glück gelingt es, sie im flachen Wasser zu greifen. Man muss einen Stein leicht anlüften und zupacken, bevor der Krebs es mit seinen Zangen tut oder rückwärts mit gewaltigen Schwanzschlägen abzischt. Aber mit dieser Art Beute kann ich nicht viel zur Ernährung der Familie beisteuern. Besser gelingt das, wenn wir zum Sammeln von „Schwarzbeeren“ oder „Hahnenriezchen“ (So nannten wir im Baltikum Blaubeeren und Pfifferlinge) mit Vater in die Kiefernwälder ausziehen. Mutti begleitet uns mit köstlichen Butterbroten und Säften, so dass wir am Ziel erst mal zünftig picknicken können . Mit Eimern voll Beeren und Körben voller Pilze kommen wir am Abend wieder. Mittels einer Trillerpfeife signalisiert Vater uns seinen Standort, wenn wir uns zwischendurch zum Abzählen sammeln müssen. Bis heute sind Sammeln von Beeren und Pilzen mein Hobby geblieben, das inzwischen Mutti, die Kinder und Großkinder teilen. Im Handumdrehen steht der Herbst vor der Tür. Vorbei an endlosen Zäunen aus aufgeschichteten Kalksteinen, Wiesen und reifenden Roggenfeldern geht es im LKW zurück nach Dorpat.
Die letzten Jahre vor dem Krieg
Zurück in Dorpat besuche ich nun doch die Zeddelmannsche Schule. Wieder erlebe ich am Rundfunkempfänger die Reportagen über die Wiederbesetzung des Rheinlandes am 7.März 1936. Die Stimme des Reporters überschlägt sich, als er den Einmarsch der Wehrmachtverbände in die entmilitarisierte Zone schildert. Im Geschichtsunterricht steht das Versailler „Diktat“ auf der Tagesordnung. Und dann die Olympischen Spiele in Berlin! Wir kommen nicht mehr vom Radio weg, Begeisterung über jeden deutschen Sieg. Aber natürlich lesen wir auch in der Zeitung von einem Bürgerkrieg in Spanien und der Invasion Italiens in Abessinien. Wir finden es selbstverständlich, dass man versucht, sich Siedlungsraum zu sichern und beklagen es, dass man Deutschland seine Kolonien gestohlen hat. Mit 14 verschlinge ich Wild-West-Romane, die uns unser Direktor aus seiner Privatbibliothek ausleiht. Da die Esten uns nicht erlauben, in Braunhemden herumzulaufen und mit „Heil-Hitler!“ zu grüßen, ahmen wir die Sudetendeutschen nach. Wir tragen weiße Hemden, extrem kurze schwarze Hosen, weiße Kniestrümpfe und Schulterriemen bei unseren Treffen. Auch das ist natürlich eine Uniform. Allerdings ist dieser Aufzug in der Schule nicht gefragt. In der Universitätsstadt Dorpat sind unsere Lehrer nicht so „bewegt“, wie im kleinen Weißenstein.
Von Demokratie hören wir weder in der Schule noch zu Hause ein gutes Wort. Wer gegen die Nationalsozialisten ist, sehnt sich nach der Monarchie zurück. Auch Estland ist unter seinem Präsidenten Päts ein autoritär geführter Staat. Bolschewisten oder Sozialisten haben hier keine Chance. Zu nah ist die Erinnerung an die roten Mordbanden. Mein Vater zeigt mir den Keller, wo man 1918 vor dem Einrücken der deutschen Truppen seinen Amtsbruder, Pastor Hahn, und viele andere Deutsche erschossen hat. Dabei liebt er seine russischen Landsleute und hasst nur den Bolschewismus.
Sommer in Pölve
In Pölve war unser Urgroßvater bis 1874 Probst. In einer Art Erbfolge ist Onkel Christel Schwarz dort wieder im gleichen Amt. Von ihm lassen sich meine Eltern trauen und wir Kinder sind dort stets willkommene Gäste. Christels Bruder, Onkel Eduard Schwarz, hat das Gut geerbt, auf dem meine Großmutter aufgewachsen ist. Tante Sally mit ihren beiden Schwestern Nelly und Mary regiert hier als tüchtige Hausfrau. Die beiden erwachsenen Söhne, Erik und Gert, bewirtschaften die Felder. Ein zehnsitziger alter Ford stellt die Verbindung zur Universitätsstadt Dorpat her. Und nicht selten feiern die Studenten hier mit ihren früheren Schulkameraden laute Feste im Gutshaus „Schwarzenhof“, das die Esten „Marjamöis“ nennen. Ein Schafstall, eine Darre und ein Stall für Pferde und Kühe sind noch aus der Zeit vor der Bodenreform erhalten, bei der 90 % der Felder und Wiesen an estnische Landarbeiter verteilt wurden. Der Kuhstall ist in eine große Scheune einbezogen. Zwei Rampen führen hinauf auf den Heuboden über dem Stall. Man fährt im Sommer mit den Heuwagen hinauf unters Dach und nach dem Abladen auf der anderen Giebelseite wieder hinunter. Die Kühe stehen im Winter auf einem Gemisch aus Mist und Stroh, das bis zum Frühjahr eine Höhe von anderthalb Metern erreichen kann. Der gärende Naturdünger ersetzt in den estnischen Stallungen die Heizung. Im Frühling muss dieser Mist aufs Feld. Zu den Wirtschaftsgebäuden des Hofes gehört auch ein Eiskeller, in dem die Eisschollen aus dem Dorfteich tief unter der Erde den ganzen Sommer über gefroren bleiben und den Vorratskeller mit Milchprodukten und Frischfleisch kühlen. Die Nachbarn sind heute mit den Söhnen ihres früheren Gutsherren eng befreundet. Zum Ausfahren des Mistes im Frühjahr und zum Dreschen des Getreides kommen sie mit ihren Gespannen helfen. Diese Gemeinschaftsarbeit nennt man „Talkus“. Die Bauern ziehen mit ihren Leuten von Hof zu Hof, erledigen die großen Arbeiten gemeinsam und sind anschließend zum Essen sowie reichlich Wodka und Bier eingeladen. Am Abend wird getanzt. Andern Tages ziehen die Gespannführer mit ihren Mägden und Knechten dann zum nächsten Hof. Nur so ist es zu schaffen, den Mist auszufahren bzw. im Herbst das Korn direkt vom Felde zum Dreschen zu bringen und die Arbeit an einem Tage zu erledigen. Als ich größer bin, helfe ich hier im Sommer bei der Landarbeit mit. Beim „Talkus“ bin ich Gespannführer. Die Männer laden im Stall auf. Neben dem zweispännigen Ackerwagen fahre ich den Mist aufs Feld, wo ihn die Mägde verteilen. Zurück geht es dann frei auf dem leeren Wagen stehend im Trab zum Hof. Ich fühle mich wie ein römischer Wagenlenker. Im Herbst wird in Gemeinschaftsarbeit gedroschen. Jetzt reichen die Männer auf dem Feld die Garben mit Mistgabeln zu mir herauf, die ich schichten und dann zur Dreschmaschine fahren muß. Hoch oben auf dem Korn lenke ich die Rosse. Die Maschine wird von einer riesigen schwarzen Lokomobile angetrieben, die das Gerät auch von Hof zu Hof transportiert. Bei uns ist der Dreschplatz unmittelbar neben der Darre. Das noch etwas feuchte Getreide wird hier erhitzt und gewendet, bis es trocken genug ist. Und natürlich flirte ich auch ein wenig mit den hübschen Mägden, die sich aber mehr für Erwachsene interessieren. Eine wunderbare Zeit! Tante Sally ist die einzige von drei Schwestern, die einen Mann abgekriegt hat. Tante Nelly ist eine hochgewachsene, schlanke Person, von der ich nur weiß, dass sie 1905 Kontakt zu Kreisen mit linken Ideen hatte. Eine Emanze wollte keiner heiraten und so blieb sie eine alte Jungfer, die zwar sehr belesen ist, aber nicht so recht in den Gutsbetrieb auf dem Hof ihrer Schwester passt. Ihre Schwester Mary dagegen ist eine emsige Sammlerin von Beeren und Pilzen. Sie kennt alle Stellen, wo „Borawiken“, wie Steinpilze auf russisch heißen, wachsen. Sobald die Saison los geht schleppt sie endlose Körbe an, kocht Marmelade aus Preißelbeeren und macht die Pilze winterfest. Die kleinen Steinpilze werden zu Mixed Pickles verarbeitet. Die „Hahnenriezchen“ (Pfifferlinge) und alle größeren Pilze salzt sie in Fässern ein. Endlose Bindfäden ziehen sich durch ihr Schlafzimmer, auf denen Pilze oder Apfelscheibchen zum Trocknen aufgereiht sind. Als sie noch in Estland stirbt, gibt Vater ihr den Segen. Ironisch lächelt sie ihn an und meint: „Seltsam, da preist ihr Pastoren nun die himmlischen Herrlichkeiten in den höchsten Tönen, aber kein Deiwel will `rein !“ Es sind ihre letzten Worten. Der Wiederaufstieg Deutschlands
Die Auslandsdeutschen erleben eine ungewohnte Förderung durch das Mutterland.. Es gibt einen VDA genannten Verband der Auslandsdeutschen. Vater bekommt von diesem Verein die Geldmittel um seine „Kolonisten-Gemeinde“ zu fördern. Er betreut eine Gruppe von Wolyniendeutschen. Es sind Bauern, die zu russischer Zeit nach Estland umgesiedelt worden sind. Übers Land verstreut drohen sie im estnischen Volkstum unterzugehen. Es wird ein Internat gegründet, in dem die deutschen Kinder ihre Muttersprache pflegen. Jeden Sonntag fährt Vater zu seinen Kolonisten, stiftet Ehen, tauft und beerdigt oder hält seinen Sonntagsgottesdienst in Wisust, wo das Internat liegt. Für all dies braucht und bekommt er Gelder aus dem Reich. Auch Reisen nach Deutschland werden ihm finanziert und er ist begeistert von den Eindrücken dort. Für uns Kinder sind die mitgebrachten Weintrauben das größte Erlebnis dabei. Auch Tante Ira Eisenschmidt, Onkel Hermanns Frau, darf zu einem großen Treffen nach Breslau fahren, wo sich Schlesier, Sudetendeutsche, Volksdeutsche aus Polen , Danziger und Balten in Volkstrachten zu Tanz und Sport versammeln. Heiser vom vielen „Heil-Schreien“ berichtet sie mit Tränen in den Augen, dass sie dem Führer die Hand drücken durfte. Sie ist unfassbar beeindruckt von seiner Wirkung auf die Menschen und seiner mitreißenden Rede. Am 12. März 1938 erlebe ich den Anschluss Österreichs am Radio bei Kurt Tarto mit. Tag für Tag lauschen wir dem Jubel der Massen , der ins Unvorstellbare anschwillt, als der Führer schließlich am 15.März in Wien zu hunderttausenden von begeisterten Landsleuten spricht. Im Geschichtsunterricht feiert jetzt auch unser bisher eher zurückhaltender Lehrer den Anschluss. Wir erfahren, dass nach dem Weltkrieg das österreichische Parlament den Zusammenschluss mit dem Altreich fast einstimmig beschlossen hatte, und dass die Siegermächte trotz der Beteuerung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker, diesen Anschluss verboten hätten. Unter uns jungen Menschen gibt es zu diesem Zeitpunkt wohl kaum noch jemanden, der nicht überzeugter Nationalsozialist wäre. Am 29.September 1938 wird das Münchener Abkommen von Chamberlain, Daladier, Mussolini und Hitler unterschrieben. Am 10. Oktober marschieren deutsche Soldaten im Sudetenland ein. Wieder lauschen wir gespannt am Radio. Wieder hören wir neben dem Marschtritt der Kolonnen den Jubel der befreiten deutschen Bevölkerung. Von der Kristallnacht am 9.November erfahren wir nur aus der Zeitung. Ein Jude hat in Paris einen Legationssekretär Ernst von Rath erschossen. Es hat Ausschreitungen gegen jüdische Geschäfte gegeben. Wir finden das erklärlich. Auch in der Schule wird nicht über dieses Ereignis oder gar über die Nürnberger Gesetze diskutiert. Das Reich ist weit weg und Menschenrechte stehen nicht auf dem Lehrplan. Auch Estland wird autoritär regiert und nicht wenige Kommunisten sitzen, was wir völlig in Ordnung finden. Als im März 1939 Deutschland Prag besetzt, beginnen die Erwachsenen sich Sorgen zu machen. Auch wir hocken nicht mehr so fasziniert vor dem Rundfunkempfänger wie noch beim Anschluss Österreichs. Im Sommer 1939 macht der schwere Kreuzer „Admiral Hipper“ einen Flottenbesuch in Reval. Beeindruckt schildern Klassenkameraden das Erlebnis der Schiffsbesichtigung und die Begegnung mit den „Blauen Jungs“ in ihrer schmucken Ausgeh-Uniform. Leider muss ich auf dieses Erlebnis verzichten. Das Geld für eine Bahnfahrkarte ist einfach nicht in unserem Budget. An eine Laufbahn bei der Marine wage ich nicht zu denken. Estland hat nur ein paar Minenleger und keinen Bedarf für deutsche Offizieranwärter. Aber seit ich in Wainopäe am Finnischen Meerbusen morgens mit den Fischern zum Sprottenfang auf die Ostsee gefahren bin, bleibt die Seefahrt ein Traumziel.
Erinnerungen an meinen Vater

Mein Vater Pastor Leonhard Brunowsky 1975
Vater war nicht nur Pastor. In Dorpat wie später auch in Posen lehrte er neben Religion auch Latein und Griechisch. Mit pädagogischem Geschick verkaufte er klassische Bildung auch an solche, die sie als zukünftige Handwerker und Restgut-Besitzer die Ilias nun wirklich nicht auswendig zu können brauchten. „Andra moi enepe musa...“ oder so ähnlich habe ich es noch im Ohr, wenn Vaterr mit leuchtenden Augen und erhobenem Zeigefinger griechische Texte deklamierte. Das war Kultur aber auch für die russischen Speisen und Getränke, vorzugsweise den Wodka, prägte er das Wort „Kultura“ wenn er zur Sakuska sein Schnäpschen nahm.
Auf einem Schulausflug hatte sich Vater leichtsinniger weise zum Baden überreden lassen. Obwohl er nachweislich nicht als Kosak gedient hatte, verfügte er doch mit seinen „Reiterbeinen“ über die besten Anlagen dazu, Kavallerist zu werden. Die Schüler verpassten ihm an diesem Ausflugstage den Spitznamen „Dackel“. Warum, weiß eigentlich niemand. Der Name wurde erblich, denn als ich in das Waltersche Privatgymnasium eintrat, hieß ich von Stund an der „Kleine Dackel“
Sehr zum Leidwesen der Humanisten war die deutsche Volksgruppe in Dorpat nicht in der Lage, zwei Schulen zu unterhalten. So ging denn unser Gymnasium ein und die „Zeddelmannsche Schule“ übernahm die unteren Klassen etwa ab 1935. Vater und ein paar andere Lehrer blieben aber, bis die oberen Klassen ihr Abitur gemacht hatten.
Irgendwie war Vater über die Schließung seines Gymnasiums recht verbittert. Ich jedenfalls durfte nicht auf die verächtlich „Realschule“ genannte Konkurrenzanstalt umsatteln. Für ein Jahr wurde ich zu Tante Ira und Onkel Hermann nach Paise geschickt. Wo man als Quintaner weiterhin Latein lernen durfte.
Vater war ein sehr gütiger Erzieher. Strenge lag ihm wenig, obwohl es schon mal was auf den Hosenboden gab, wenn wir es übertrieben. Hierzu durften wir unsere Ruten selber schneiden – wohl ein weises Mittel um den eigenen Zorn etwas abklingen zu lassen. Ein Beispiel für Anlässe, wo ein paar bunte Streifen auf dem Hintern fällig wurden, war mein missglückter Versuch auf Eisschollen im Teich des Handwerkervereins zur See zu fahren. Zum Glück war das Gewässer so flach, dass man zwischen den Eisschollen noch stehen konnte. Aber die Sorgen, die sich Mutti nach solchen Experimenten machte, verlangten nach Strafe. Wenn wir dagegen kleine Päckchen mit Hühnermist vor unser Fenster legten und Passanten beobachteten, die verstohlen nachschauten, was sie denn gefunden hätten ... über so etwas konnte sich Vater amüsieren. Beschwerden von Nachbarn über unsere Streiche waren nie Anlass für härtere Strafen.
Vater konnte ein einziges Klavierstück – ich glaube eine Masurka –auswendig. Da er keine anderen Stücke einübte, sondern nur diese Melodie bei Festen auf vielfachen Wunsch zum besten gab, spielte er die Weise perfekt mit allem Temperament seiner russischen Seele.
Wenn er dann keine weiteren Stücke mehr aufspielte, hielt man dies für große Bescheidenheit, in deren Glanz sich der Meister nach dem Beifall für das Spielen ein zweites Mal zu sonnen pflegte
Unendlich war die Vielfalt der Variationen, mit denen mein Vater beim Tanzen der Polonaise aufwartete, die er auf Schulfesten oder bei anderen gesellschaftlichen Ereignissen anzuführen pflegte. Er war ein umschwärmter Tänzer und hatte als solcher auch viel Verständnis dafür, dass ich bereits mit dreizehn Jahren meinen ersten Tanzkursus machen wollte.
Die Umsiedlung
Am 1. September 1939 überschreiten deutsche Truppen die Grenze nach Polen. Während die Eltern voller Sorge in die Zukunft blicken, laufe ich hinüber zu meinem Klassenkameraden und höre eine Hitler-Rede mit den berühmten Worten: „Seit 4.45 Uhr wird zurückgeschossen!“ In Wellen klingen jubelnde Heil-Rufe aus dem Lautsprecher. Uns stört es nicht, dass die Alten, die den Krieg am eigenen Leibe erlebt haben, die Euphorie nicht teilen, in der wir mit 16 Jahren schweben.
Dann wird es aber schnell ernst: Man hört davon, dass russische Truppen ins Land marschieren, um Flottenstützpunkte an der Westküste zu besetzen. Estland ist in einem Geheimabkommen an die Sowjetunion ausgeliefert worden. Was uns bevorsteht, wenn das Land annektiert wird, malen die Eltern sich aus, die die roten Mörderbanden 1918 selbst erlebt haben.
Dann werden alle Deutschen aufgefordert, am Sonntag zu einem Erbseneintopf in die „Bürgermuße“ zu kommen. Diese Eintopfessen fanden damals zu Gunsten einer „Winterhilfe“ für die Bedürftigen statt. Das war nicht ungewöhnlich. Aber plötzlich steht der Baron Karl-August von Stackelberg auf und hält eine Rede. Polen sei besiegt und der Warthegau wieder deutsch. Der Führer habe uns gerufen. Wir würden ins Reich heimkehren, um das von den Polen geraubte Land wieder deutsch zu besiedeln. Obwohl kein Wort von der russischen Invasion gesagt wird, weiß jeder, dass diese Umsiedlung erfolgt, um die Baltendeutschen vor einer drohenden Verschleppung nach Sibirien zu retten. Wir Kinder begreifen nicht, was für ein Schicksalsschlag das für unsere Eltern und Großeltern ist. . Als die ersten Transporte auf dem Bahnhof in Dorpat abfahren, wimmelt es von estnischen Freunden, die die Deutschen verabschieden. Tenor ist: „Ihr kommt sicher bald wieder um uns von den Russen zu befreien!“
Für uns ist das zunächst nur ein großes Abenteuer. Tags darauf begann Großvater hektisch unseren Hausstand aufzulösen. Der Abtransport der Deutschen mit allen Möbeln und Sachen wurde vom Reich mit gewohnter Gründlichkeit organisiert. Es war völlig unnötig gewesen, dass wir unsere Fahrräder und Vater seinen schönen dicken Schafspelz bei einem befreundeten jüdischen Händler zu einem Spottpreis verschleudert hatten.
„Wir fahren in den Süden, und da braucht man keine Pelze!“ Schmerzlich erinnerte sich Vater im ersten, besonders strengen Posener Winter an diese Dummheit. Es war einer der wenigen Anlässe, bei denen er ungeachtet seines christlichen Standes herzhaft fluchte.!
Wegen Irmelas bevorstehender Geburt konnten wir nicht mit den ersten Transporten in den Warthegau fahren. Großvater machte aus der Not eine Tugend und übernahm die Treuhandschaft für das Verladen der Möbel von bereits abgereisten Familien. Natürlich waren wir Großen dabei gleich mit einem kleinen Nebenverdienst beteiligt. Tagelang stand ich also in den Wohnungen meiner Landsleute und hakte auf langen Listen ab, was die Packer in die Möbelcontainer verluden.
Schließlich bin ich der letzte deutsche Schüler, der noch mit seiner grünen Mütze durch Dorpat läuft. Von „Ly“ werde ich zu einem Ball des russischen Lyzeums eingeladen. Ich bin jung, verliebt und genieße das Leben !
Nach Irmelas Geburt kam dann auch für uns der letzte Tag zu Hause: Die Möbel waren schon gepackt – wobei ich sicher bin, dass Großvater von seinen Packern gelernt hatte, welche Lebensmittel in Deutschland knapp und teuer waren. Jedenfalls kamen in unserem Container auch Käseräder und Schinken zollfrei hinüber ins Reich.
Gegen Abend verließ unser Umsiedlerzug Dorpat. In Reval wartete schon die „Sierra Cordoba“ auf uns, mit der es weiter nach Gotenhafen gehen sollte. Für uns Jugendliche war das ein großes Abenteuer. Nur die Eltern empfanden den Schmerz, die Heimat verlassen zu müssen. Großvater hatte manchmal erzählt, wie er nach dem 1. Weltkrieg auf einem Schiff hatte anheuern wollen und schon auf der Strickleiter von einem rauhen Seebären von Bord gejagt wurde. Jetzt machte er also seine erste Seereise. Und es war sicher ein Erfolgserlebnis für ihn, dass er nicht zu den zahlreichen Seekranken gehörte, die sich nach der Erbsensuppe mit Würfelhusten an der Reling quälten. Wir Jungen schliefen natürlich während der Reise kaum. Bis in die Nacht hinein wurde im Salon getanzt. Mein Bruder Gert entwickelte ein ungeahntes Talent als Steward, der auch bei schwankendem Schiff sein Tablett mit Gläsern zu den Tischen balancierte. Ich besuchte schon am frühen Morgen die Besatzung, ließ mir das Schiff zeigen und fand meinen Wunsch bestätigt, Marineoffizier zu werden.
Wir laufen in Gotenhafen ein. Eine Ju 88 brummt mit ihren deutschen Hoheitsabzeichen auf den Tragflächen über das Hafenbecken. Unten stehen Schwestern in Rot-Kreuz-Trachten auf der Pier. An langen Tischen sind heiße Getränke und Brötchen für uns bereitgestellt. Wir werden gestärkt, während eine Blaskapelle zu unseren Ehren Marschmusik spielt.
Ein „Goldfasan“ in der Uniform der politischen Leiter begrüßt uns „zurück in der Heimat“, was meine Großmutter eher peinlich findet.
Ohne Passkontrollen geht es in den Zug und wenige Stunden nach dem Einlaufen rollen wir weiter nach Posen. Als „kinderreiche Familie“ müssen wir nicht wie die anderen in ein Übergangslager. Man hat noch am gleichen Tag eine polnische Familie ausquartiert, um uns in der Ritterstraße unterbringen zu können. Der Frühstückstisch ist noch nicht abgeräumt, so schnell mussten die Polen ausziehen. Vater bemüht sich, die Eigentümer der Möbel zu finden, denn unsere eigenen Sachen sind ja unterwegs. Aber das gelingt nicht. Ich denke nicht darüber nach, was mit polnischen Intellektuellen wohl passiert sein könnte, die man nicht wiederfinden kann.
Schon nach wenigen Tagen werden wir in einer Durchgangsschule aufgefangen, wo sich Schüler aus diversen Unterrichtssystemen in der gleichen Klasse wiederfinden. Man beschäftigt uns mit Aufsatz-Schreiben. Mein Klassenkamerad von Buchshövden schreibt zum Thema
„Die Balten“ die denkwürdigen Sätze; „Vor siebenhundert Jahren zogen meine Vorfahren gen Osten, um die baltischen Provinzen Estland, Lievland und Kurland zu germanisieren. Vorigen Freitag kehrten wir unverrichteter Dinge wieder zurück.....“
Die ersten Monate in Posen
Die Abende verbringt die Jugend in den Sammelunterkünften, wo Balten, die noch keine Wohnung zugewiesen bekommen haben, behelfsmäßig wohnen. Es sind meist Turnhallen, in denen sich die Familien ihre Betten zu Wohnbereichen zusammengestellt haben Man lebt aus Koffern und wird aus Feldküchen verpflegt. Die Attraktion für uns ist aber, dass dort jeden Abend zu Schifferklavier und Gitarre getanzt wird. In munterem Kreise wird gesungen, im bunten Reigen werden Volkstänze vorgeführt oder es wird zu „Rosamunde“ oder anderen Ohrwürmern geschwoft. Auch für die Alten ist dieses bunte Treiben eine Ablenkung von den Gedanken an die verlorene Heimat und eine willkommene Abwechslung im Lageralltag. Blauäugig, wie wir sind, stellen wir uns vor, dass die vertriebenen Polen weiter im Osten genau so fröhlich im Lager leben, wie wir das hier als Balten tun können. Schon bald nimmt die Hindenburg-Oberschule ihren Lehrbetrieb auf, wo ich in die siebente Klasse komme. Vater stellt fest, dass für Pastoren kein Bedarf besteht und übernimmt eine Stelle als Studienrat für Latein und Griechisch in dem Posener Lyzeum. Er ist bei den Schülerinnen sehr beliebt und kommt mit seiner charmanten Art gut an, wenn er z.B. Geschnatter mit dem Ausspruch beendet: „Aber meine Damen, das Capitol ist doch schon gerettet.“ Natürlich treten wir alle in die HJ ein. Viele Kameraden lernen in der Flieger-HJ das Segelfliegen. Andere erhalten eine vormilitärische Ausbildung auf Motorrädern. Ich schließe mich der Marine-HJ an, wo wir schon im ersten Sommer ein Bootshaus mit Segelbooten auf dem Ketscher See beziehen. An der Warthe steht uns ein Bootshaus mit Ruderbooten und Kajaks zur Verfügung. Ich schaffe es, sowohl auf dem Segelboot als auch im Kajak als erster zu kentern. Im Sommer beziehen wir ein großes Ferienlager, wo wir in Zelten und Erdhütten kampieren, Geländespiele und Sport treiben und pausenlos beschäftigt werden. Hier erreicht uns die Nachricht vom Tod meiner Mutter. Ein polnischer Arzt stellt die Diagnose, dass es sich um eine Diphterie handelt. Er empfiehlt eine Serumspritze. Sicherheitshalber holt Vater noch einen deutschen Arzt dazu, der die Krankheit als Angina verharmlost. Drei Tage später stirbt meine Mutter, weil man nicht auf den Polen gehört hat. Bei der Beerdigung stehen wir fassungslos am Grab. Auch Vater fließen die Tränen über die Wangen, als der Sarg mit unserer geliebten Mutti langsam in der polnischen Erde versinkt. Aber dann rafft er sich auf. Während die Trauergäste den Friedhof verlassen, bilden wir Kinder mit dem Vater einen Kreis und stimmen unser Abendlied aus Dorpat an:„Breit aus die Flügel beide Oh Jesu meine Freude Und nimm Dein Küchlein ein.“
Die Familie im Warthegau
Wir lebten zunächst in der Ritterstraße und bewohnten einen Altbau aus der Gründerzeit. Es waren hohe Zimmer im ersten Stock. Alles ziemlich dunkel aber sehr geräumig. Die Wohnungen waren um einen großen Innenhof angeordnet. Rund herum wohnten noch viele polnische Familien, zu denen wir aber keinen Kontakt hatten.
Mein Vater übernahm schon bald einen Lehrauftrag an einer Mädchenoberschule. Er war schon immer ein guter Pädagoge. Aber bei den jungen Damen war er als Lehrer besonders beliebt. Sie schwärmten noch nach Jahrzehnte von ihrem Pastor Brunowsky.
In Posen ging die Methode, durch Erfolgserlebnisse zu motivieren, die Vater schon im Dorpater Gymnasium bei seinen Jungen praktiziert hatte, mit der Fähigkeit konform, jungen Damen ehrlich gemeinte kleine Komplimente im Unterricht machen zu können. Da durch die Umsiedlung reichlich Pfarrer für die Seelsorge im Land waren, etablierte sich der alte Herr mit eben dem gleichen Engagement als Studienrat.
Diese ersten unbeschwerten Wochen, in denen ich jeden Abend Freunde in einem Übergangslager besuchte, wo die Klampfen gezückt wurden und das alte Volk auf Strohsäcken lagerte, während die Jugend bündische Lieder sang oder Volkstänze tanzte, waren für mich so ausgebucht, dass ich die Eltern nur noch bei den Mahlzeiten erlebte.
Meine erste Schule wurde bald aufgelöst und in der Hindenburg-Oberschule gab es dann wieder Hausaufgaben und geordneten Unterricht in allen Fächern.
Um meinen Leistungsstand kümmerte sich der Großvater allenfalls anlässlich der Schulzeugnisse. Er wusste, dass ich Saisonarbeiter war. Mehr als befriedigende Noten erwartete er nicht, solange in Religion die „Zwei“ nicht gefährdet schien.
In der Ritterstraße hatte unsere Gehbehinderte Großmutter, die wir Ama nannten, einen Sessel am Fenster stehen. Von dem aus übersah sie den Hof, konnte aber nach der anderen Seite ihren vergötterten Schwiegersohn bei der abendlichen Patience zusehen. Wenn Großvater seine kleinen Karten legte, herrschte Stille. Niemand hätte es gewagt zu stören, wenn er versonnen über seinen Kärtchen saß und, wie wir meinten, schon den Unterricht im Kopf bewegte. Wahrscheinlich hat er aber gar nicht an den nächsten Tag gedacht sondern einfach nur entspannt. Vater konnte es nicht vertragen, dass eine Patience nicht auf ging. Er hatte ein ganzes Repertoire von Spielen, die fast immer klappten. Aber hin und wieder wagte er sich an seine „Große Patience“ heran, bei der das Risiko erheblich war, dass ein As unter einem Packen den weiteren Ablauf des Spieles blockierte. Für solche Fälle entwickelte sich der Großvater eine Reihe von Zusatzregeln. Wenn keiner zu sah, holte er so ein As einfach heraus und freute sich am Ende wie ein König, dass die Sache mit einem kleinen Schummeln doch noch aufgegangen war.
Unsere Mutti hat von Gert und mir sehr bewusst Abschied genommen, bevor sie am 23.Juli 1940 verstarb. Ich vergesse den Blick nie, mit dem uns Mutti ein letztes Mal in die Augen sah, so, als wolle sie sich unser Bild für die Ewigkeit einprägen, als wir in ein HJ-Lager abreisten. Sie war an einer Diphterie erkrankt, was ein polnischer Arzt richtig erkannt hatte. Der hinzu gezogene deutsche Arzt diagnostizierte dagegen eine Angina und verzichtete auf die rettende Serumspritze. Unser Vater hat sich bittere Vorwürfe gemacht, nicht auf den polnischen Arzt gehört zu haben, der Mutti vielleicht hätte retten können.
Wir waren uns der Gefahr nicht bewusst und fuhren in ein Waldlager ab, wo uns Geländespiele , Lagerfeuer und Singabende erwarteten. Dann wurden wir zum Lagerleiter gerufen, der uns heimschickte, weil unsere Mutter sehr krank wäre. In der Ritterstraße sah uns Ama am Fenster sitzend kommen und fing furchtbar zu weinen an.Bei der Beerdigung sangen wir der Mutter noch einmal unser Abendlied am offenen Grab:
„Breit aus die Flügel beide, oh Jesu meine Freude und nimm Dein Küchlein ein...“
Wie Vater ohne Tante Hella mit seinem Schicksal fertig geworden wäre, weiß ich nicht. Irmela war damals 8 Monate alt und Ama hätte einen Hausstand von 8 Personen mit ihrer Behinderung trotz Küchenpersonal nicht leiten können. Tante Hella war eine Jugendliebe meines Vaters, deren Mann sich gerade zu dieser Zeit von ihr getrennt hatte. Sie übernahm ohne zu zögern die Aufgaben der Hausfrau und wurde bald Vaters zweite Frau.
Am Klavier bekamen wir zwar Unterricht, aber im Gegensatz zu Lotti erlernte ich keine Noten und spielte alles auswendig. So blieb mir auch die klassische Musik verschlossen. Bezeichnend für Großvaters Weisheit war seine Antwort auf eine sehr abfällige Bemerkung über klassische Musik, die mir damals aus dem Hals heraus hing. Als ich mich in die Aussage verstieg, Bach sei großer Mist oder so ähnlich, gab Großvater mir den Rat, mich niemals so auszudrücken: „ Jungchen, sag doch einfach, du hättest für Bach kein Verständnis! Das wird dir jeder abnehmen und du wirst nicht als unreif gelten sondern als jemand, der seine Grenzen kennt und bereit ist, dies sogar zuzugeben.“
Alles, was Großvater anpackte und schuf war ihm keine Last, keine Arbeit wurde ihm zu viel und was er tun musste, tat er mit Freude. Ein Lieblingsspruch von ihm war: „Ich lebte und träumte, das Leben wäre Freude. Ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht. Ich arbeitete und siehe, die Pflicht ward Freude.“ So wurden dann seine langsam entstehenden Falten auch heitere Falten. Nicht die Sorgen sondern das Lachen prägte sich in seinem Gesicht ein, als das Leben es zunehmend zeichnete.
Als ich am 1. Oktober 1941 zur Marine einberufen wurde, gab es keine Abschiedstränen. Vater lebte immer in der Zuversicht, dass wir heil wiederkommen würden. Beim ersten Urlaub trug ich noch Matrosenuniform. Mein Fronteinsatz auf dem Kreuzer „Prinz Eugen“ interessierte ihn brennend. Über alle Einzelheiten unseres Luftabwehrgefechtes bei Lister musste ich ihm berichten. Er war stolz, dass ich an der Flak zum Abwehrerfolg gegen 60 britische Torpedoflieger hatte beitragen können.
Inzwischen hatten die Eltern geheiratet. Das Haus musste irgendwie 5 weitere Geschwister aufnehmen. Das wurde durch den Umzug in eine größere Wohnung in der Saarlandstraße möglich. Im Sommer zogen Eltern und Geschwister in ein Sommerhaus nach Puschkau.
Irgendwie war Vieles während des Krieges doch durch die guten Beziehungen Vaters nach oben von segensreichem Schutz begleitet. Die Hochzeit mit einer „Frau von Harpe“ machte mich zum Verwandten eines Oberleutnants zur See von Harpe, der mich auf sein Boot nahm, welches 1943 heil aus dem Atlantik zurück kam. Wer weiß, ob ich auf einem anderen Boot der 2. U-Flottille nicht das Schicksal meiner damals gefallenen Crewkameraden hätte teilen müssen.
Großvater schien nie überrascht zu sein, wenn ich plötzlich wieder heil zu Haus erschien Sein Gesicht strahlte und unausgesprochen stand der Gedanke im Raum: „Es kann uns ja nichts passieren, solange Vater um Segen für uns bittet.
Hochzeit vor Kriegsende
Dann stellte ich an einem Herbstabend in Puschkau den Eltern meine „Traumfrau“ vor. Hochfrisur, rote Fingernägel, gezupfte Augenbrauen und tadelloses Make-Up waren für mich Attribute einer attraktiven Frau, von der ein U-Bootfahrer draußen träumt. Das Leitbild einer gepflegten Frau sah für eine baltischen Familie allerdings etwas anders aus: Die deutsche Frau trägt lange, geflochtene Haare im Knoten, benutzt nur Wasser und Seife, um gut zu riechen, und kleidet sich sparsam und unaufdringlich.
Die erste Begegnung zwischen diesen zwei Welten versprach spannend zu werden. Als wir durch das Gartentor gingen, hörten wir Irmelas Stimme: „Da kommen sie!“
Da standen sie nun aufgereiht wie eine Phalanx: Großeltern, Eltern und die Geschwister wie die Orgelpfeifen angetreten – und alles schaute, prüfte und urteilte.
Nur dem Charme unseres Vaters und seiner gewinnenden Herzlichkeit verdanke ich, dass meine Helma nicht schon an diesem Tag den Gedanken aufgab, in eine baltische Familie einzuheiraten.
Bei Tisch machten evangelische Gebete und Abendlieder ihr wohl auch noch etwas Herzklopfen. Aber ein Schock war es, als Guja aufjaulte. „Die isst mein Brot!“ Es gab im Krieg nur die eine zugeteilte Scheibe dieser knappen Köstlichkeit, und die lag links neben dem Teller. Helma hatte versehentlich nach rechts gegriffen. Die köstlichen Maiskolben kannte meine Zukünftige nur als Hühnerfutter. Nur Vater und Apapa Heftler hatten sofort ihr Herz gewonnen. An alle anderen neuen Verwandten musste Helme sich erst langsam gewöhnen.
Eine Zumutung von mir war es wohl, Helma in die Saarlandstraße zu schicken, um die Einzelheiten einer Verlobung zu besprechen, von der ich den Eltern noch gar nichts gesagt hatte. Helma schreibt dazu in ihrem Tagebuch:
„ Als ich in der Saarlandstraße 23 die Treppen hoch stieg, war mir ganz erbärmlich zumute. Bevor ich klingelte, holte ich noch einmal tief Luft, um dann mit Todesverachtung die Wohnung zu betreten. Man erwartete mich bereits, da ich mich um eine halbe Stunde verspätet hatte. So lange war ich um den Block gelaufen. Wir sprachen über alles mögliche, aber ich fand nicht den Mut, über den Grund meines Besuches zu sprechen ...“
Hier war es wieder der Vater mit seiner verständigen Art, der diese Situation klärte:
„Sagen sie mal Fräulein Janssen, hat nicht Hans-Dieter angedeutet, er wolle sich bei seinem nächsten Fronturlaub mit Ihnen verloben?“ Helma fielen die Steine vom Herzen und jetzt gehörte sie wie selbstverständlich zur großen Kinderschar.
Besonders glücklich machte uns natürlich, dass der Vater unsere Ehe selber segnen durfte. Am 3.Januar 1945 hat er uns in der Saarlandstraße getraut. Die Stiefmutter hatte auf die Melodie „Ihr Kinderlein kommet“ ein Lied für unseren Einzug gedichtet, das die Geschwister anstimmen sollten, als wir zum Altar schritten. Anni posaunte allerdings das Weihnachtslied im Orginaltext heraus, was zu diesem Zeitpunkt verfrüht war!
Der Großvater hat nicht nur uns seinen Segen gegeben. Seine Großkinder Ralf-Dieter und Dagi konnte er taufen, Dagi und Achim trauen und seine letzte Amtshandlung war die Taufe seiner Urenkelkin Nicola. Und alle glauben wir immer noch an die Kraft seines Segens.
Urgroßvater Brunowskx mit Urenkelin Nicola Schmidt