Zurück zur Marine



Am 16.Januar 1961 fahre ich in Meierwik durch das Kasernentor. Meldung bei meinem Kompaniechef Kapitänleutnant Schwebke. Er ist ein schneidiger Offizier alter Schule. Als erstes sorgt er für meine Einkleidung, damit man mich garnicht erst in Zivilklamotten zu sehen bekommt. Ich erinnere mich zurück, daß ich von Oktober 1941 bis Juli 1945 niemals einen Zivilanzug angehabt habe. Man war damals 24 Stunden am Tag im Dienst. Dass jemand in Zivil zur Kaserne fuhr und sich erst dort die Uniform anzog, war unvorstellbar. Dieser Kaleu ist richtig! Wir gehen in die Messe, wo ich den Kameraden des 2. Ausbildungsbataillons vorgestellt werde. Die Kompaniechefs sind alles kriegsgediente Frontsoldaten, nur die Leutnants entstammen schon den ersten Crewen der Bundesmarine. Aber der Geist ist unverändert derselbe, den ich aus der Kriegsmarine kenne. Herzliche Aufnahme, lockerer Ton, eine verschworene Gemeinschaft von Männern,die froh sind, wieder dabei sein zu können. Schwebke ist unter englischer Flagge noch mit Schnellbooten zum Baltikum gefahren. Man hat dort Partisanen medizinisch versorgt, Agenten hingefahren, andere wieder abgeholt und ist den sowjetischen Küstenwachen immer rechtzeitig davongelaufen. Mich interessiert alles über diese Fahrten nach dem Kriege, weil das Baltikum ja meine Heimat war. Die Esten konnten sich auf unsere S-Boote verlassen, die auch dann noch auf dem Treffpunkten warteten, wenn es zu dämmern begann und ein Schlauchboot sich verspätet hatte. Am nächsten Tag treffen meine Rekruten ein: Verteilung auf die Stuben, Einkleidung, Einteilung in Züge und Gruppen, Kommandos - all das brauche ich nicht zu lernen, es ist alles wie bei der Kriegsmarine. Mit Formaldienst fangen wir an. „Erster Zug angetreten! Richt Euch! Augen gerade aus. Zur Meldung Augen rechts!“ Mein Herz schlägt höher, wenn ich wieder vor der Front stehe und Kommandos geben kann. Wir tragen feldgraue Uniformen auf dem Kasernenhof und im Gelände. Erst zum Feierabend wird Anzug blau befohlen. Schon in der ersten Woche bin ich Offizier vom Dienst. Bei meiner Runde durch die Kantine bemerke ich zwei Gefreite, die ihre Uniformärmel hochgekrempelt haben. Ein klarer Verstoß gegen die Anzugsordnung. Ich gehe an den Tisch und bitte freundlich, sich an die befohlene Kleiderordnung zu halten. Die Ärmel werden heruntergekrempelt. Als ich nach drei Minuten zur Kontrolle wiederkomme, sind die Arme wieder nackt. Ich gehe zu den Sündern und weise sie aus dem Lokal. „Wenn sie meine Befehle nicht befolgen, ist für sie der Abend beendet!“ „Aber Herr Oberleutnant, schauen sie doch, was ich für ein Blatt in der Hand habe!“
Ich spüre, wie hundert Augenpaare gespannt die Situation beobachten. Es wird totenstill in der Kantine. Wie ein Stier brülle ich nur ein Wort: „Rrauss!“ Die Drohgebärde wirkt wie beim Fußball-Schiedsrichter. Jemand faßt mich sanft am Arm, um mich am Zuschlagen zu hindern, so echt wirkt mein Zornausbruch. Hundert Mann ziehen den Schwanz ein und mein Gefreiter verläßt fluchtartig das Lokal. Mit etwas „gutem Zureden“ funktioniert es in der Marine immer noch so wie früher! Meine Autorität als „Neuer“ ist von diesem Tag an ungefährdet.

Sechs Monate müssen wir als Familie getrennt bleiben. Während der Eignungsübung gibt es keinen Umzug. Alle 14 Tage fahre ich von Flensburg aus zum Wochenende nach Augsburg. Ich brauche über 12 Stunden für die Strecke, weil es bis Hamburg noch keine Autobahn gibt. Den Samstag verpenne ich zumeist. Erst am Abend sind wir glücklich beisammen. Sonntag geht es durch die Nacht zurück. Manchmal klemme ich vor Müdigkeit einen Hausschlüssel zwischen die Zähne, um nicht einzunicken. Der hebelt mich wach, wenn der Unterkiefer absackt. Dann fahre ich auf den nächsten Parkplatz, lege mich für 10 Minuten hinten in den Wagen und schlafe tief . Danach bin ich wieder ein paar Stunden fitt. Am Montag trinke ich ein paar Tassen Kaffee zum Frühstück. Dann geht es zum Geländedienst. In der frischen Luft verfliegt die Müdigkeit schnell. Zwölf Stunden Schlaf in der kommenden Nacht reichen, um wieder voll da zu sein. Glücklich träume ich beim Einschlafen davon, der Ellenbogengesellschaft in der SHELL entronnen und wieder Soldat zu sein. Nach sechs Monaten können wir endlich umziehen. In Handewitt bei Flensburg habe ich ein Haus gemietet. Zu Pfingsten 1961 hole ich die Familie in Gersthofen bei Augsburg ab. Bei meinem Opel-Rekord fehlt Getriebeöl. Aber ich finde keine Tankstelle, die das Fahrzeug während der Feiertage auf die Hebebühne nimmt. Wir kommen bis ins Rheinland, dann verreckt das Getriebe. Abschleppdienst, Fahrt mit dem Werkstattwagen bis nach Geldern. Mutti und die Kleinen bleiben bei Oma und Opa. Ralf-Dieter und ich fahren als Vorkommando nach Norden. Aufregung, Ausgaben und Ärger ! Aber dann beginnt für die Kinder und uns eine glückliche Zeit. Zweitausend Quadratmeter Freigehege zum Spielen. Dagi beglückt uns mir einem Wollknäul von Hundebaby. „Mutti, wenn wir den nicht behalten, wird er ertränkt. Wer kann da nein sagen. Ich rette beim Dienst in der Marineschule eine aus dem Nest gefallene junge Dohle, die unseren Kinderzoo bereichert. Zwei Kätzchen bringen die Mädchen mit. Hühner und Enten werden angeschafft und im Garten werden Gemüsebeete angelegt. Zu meinen Soldaten habe ich ein durch natürliche Autorität geprägtes Verhältnis. Mit acht-unddreißig bin ich eher Vaterfigur, als die jungen Leutnants. Ich kann es mir leisten, zu fra-gen, ob jemand am Wochenende bei uns im Garten helfen möchte. Heute eine Todsünde! Es wird eine runde Party. Nachdem ein paar Stunden Bauschutt aufgeräumt werden, gibt es Bier und Abendessen am Lagerfeuer. Ich spiele Schifferklavier und bald erscheinen die ersten Mädchen aus dem Dorf. Es spricht sich herum, was für eine tolle Alternative so ein Abend in Handewitt zum tristen Wochenende in Meierwik ist. Ich kann mich vor Freiwilligen nicht retten.Während mein Kommandeuer nach dem Geländedienst seine Stiefel selber putzt, stehen bei mir immer frisch geputzte Knobelbecher im Spind. Mein „Aufklarer“ macht nicht nur die Stube sauber sondern kümmert sich auch um meine persönlichen Klamotten. Befohlen wird das natürlich nicht. Bald nach unserem Umzug werde ich Adjutant beim Kommandeur und Chef der Stabskompanie.

Als Kompaniechef wieder am Schreibtisch

Kapitänleutnant Barth, eine Aufsteiger aus dem Unteroffizierkorps, ist mit der Wahr-nehmung der Geschäfte des Bataillonskommandeurs beauftragt. Eine von ihm kommandierte Vereidigung ist Höhepunkt seiner militärischen Laufbahn. Eines Abends läuft ein Film im Fernsehen, bei dem ungeklärt bleibt, ob eine Kuh zuerst mit den Vorder- oder den Hinterbeinen aufsteht. Fritze Barth beklagt die tristen Zeiten: „In der Kriegsmarine wäre längst ein Leutnant unterwegs, um eine Kuh zu besorgen, an der man das studieren kann“. Unbemerkt verschwindet Leutnant zur See Quallmann. Nach einer Stunde marschiert er mit einer Kuh im Schlepp in die Offiziermesse, die er gegen eine Leihgebühr von sieben Mark bei einem Bauern besorgt hat. Mit großem Hallo werden die An-kömmlinge begrüßt. Zum Hinlegen ist das Vieh nicht zu bewegen. Aber sie macht mit ihren Mitteln deutlich, was sie von der Sache hält. Den Siedepunkt erreicht die Stimmung, als der Kommandeur vergeblich versucht, sie zu reiten. Ein reichliches Trinkgeld entschädigt die Putzkolonne! Am 13.August 1961 wird in Berlin die Mauer gebaut. Die Bundeswehr reagiert mit einer Verängerung der Dienstzeit für alle Soldaten um drei Monate. In der Marine bringt das den ganzen Stellenwechsel bei der Flotte durcheinander. Eine Schiffsbesatzung kann man nicht einfach vergrößern, weil es politisch opportun ist. So behält die Flotte alle guten Leute länger und ersetzt beim Stellenwechsel nur die „disziplinar Auffälligen“ durch Neuzugänge aus Schulen und Grundausbildung. Wohin aber an Land mit den Längerdienern? Man hat die Idee, das Flottenkommando in Glücksburg besser zu bewachen. Ich bekomme also einen zusätzlichen Wachzug in meine Kompanie. Alles schwere Jungs, die sauer sind, noch nicht entlassen zu werden. Bei der ersten Musterung meldet mir der Unteroffizier vom Dienst : „Herr Oberleutnant, es fehlt ein Mann. Der liegt noch besoffen in der Koje und weigert sich aufzustehen!“ Auf den Gesichtern meiner Mannschaften zeichnet sich ein höhnisches Grinsen ab. Meine Autorität ist im Eimer, wenn ich jetzt falsch reagiere. Ich schicke einen Unteroffizier zur Wache. Als er mit den angeforderten Handschellen zurück ist, lasse ich den Mann von zwei kräftig gebauten Obermaaten vorführen. Vor versammelter Mannschaft „lege ich ihn in Ketten“. Dann wird er zur Wache abgeführt. Das Grinsen erstarrt. Am nächsten Morgen gebe ich bekannt, daß die Stammdienststelle der Marine den Obergefreiten ohne die Abfindung für Zeitsoldaten fristlos entlassen hat. Zweitausend Mark für einen nicht ausgeführten Befehl, das tut weh. Aber die Ganoven in meinem Wachzug werden sich das merken. Der Matrose Baska hat nicht gelernt. Er haut trotz Ausgangssperre in der Nacht über den Zaun ab. Bei der morgendlichen Heimkehr erwischt ihn die Streife. Baska meint, seine Ka-meraden würden ihn laufen lassen. Aber die sind belehrt, was auf Wachvergehen für Strafen stehen. Der Spieß legt mir bei Dienstbeginn das Protokoll über die Aussagen der Streife vor. Darin steht u.a. folgende Beschreibung des Tathergangs: „......... Darauf schlug der Matrose Baska meinem Kameraden mit der Faust ins Gesicht. Ich drehte meine Gewehr um und schlug dem Matrosen Baska eins über den Schädel. Als er sich davon nicht beeindruckt zeigte, schlug ich noch einmal fester zu. Dabei brach der Gewehrkolben ab.“ Die Story stand anderntags in den Flensburger Nachrichten unter der Überschrift: „Matrosenschädel härter als Gewehrkolben“. Außer einer leichten Gehirnerschütterung trug Baska keinen bleibenden Schaden davon. Nach einem Jahr werde ich vom Ausbildungsbataillon zur Marineschule Mürwik versetzt. Hier soll ich als Schriftoffizier den drei Dozenten behilflich sein, die in so genannten Stabsoffizier-Lehrgängen die Kapitänleutnants auf Eignung für den nächsthöheren Dienstgrad überprüfen. Der Lehrgangsleiter ist Kapitän zur See Wiebe, ein hoch dekorierter Ing.Offizier der U-Bootswaffe. Auch „Vati Schulze“, ein Eichenlaubträger und U-Boots-Ass der ersten Kriegsjahre ist hier tätig. Ich lerne die halbe Kriegsgeneration der Marineoffiziere meiner Jahrgänge kennen, was natürlich für das Beziehungssystem in Flotte und Ministerium höchst nützlich ist. Als Diplom Volkswirt kann und soll ich meinen Kameraden helfen, wissenschaftliches Arbeiten mit Quellenstudium und Zitieren zu erlernen. Oft reicht es, wenn ich ihre Arbeiten lese und bestätige, daß sie brauchbar sind. Nebenbei spiele ich Zugführer bei Handelsschiffsoffizieren, die hier in HSO-Lehrgängen das Manövrieren und den Signalverkehr im Konvoi erlernen und dafür Reserveoffizier werden. Natürlich gehören Formaldienst und Schießen mit Gewehr und MG zur Ausbildung. Als passionierter Anhänger des Singens beim Marschieren, bringe ich den HSO`s auch ein paar Lieder bei, was bei der Kürze der Lehrgänge Textprobleme gibt. So rufe ich vor jeder Zeile den Text laut in Erinnerung. Der Gesang hallt über den Exerzierplatz. Da bemerke ich, daß die langen Kerls am Anfang so zuschreiten, daß die Kleinen hinten nicht mitkommen. In das Vorsagen der Liedertexte brülle ich hinein: „Nicht so lange Schritte vorne!“ was auf die Me-odie „Kary waits for me...“ dann laut gesungen zurücktönt „Nicht so lange Schritte vorne!“ Wir leben hier in der Tradition unserer Marine. Für mich eine unbeschwerte Zeit! Inzwischen bin ich Kapitänleutnant, was finanziell natürlich eine große Entlastung ist. Immerhin mußte ich bei Dienstantritt als Oberleutnant mit nur 1.070,- DM als Gehalt aus-kommen. Das war knapp so viel, wie ich in der SHELL allein an Spesen abrechnen konnte. Da ich als Berufsoffizier Pensionsberechtigung habe, lasse ich mir meine Rentenansprüche aus der Sozialversicherung auszahlen. Mit den 5.000,- DM können wir unseren Kredit für den Opel Rekord ablösen. Die Bewirtschaftung des Gartens zahlt sich aus. Zweihundert Weckgläser mit Gemüse hat Helma als Wintervorrat eingekellert. Für zwei Mark besorge ich beim Förster einen Holzsammelschein. Der Sturm hat bei der Flutkathastrophe 1962 soviel Windbruch verursacht, daß wir jedes Wochenende einen Kofferraum voll Holz aus dem Wald holen können. Es wird z.T. noch vor Ort zersägt und zu Hause gespalten. Die Hühner legen inzwischen fleißig Eier. So leben wir im Sommer überwiegend vom eigenen „Hof“. Aber da gibt sich die Gelegenheit, in Flensburg Mürwik eine Haus zu kaufen. Grundstücks-preis und Darlehenskonditionen sind so gestaltet, daß wir uns das jetzt leisten können. Groß-vater überweist uns zweitausend Mark, um sich am ersten Grunderwerb der Familie zu betei-ligen. Er ist stolz auf diese Leistung. Wir ziehen also um. Hühner und Enten werden geschlachtet. Jakob hatte mit Hund und Kat-zen aus einem Napf gefressen. Das wird ihm zum Verhängnis, als er einem streunenden Kater zuviel Vertrauen schenkt. Die Kätzchen kommen zu Nachbarn. Nur Moses darf nach Flens-burg mit. Es gibt noch viel zu bauen und an Papierkrieg zu erledigen. Damit muß nun Mutti allein fertig werden. Denn ich darf wieder zur See fahren! Aber Helma schafft das schon!

Schulfregatte Brommy

Im Herbst 1963 erhalte ich ein Bordkommando als I.Wachoffizier auf der Fregatte „Brommy“. Mein Vorgänger ist ein ganz scharfer Hund. Ich höre seine letzte Ansprache an die Besatzung: „Kameraden, mir ist zu Ohren gekommen daß der Militärpfarrer mit Ihnen über das Thema Toleranz gesprochen hat. Einige von Ihnen haben dabei wohl geäußert, es ginge hier nicht tolerant genug zu. Ich werde also jetzt mit ihnen Toleranz üben. Auf Gefechtsstationen weggetreten!“ Das ist nicht mein Stil! Ich lasse mir vom Schmadding (der seemännischen Nr.1 ) die Besatzungsliste vorlegen. Ich frage ihn, welcher Soldat hier die meisten Schwierigkeiten macht. Den hätte ich gern als per-sönlichen Aufklarer für meine Kammer. „Aber, Herr Kaleu, das können sie doch nicht ma-chen. Das wäre der Matrose Scherer. Der muß schon dreißig Tage nachdienen, soviel hat er im Arrest gesessen. Und bei jedem Rapport bietet er dem Alten eine Tracht Prügel an. Dann wandert er gleich wieder in den Bau!“ Also den will ich bei mir auf Reinschiffstation kennen lernen. Als Scherer sich meldet, zeige ich ihm meine Kammer. „Alle Uniformen sauber ausbürsten, die Schuhe putzen, Koje bauen, aber hier liegen meine Zigaretten. Wenn alles tip-top ist, dürfen sie sich eine anstecken.“ Es funktioniert. Scherer hält meine Kammer toll in Schuß. Wir laufen nach Holland aus. Scherer kommt zu mir als Ausguck auf die Brücke. Ich erkläre ihm die Ausweichregeln. „Wird rot an Steuerbord gesehn, dann mußt du aus dem Wege gehn!“ Es dauert nicht lange, da bekomme ich Meldungen von meinem Ausguck: „Tanker von Steuerbord. Empfehle lang-sam anzudrehen. Wir sind ausweichpflichtig!“ Ich kann mir das Lachen kaum verkneifen. Übungsschießen mit scharfer Munition. Es gibt ein Kaliber, daß nur noch die „Brommy“ an Bord hat. Die überalterte Munition soll weg. Ein Artillerielehrgang ballert den ganzen Vormit-tag auf die Scheibe. Scherer ist Ladenummer. „Halt, Baterie halt! Wegtreten zur Mittagspau-se!“ Während des Essens höre ich an Oberdeck Kartuschen klirren. Ich sehe nach und finde Scherer dabei, wie er in seiner Freizeit die leeren Messingkartuschen ordentlich ausrichtet. „Herr Kaleu, wie sieht das aus, wenn die hier an Oberdeck durcheinander liegen!“ Zu Weihnachten schenke ich meinem Aufklarer ein Buch: „Matrose Scherer in Anerkennung dessen, daß aus ihm doch noch ein guter Soldat geworden ist. Brunowsky, I.W.O „Brommy“. Der Vater kommt angereist und ist gerührt. „Wie haben sie das nur geschafft? Der Junge ist schon zu Hause nur aus dem Ruder gelaufen!“ Weihnachtsfeier. Meine Frau sitzt zwischen den Soldaten. Scherer paßt auf, daß ihr keiner zu nahe tritt. Höflich aber bestimmt ertönt es: „Herr Obermaat, etwas mehr Distanz bitte!“
Noch während meiner Dienstzeit auf der Brommy werde ich zu meinem eigenen Stabsoffi-zierlehrgang kommandiert. Ich kenne Programm, Lehrkräfte und Anforderungen. Natürlich habe ich keinerlei Probleme. Vor meinem Referat spiele ich mit meiner Besatzung Hallen-handball im Stützpunkt. Dabei trifft mich ein Soldat voll mit dem Ellenbogen aufs Auge.. Am nächsten Morgen stehe ich mit Veilchen auf dem Katheder.Meine Lehrgangkameraden feixen, als ich zu reden beginne. „Herr Kapitän, meine Herren! Meine Frau hat mir verspro-chen, es nie wieder zu tun!“ Ich habe die Lacher auf meiner Seite.

Auslandsreise auf der Hipper

Zu Weihnachten bekomme ich ein Fernschreiben. Ich werde als Kadettenoffizier auf die Schulfregatte Hipper versetzt. Man wollte mir zum Fest eine Freude machen. Aber es gibt Tränen. Nach neunzehn Jahren wieder ein halbes Jahr getrennt zu sein, ist natürlich hart für eine Frau! Es wird ein Fest mit sehr gedämpfter Fröhlichkeit.

Unsere Familie vor dem Auflaufen auf Auslandsreise 1964

 In den Jahren 1964/65 ist von Hassel Verteidigungsminister. Sein Sohn ist Seekadett und mich hat man auserwählt „Prinzenerzieher“ zu spielen. Ich finde bald guten Kontakt zum Mi-nistersprößling. Jedenfalls hat das Schiff dank meiner Art, die Kadettendivision zu führen, keine schlechte Presse beim Minister gehabt. Neapel, Suez-Kanal, Massaua - wie im Fluge geht die Zeit vorbei. Großvater hat mir eine Kamera geschenkt. Von jedem Hafen aus schicke ich einen Film nach Hause. So erlebt die Familie meine Traumreise ein wenig mit. Wenn ein neuer Film da ist, werden die Nachbarn eingeladen und alle Filme von Anfang an nochmal angeschaut. Im Schlafzimmer ist eine Strichliste an der Wand, wo jeder Tag mit Buntstift vermerkt wird. Sechs schwarze Striche senkrecht und am Sonntag ein Querstrich. Als die halbe Zeit um ist, werden die weiteren Striche grün gemalt. Mein Sohn Ralf-Dieter wird konfirmiert und ich gratuliere per Funkspruch. Der Großvater muß mich beim Fest vertreten. Über Madras und Chitagong geht es weiter nach Bangkok. Wir sind das erste Schiff der Bun-desmarine, das seit dem Kreuzer Emden Thailand besucht. Wir haben zwei thailändische Ka-detten an Bord. Mit ihrer Hilfe studiere ich ein thailändisches Lied mit dem Kadettenchor ein. Das kommt natürlich toll an. Sribadon und Jaturanon sind schlaue Burschen. In allen bisherigen Häfen nannten sie die Eingeborenen, wie in der Marine üblich, Kanaker. Zu Hause aber benutzen sie diesen Ausdruck nicht. Viel später in der Elbemündung frage ich die beiden, ob es hier in Deutschland nicht sehr kühl sei nach den 38 ° im Indischen Ozean. Prompt erhalte ich die Antwort: „Aber nein, Herr Kaleu, schauen sie doch ans Ufer, die Kanaker baden ja schon!“ Bei einer Bordparty hatte unser Verbindungsoffizier reichlich dem guten Whisky zugespro-chen. Ich stehe mit ein paar höheren Dienstgraden an Oberdeck. Da schwankt der Thailänder auf einen Admiral zu, schüttelt ihm die Hand, schnappt sich die Hand eines Generals und meldet dann: „Sir, Germans shake hands every five minutes!“ Über die Kadettenausbildung gibt es an Bord der Schulfregatte unterschiedliche Auffassun-gen. Der Kommandant ist 1938 eingetreten. Seine Crew erhielt noch die friedensmäßige harte Ausbildung auf Segelschulschiff und Auslandskreuzer. Für Fregattenkapitän Nordheimer ist es ein Anliegen, die Offizieranwärter zu unbedingtem Gehorsam zu erziehen. Der I.Offizier und ich sind als Seekadetten an der Front ausgebildet worden. Wir mußten unsere Funktionen in sinnvollem Drill trainieren. Von unserer Beherrschung der Fla-Waffen hing mitunter das Schicksal des Schiffes ab. Winken und Morsen konnten wir wie die Signalgefreiten. Der I.O. und ich sehen unseren Auftrag nicht darin, die Kadetten zu „disziplinieren“. Wir versuchen vielmehr die jungen Kameraden zu einer verschworenen Gemeinschaft zu erziehen und motivieren durch praxisnahen Dienst an der Waffe, auf dem Signaldeck und in der Navigation.

Immer wieder gibt es mit dem Alten deswegen Konflikte. Die Kadettendivision hat drei Züge, die jeweils ein Leutnant führt. Zwei Züge werden an Deck in Seemannschaft, Bootsdienst und an den Fla-Waffen ausgebildet. Der Dritte Zug be-ginnt in der Maschine. Jeweils nach sechs Wochen wird gewechselt. Beim Bootsdienst teilen die beiden Zugführer je zehn Mann als Kutterbesatzung ein. Die andere Hälfte des Zuges bedient als Fiermannschaft die Davids. Natürlich wählen die Leut-nants erst einmal die kräftigsten Kadetten für den Kutter aus. Beim Bojenmanöver sind daher die beiden Mannschaften zunächst gleich schnell. Beim Stationswechsel tritt nun aber ein, was passieren mußte: Leutnant Haberditzel setzt die kleinen Kadetten aus der Fiermannschaft in den Kutter. Leutnant Czubeiko bekommt den Zug aus der Maschine und kann sich wieder die zehn kräftigsten Bullen für die Riemen aussuchen. Folglich verliert beim täglichen Bojenmanöver immer der Steuerbordkutter. Der Alte zitiert mich auf die Brücke. Der Zusammenhang ist ihm nicht begreiflich zu machen. Jeden Tag bekommen Haberditzel und ich nach dem Kutterpullen unser Fett. „Das ist nur eine Frage der Disziplin, K.O. So schafft es der Steuerbordkutter nie!“ Ich sage nur „Jawohl, Herr Kapitän!“ Aber dann bin ich es leid. Im Kadettendeck bespreche ich mit meinen Jungs, wie wir dem Leutnant helfen können. „Beim nächsten Bojenmanöver tauscht ihr unbemerkt die Kutter. Der Alte kann von der Brücke aus das Einsteigen nicht übersehen. Fiermannschaft und Bootssteu-er bleiben auf ihren Stationen und ihr sorgt dafür, daß Haberditzel als erster die Boje fischt.! Erwartungsgemäß gewinnt der Steuerbordkutter mit der Backbordcrew den Kutterrees. Der Kommandant ist hoch zufrieden. „Sehen sie, K.O. - man muß nur anständig Druck geben!“ Unter Deck lachen sich die Kadetten kaputt. Als wir ein Wettpullen mit der Fregatte Spee veranstalten, verheddern sich die Riemen der favorisierten Kutter beider Schiffe. Der Steuerbordkutter gewinnt. Und der Alte gibt einen Kasten Bier aus. Kleinlich ist er nicht! Wir haben reichlich Filme an Bord. Es spricht sich herum, daß heute ein Film läuft, in dem ein nackter Busen vorkommt. Die Vorfreude ist groß bei der Besatzug. Da bekommt Nordheimer Wind von diesem pornographischen Anschlag auf sein Schiff. Der Film ist abzusetzen! Un-ser I. Offizier sagt kopfschüttelnd: „Aber Herr Kapitän, diesen Film, auf den sich die Männer so freuen, jetzt absetzen, das geht doch nicht!“ Die Antwort klingt allen Beteiligten heute noch in den Ohren: „Wenn es nicht geht, dann wird es eben befohlen!“

Bert Richartz, unser Stabsarzt, macht vor jedem Hafen ohne Rücksicht auf die Moralvorstel-lungen des Kommandanten Belehrungen, bei denen nicht nur nackte Busen auf den Dias zu sehen sind. „Jungens, nie ohne Pariser! Und dann sofort in den Sanitätsbereich zum Sanieren. Wenn ihr in einer halben Stunde hier seit, garantiere ich, daß ihr euch nichts einfangt!“ In Bangkok ist erwartungegemäß bis in die frühen Morgenstunden Hochbetrieb im Schiffsla-zarett.Unser Bordpfarrer hat keine Ahnung, in welchen Sumpf er da hineinschaut, als er früh um sechs Uhr Halsschmerzen verspürt und sich ein paar Tabletten besorgen will. Entgeistert schaut ihn der behandelnde Sanitätsgefreite an: „Sie auch, Herr Oberpfarrer?!“

Natürlich gab es für die Offiziere in Bangkok auch sehr nette private Einladungen zu deutschen Familien. Wir hatten das Glück, bei einem Lufthansaehepaar zu Gast zu sein, das uns während der Hafentage rührend betreute.

Als Kadettenoffizie in Bangkok bei Familie Severens

Höhepunkt der Reise ist die Äqutortaufe. Mit mir hat man viel vor, denn ich bin der einzige ungetaufte Offizier. Es fängt damit an, daß ich beim Wecken einen fliegenden Fisch an mei-ner Schreibtischlampe hängen sehe. Die Tür geht auf und es ertönt ein Schrei: „Der Kadet-tenoffizier hat einen lieblichen kleinen Sendboten Neptuns schamlos stranguliert.“ Es wird ein Tribunal veranstaltet. Zwei Stunden läuft eine Schau ab, die über den Bordlautsprecher übertragen wird. Man bringt auch gegen mich vor, daß ich mit roter Kreide in der Nacht Sprüche und eine Figur an die Aufbauten gemalt hatte. „Mr. Ungetauft, der Rächer der Entrechte-ten!“ oder „Wann schlägt Mr. Ungetauft zurück?“ Die Maate hatten anhand der Morsezettel versucht, die Handschrift des Übeltäters zu ermitteln, den man unter den Kadetten vermutete. Dann entdeckt man an meiner Khakihose Spuren von roter Kreide: Triumpfgeheul: „Der KO ist Mr. Ungetauft!“ Nach zwei Stunden Verhandlung kommt das Urteil: „Der KO ist bei der Taufe vogelfrei!“ Gelassen sitze ich in der Tropensonne am Pranger, bekomme abwechseln Heringslake und Sekt zu trinken, muß Neptun, dem Obergfreiten Kohl, die Zehen küssen, zwischen denen alter Harzer klemmt, darf sieben mal durch den Windsack und lande endlich mit dem Rest der „Rasierseife“ übergossen im Taufbecken. Als ich nach dem Taufschein frage, bekomme ich noch zwei Cola-Gläser warmen Rum eingeflößt. Dann will ich nur noch mit Thetis tanzen! Rückmarsch durch den Indischen Ozean. Bleierne Hitze! Kein Windhauch über der spiegel-glatten See. In meiner Kammer habe ich 38 ° gemessen. Obwohl der Arzt das Tragen einer Nierenbinde anordnet, liege ich nachts splitternackt auf meinem Bettlaken. Das sieht am nächsten Morgen aus wie das Leinentuch Christi, so hat sich der Schweiß darauf abgebildet. Endlich eine Wolke am Himmel. Ein tropischer Regen knattert auf Sonnensegel und Deck. „Alle Mann aufs Achterschiff zum Duschen!“ Freudengeheul und dann tummeln sich hundert nackte Leiber im Wasserfall des Regengusses. Plötzlich fällt eine Gewitterbö ein. Unser Son-nensegel droht wegzufliegen. „Alle Mann Persenning bergen! Anzug beliebig!“ Es ist ein unvorstellbares Bild. Die Kadetten stehen auf der Reling mit dem Oberkörper über dem Segeltuch, das sie aufrollen. Zu sehen sind vom Deck aus nur die unbeschreiblichen Blößen vom Bauchnabel abwärts.. Aber das Sonnensegel wird rechtzeitig geborgen. Die Kadetten verschwinden erfrischt unter Deck, denn jetzt sind wir im Zentrum des Tropen-gewitters. In ununterbrochener Folge blitzt es um uns herum, während der Donner fast ohne Pause grollt. Weiter geht es Richtung Westen.

Seemännische Ausbildung an der Ankerkette

Zusammen mit der Spee üben wir Schleppen und geschleppt werden. Der Schmadding hat die schwere Stahltrosse in großen Buchten aufgeschossen. Mit einer Wurfleine kommt die erste Verbindung vom schleppenden Schiff herüber. Es werden immer stärkere Leinen angesteckt. Endlich kommt Zug auf die Stahltrosse. Mit einer Axt wird der Tampen zerschlagen, der sie gesichert hat. Schwer hängt die Leine durch, als wir im Schlepp Fahrt aufnehmen. Die Kadetten sind begeistert dabei. Hier sammeln sie Erfahrungen, die sie wirklich in ihrem Berufsleben brauchen können. Jeden Abend singe ich mit den Kadetten Shanty`s. Wahrscheinlich würden sie lieber heiße Musik im Radio hören. Aber sie wissen, daß es für mich ein besonderes Anliegen ist, die schönen Seemannslieder aus der Kriegszeit an die Bundesmarine weiterzugeben. Sonnenun-tergang , schwermütige Weisen zu Klampfe und Schifferklavier und schließlich das Kreuz des Südens. Ich bin glücklich, das alles erleben zu dürfen. Natürlich gehört auch ein „High-Line-Manöver“ zum Programm. Während beide Schiffe in geringem Abstand nebeneinander herfahren, werden Leinen zwischen ihnen gespannt. Da es sehr schwer ist, genauen Abstand zu halten, müssen Kadetten die Tampen von Hand bedie-nen. Nähern sich die Schiffe einander, wird die Leine aufgelaufen. Vergrößert sich der Ab-stand, wird Hand über Hand nachgegeben. Natürlich wird ein mit vielen Verbänden umwi-ckelter „Verletzter“ abgeholt. Auch der Stabsarzt läßt sich übersetzen, und mit einem Postsack kommt schließlich noch eine Flasche Champagner von der Spee herüber. Ernster ist die Situation, als ein Frachter um Hilfe für einen Blinddarmkranken bittet. Unser Stabsarzt versorgt den Patienten, so daß er es bis zum nächsten Hafen schafft. Als Honorar bring der Schiffsarzt zwei Zentner frische Kartoffeln mit, die mit einem Freudengeheul von der Besatzung begrüßt werden. Seit Wochen leben wir von Reis, von dem man , nach einem Gerücht an Bord, Schlitzaugen bekommen soll. Wir erreichen Aden und begegnen beim Auslaufen einem britischen Flugzeugträger. In fünf Minuten steht die Besatzung in Paradeaufstellung Anzug weiß an der Reeling. Als die Eng-länder endlich die Ehrenbezeigung erwidern, schwimmen sie schon weit achteraus. Aden ist eine Gelegenheit zum zollfreien Einkauf von Kofferradios, Kameras und Souveniers. An Sonntagen dudelt fortan die Hotmusik aus jeder Ecke. Im Suez-Kanal warten wir in einem See auf die Zusammenstellung des Konvois in Richtung Norden. Da geht ein Passagierschiff in der Nähe vor Anker. Meine Kadetten bitten um die Genehmigung, in der Freizeit Kutter pullen zu dürfen. Das verwundert mich. Durchs Glas erkenne ich auf dem Dampfer Röcke an der Reling. Also daher! Wie bescheiden werden doch junge Männer, wenn sie drei Wochen keinem Mädchen mehr begegnet sind. Am „Fleisch-dampfer“ vorbeirudern und etwas winken dürfen, macht einen da schon zum Weiberhelden, den die Kameraden nachher unter Deck bewundernd von seinen Abenteuern erzählen lassen. In Malta gibt es noch einmal Landgang. Als wir gerade auslaufen, macht unser italienisches Kreuzfahrtschiff fest. Wieder können die Jungs den Damen nur wehmütig zuwinken. Es ist ein Sonntag, als wir bei strahlendem Sommerwetter Gibraltar passieren. Die Fregatte ähnelt einem Kreuzfahrtschiff. Überall braune Oberkörper von Sonnenanbetern. Eine leichte Brise aus dem Atlantik spendet Erfrischung und die weiche, lange Dünung läßt einen mit ge-schlossenen Augen von der Heimkehr träumen. Noch ein paar Tage und wir sind in der Schleuse bei Brunsbüttel. Nur eine Stunde Aufenthalt. Helma hat darauf verzichtet, mich hier zu umarmen und dann noch drei Tage auf das Einlau-fen warten zu müssen. Aber sie schickt mir durch die Frau eines Crew-Kameraden einen gro-ßen Strauß mit roten Rosen. Wir laufen nicht direkt nach Kiel sondern haben noch in der Eckernförder Bucht die Besichti-gung durch den Kommandeur zu absolvieren. Der Kommandant macht ein sorgenvolles Ge-sicht. „K.O. nun geben sie den Kadetten doch ein letztes Mal Zunder. Ich befürchte, daß wir bei ihrer laschen Ausbildung böse auf den Bauch fallen!“ Ich habe mit der Kadettendivision Lagebilder in Rollenspielen einstudiert, wie wir sowas im Krieg geübt haben. Für jeden Treffer sind alle Maßnahmen gedrillt. Rauchpatronen sind ver-teilt, um das Gefechtsbild möglichst realistisch zu fahren. Dann versammel ich meinen Haufen und gebe letzte Weisungen. „Der Kommandeur ist noch aus der alten Schule. Also macht mal während der ganzen Besich-tigung auf zackig! Durchgestreckte Arme beim Winkern, breitbeinig arbeiten aber Männchen bauen, wenn der Alte etwas fragt. Nach jeder Antwort Herr Kapitän anfügen. Na ihr wißt schon, was diese Generation glücklich macht.“ Meine Jungs grinsen und haben verstanden. Die lassen mich nicht im Stich. „Front nach Steuerbord! Seite! Abpfeifen!“ Meldung durch den Alten an den Kommandeur. Kapitän zur See Erhard schreitet die Front ab. Die Blickwendungen sind so zackig, daß ich für die Nackenmuskeln der Kadetten fürchte. Die Antworten kommen wie aus der Pistole geschossen und sind so laut, als wäre der Alte schwerhörig. Wir gehen Anker auf. Ich bin Gefechts-W.O auf der Brücke. Es hagelt Treffermeldungen und Berichte über erfolgte Maßnahmen. Ein einlaufendes Schnellbootgeschwader erkennt, daß bei uns Gefechtsbilder gefahren werden und spielt mit. Unsere Kanonen haben plötzlich Ziele. Feuerbefehle überschlagen sich. Der Kommandeur hat die Übersicht verloren. „K.O. was ist denn bis jetzt alles ausgefallen?“ Für diesen Fall ist eine Rauchpatrone auf der Brücke zu zünden. Es qualmt auf einmal fürchterlich. Jemand brüllt: „Treffer Brücke! Ruder umschalten auf achteren Notsteuerstand!“ Ich wetze nach achtern auf meine Station. Der Kommandeuer bricht die Übung, wie erwartet, an dieser Stelle ab. Gerührt sagt er zum Kommandanten, daß er so eine eindrucksvolle Besichtigung in der Bundeswehr noch nicht erlebt hat. Mit säuerlichem Gesicht hört sich Fregattenkapitän Nordheimer an, wie meine Erziehungsarbeit an den Kadetten gelobt wird. Motivation ist manchmal wirksamer als Dis-ziplinieren, aber die Crew 38 wird das wohl nicht mehr lernen!

Einlaufen in Kiel. Die Pier ist schwarz von Angehörigen. Elegant nähern sich die stolzen Fre-gatten der Anlegestelle. „Beide Maschinen zweimal Stopp! Stelling über!“ Ich bin mit unter den ersten, die an Land springen. Und dann halten wir uns nach fünf langen Monaten wieder in den Armen. Die halbe Nachbarschaft hat Helma begleitet, die jetzt mit in die Messe kommt. Bevor ich nach Hause mitkommen kann, muß noch der Zoll unsere Mitb-ringsel in Augenschein nehmen. Unser Verwaltungsoffizier hat einen Ballen echte Seide preiswert erstanden. Der Zollbeamte kneift ein Auge zu und sagt: „Da haben sie sich aber schön hereinlegen lassen. das ist ganz billige Kunstseide.“ Empört verteidigt der V.O. sein Schnäppchen: „Aber nein, ich bin sicher, daß das echte Seide ist!“ Kopfschüttelnd über so viel Sturheit läßt sich der Zöllner den Betrag für echt seidene Ware bezahlen. Die Auslandsreise ist vorüber. Meine Versetzung an die Marineschule liegt schon vor.Wir werden von Wolfgang Borchmann und Anneliese in unserem früheren Auto abgeholt, das wir ihnen preiswert überlassen hatten. Zur Vereinbarung gehörte, daß mein Crewkamerad meine Frau während der Auslandsreise fahren sollte, wann immer sie ein Auto brauchte. Auch Hans und Malene Boje sind zur Be-grüßung nach Kiel gekommen.Meine Filmkamera habe ich in Brunsbüttel an Borchmanns übergeben. So kann das Einlaufen und mein Sprung an Land auch im Schmalfilm als Ab-schluß der Reise gefilmt werden. Gemeinsam fahren wir nach Flensburg zu unseren Kindern. Als unser Wagen in den Twedter Mark einbiegt, schauen sie und die Nachbarn schon aus allen Fenstern. Schlacksig begrüßt mich der Große, dem seine Rührung etwas peinlich ist. Dagi umarmt mich und Kira laufen die Tränen über die Wangen, als sie ihren Vati wieder hat. Unser „Bordhund“ Moses kann sich vor Freude nicht einkriegen. Er wieselt zwischen allen Beinen herum und bellt vor Begeiste-rung, daß das Rudel wieder vollständig ist.

Zerstörer vor der Marineschule Mürwik

Gruppenoffizier an der Marineschule zu werden, ist für mich eine Traum-Verwendung. Sie bietet auch die Chance, jeden Abend bei der Familie zu sein und sie so etwas für die lange Zeit der Trennung zu entschädigen. Fähnriche führen und erziehen, lehren und Tradition pflegen in einem historischen Gebäude, wo die Marine seit der Kaiserzeit ihren Offiziernachwuchs in einheitlichem Geist prägt, das ist wohl eine der schönsten Aufgaben, die ich mir vorstellen kann. Nicht umsonst sind die Gebäude den Burgen des Deutschen Ordens in Ostpreußen nachempfunden. Alles atmet Ordensatmosphäre, bei jedem Schritt hallt es, als würde man von den gefallenen Kameraden begleitet die hier zu einer Gemeinschaft zusammengeschweißt wurden, bevor sie an den Falklandinseln, in der Skagerrak-Schlacht, auf der Bismark oder im U-Bootskrieg ihr junges Leben opferten. Ehrfurchtsvoll stehe ich in der Aula, wo die Namen aller im I. Weltkrieg gefallenen Marine-offiziere auf Eichenholztafeln verewigt sind. Die Namen der Kameraden aus dem II.Weltkrieg fehlen. Auch wenn die Aula doppelt so groß wäre, würden die Wände nicht ausreichen, alle Namen aufzunehmen. Hier diente ich 1942 als Fähnrich. Und nun nach zweiundvierzig Jahren darf ich selber Fähn-richen das von der Tradition der Marine weitergeben, was ich als zeitlose Wertewelt empfin-de. Mir fällt ein, daß noch im III. Reich einmal wortlos Kaisers Geburtstag gefeiert wurde. Vor jedem Fähnrich stand ein Glas Rotwein von einem unbekannten Spender und der Admiral sagte nur „Meine Herren!“ Jeder wußte, daß nicht etwa auf den Führer angestoßen wurde. Meine Gruppe besteht aus 10 Fähnrichen und 10 Handelsschiffoffizieren, die als Leutnante in die Bundesmarine übernommen worden sind. Natürlich ist der Sohn des Ministers, Seekadett von Hassel, wieder in meiner Gruppe. Offenbar ist dem Vater über meinen Umgang mit Ka-detten nichts Nachteiliges zu Ohren gekommen. Ich melde mich beim Kommandeur, der mich schon aus der Zeit kennt, wo ich Adjutant bei den Stabsoffizierlehrgängen war. Thema ist der Sohn des Ministers. Ich kann nur berichten, daß der Junge ein prächtiger Offizieranwärter ist, mit dem es keine Probleme geben wird. Daß er später mit hundert Sachen im Sportwagen durch Flensburg rasen wird, ahne ich noch nicht. Der Dienst ist so abwechslungsreich, wie eine Schulbetrieb eben sein kann. Ich lehre Taktik und Taktische Navigation. Es läuft mir kalt den Rücken herunter, als ich dabei die wissen-schaftlich entwickelten Suchkurven vermitteln muß, denen so viele meiner U-Bootskameraden im Nordatlantik zum Opfer gefallen sind. Einen Tag in der Woche mache ich mit den Männern Bootsdienst. Kutterpullen dient dabei nur noch gelegentlich als Sport. Schwerpunkt sind im Herbst und Sommer Segeln und im Winter Verkehrsboot Fahren. Viel Spaß macht dasVerbandsfahren mit UKW-Funk. Als wir einmal eine Schulklasse zu Besuch haben, imponieren die Fähnriche mit ihren Formations-Fahrten. Befehlssprache ist dabei NATO-Englisch. „Gang, this is Boss. Execute to follow. Formation one. I say again, Formation one. Stand by, stand by! Execute! Out!“ Und wie durch Zauber scheren die Boote mit schäumender Bugwelle aus der Staffel wieder in die Kiel-linie ein. Hier wird praxisnah mit Sprechfunk geführt. Winken und Morsen ist viel zu langsam geworden. Wir haben es auf der „Hipper“ umsonst gepaukt! Aber unsere Schulklasse ist natürlich begeistert. Bei einer Segeltour am Wochenende fällt eine Gewitterbö ein, als wir gerade in Höhe der Hanseatischen Yachtschule vor Glücksburg sind. Ich schieße in den Wind, nehme das Groß-segel weg und folge meinen Küken vor der Fock. Statt es mir nachzumachen brausen die Ka-detten mit vollen Segeln vor dem Wind ab. Ein Großsegel nach dem anderen fliegt den An-fängern um die Ohren. Ein Verkehrsboot der Yachtschule schleppt die Yachten ein. Zum Glück waren es alte Reservesegel und wir können am nächsten Morgen weiter. Aber erstmal lade ich die völlig durchnäßten Kameraden auf einen heißen Grog zu mir in die Wohnung ein. Getränke bringen wir mit. Heißes Wasser ist schnell aufgesetzt und dann sitzen die Jungs auf dem Teppich um mich herum und schmettern zum Akkordeon: „Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen..“ Helma ist froh, mich noch eine Nacht zu Hause zu haben. Auf der Treppe erscheinen die Gesichter unserer Kinder, für die dieser Besuch natürlich ein tolles Abenteuer ist. Ich bin sicher, daß jeder Kadett gelernt hat, wie plötzlich und gewaltig eine Gewitterbö sein kann. Zur Tradition der Marineschule gehören die sogenannten „Bolzen“ , Streiche der übermütigen Kadetten, mit denen sich jeder Jahrgang zu verewigen bemüht. Dazu zählt zum Beispiel der Transport eines Klaviers auf den Turm mit Hilfe von Flaschen-zügen, welches mit dem Glockenschlag zwölf in der Sylvesternacht fallen gelassen wurde. Die ersten Crewen der Bundesmarine bewohnten nur einen Flügel der Ordensburg. Auf der anderen Seite wohnten damals Studentinnen der Pädagogischen Hochschule. Nun stand vor dem Haupteingang, den beide Gruppen benutzten, die Bronzestatue eines nakten Jünglings. Diese hatten Frevler aus dem Kreise der Offizieranwärter angebohrt und den Hohlkörper mit gelber Flüssigkeit gefüllt. Eine zweite kleine Bohrung ließ die Figur mehrere Tage lang höchst echt wirkend einen farbigen Strahl verrichten. Manchmal kostete ein Bolzen die Fähnriche auch ganz schön Geld. So wurde einmal eine förmliche Einladung zu einem großen Marineball mit gedruckten Karten verschickt. Erst als der Bürgermeister und andere Honoratioren sich beim Kommandeur für die Einladung be-dankten, kam der Schwindel auf. Das Fest fand natürlich statt. Aufgefahren wurde nur vom Feinsten, und die Crew bezahlte zähneknirschend alles. Auch die Gruppen versuchten mitunter ihre Offiziere hereinzulegen. Vor allem Kleinwagen verführten dazu, „passend“ zwischen zwei Bäume gehoben zu werden, so daß ein Ausparken nicht mehr möglich war. Gegen einen Kasten Bier war man natürlich bereit, das Fahrzeug wieder auf den Parkplatz zu stellen. So ein Kleinwagen stand eines Morgens vor der Kammer eines Oberleutnants im ersten Stock. Der Gruppenoffizier sah, daß seine Fähnriche um die Ecken lauerten, um seine Reakti-on zu beobachten. Er setzte sich ans Steuer, fuhr über Gänge und Freitreppen bis zum Hörsaal und stand dort als die Kadetten hechelnd angelaufen kamen, um jeden „Verspäteten“ ins Notizbuch zu schreiben. Klar, daß auch meine Gruppe so eine Lausbüberei ausheckt Seit der Cuba-Krise werden ver-mehrt Alarmübungen durchgeführt. Sie laufen unter dem Stichwort „Quicktrain!“ und haben das Ziel, ein schnelles Aufsuchen der befohlenen Alarmräume zu üben. Man zieht sich Oliv-zeug an und marschiert mit Gewehr und leichtem Marschgepäck in irgendein abseits gelegenes Waldstück. Es begibt sich, daß unser amerikanischer Verbindungsoffizier versetzt wird und in seinem Haus eine Abschiedsparty feiert. Admiral Dr. Schneider-Pungs ist mit seinen Offizieren einge-laden und das Fest ist in vollem Gang. Da klingelt das Telefon. Es meldet sich die Ehefrau eines meiner Handelsschiffsoffiziere als Vermittlung : „Einen Augenblick, ich verbinde mit dem Offizier vom Dienst!“ Es folgt eine Männerstimme:„Herr Admiral, melde Alarm Quick-train!“ Zur gleichen Zeit klingelt es an der Haustür. Draußen steht Anzug Stahlhelm der Sohn des Ministers: „Sekadett von Hassel. Herr Admiral, melde Alarm Quicktrain!“ Gewöhnlich ist es in der Bundeswehr eine Todsünde, mit Alarmübungen Scherze zu treiben. Man hält also den Alarm für echt. Die Offiziere werfen sich in ihre Mäntel und begeben sich zur Haustür. Als der Admiral aus der Tür kommt, ertönt aus dem Garten ein Chor mit Klamp-fe und Schifferklavier: „Happy Quicktrain to You, happy Quicktrain to You....“ Mit Gelächter wird die Fete fortgesetzt. Unsere amerikanische Familie lädt natürlich die Übeltäter zu einem Drink ein und es wird ein rundes Bordfest daraus. Man kennt sowas von Anapolis. Die Kadetten dürfen mit Seemannsliedern zur Stimmung beitragen, und natürlich wird dieser „Bolzen“ nicht mit erzieherischen Maßnahmen geahndet.

Wochendsegeln mit meinen Fähnrichen

Es wird Sommer 1965. Noch einmal bekommen wir die schönen Mahagoni-Yachten der 6,5 KR-Klasse für eine Wochenendfahrt. Es ist eine klare Neumond-Nacht und wir üben Na-vigation nach Leuchtfeuern. Im Verband segeln wir bis Kalkgrund . Dann lasse ich die Later-nen löschen und die Boote steuern getrennt einen befohlenen Treffpunkt an. Um 1.00 Uhr komme ich dort an und befehle mit Sprechfunk die Segel anzustrahlen. Im Umkreis von ein paar hundert Metern leuchten weithin sichtbar die Großsegel auf. Stolz melden sich die Bootssteurer und bitten um weitere Befehle. Laternen werden gesetzt und in Kiellinie gehen wir auf neuen Kurs. Der Himmel steht voller Sterne, die in der sauberen Luft über dem Wasser doppelt hell strahlen. Sanft schaukeln die Boote in der weichen Dünung. Nur vom Vorschiff hört man das leise Plätschern der Bugwelle. Wir genießen die Stille. Was haben wir doch für einen Traumberuf! Nach der Seeoffizier-Hauptprüfung müssen sich die Offizieranwärter entscheiden, ob sie als Soldat auf Zeit dienen wollen oder die Berufsoffiziers-Laufbahn ergreifen möchten. Ich bin ganz stolz, als meine Gruppe sich ohne Ausnahme für letzteres entscheidet. Obwohl es Sache unseres Kommandeuers ist, uns über die nächste Verwendung zu informie-ren, höre ich vom Personaloffizier, daß ich nach Köln versetzt werde. Fritze Martini, mein Chef, fragt, als ich ihn darauf anspreche erstaunt, ob meine Frau auch bei Spar eingekauft habe. Erst als ich dumm aus der Wäsche schaue, klärt er mich auf: Seine Frau hat beim Ein-kauf mit der Vorzimmerdame des Kommandeurs geklönt und erfahren, daß für ihren Mann ein Wechsel ins Ministerium bevorsteht. Fritze ist stocksauer über diese Indiskretion. Bei Rotwein , Weißbrot und Käse feiert der Kompaniechef Abschied von seinen sechs Grup-penoffizieren. Die Stimmung ist irgendwie gedrück, obwohl keiner ahnen kann, daß es für unseren verehrten Vorgesetzten die letzte Station sein wird. Ein heimtückischer Hautkrebs rafft ihn viel zu früh dahin.

Gerade zwei Jahre haben wir im eigenen Haus wohnen können, als ich zum Personalstammamt versetzt werde. Nachbarn und Familie begleiten mich zu meinem VW, als ich nach Köln abreise. Viele schöne Faschingsfeste haben wir zusammen gefeiert, manches geistreiche Ge-spräch mit unseren dänischen Nachbarn am Twedter Mark 74 geführt. Es wird uns schwer fallen, die Freunde zurückzulassen und wieder einen neuen Kreis zu su-chen. Aber Versetzungen gehören offenbar zur Marine. Wenn ein Admiral in Pension geht, rücken sieben Untergebene in die nächsthöheren Planstellen nach, werden befördert, aber müssen in fast allen Fällen auch umziehen. „Vater versetzt, Kinder sitzen geblieben“, sagt man. Jedenfalls sind die Familien die Leidtragenden dieser Personalwirtschaft. Unsere drei Kinder schaffen es aber immer ohne Ehrenrunde. Das ist auch das Verdienst der Mutter, wenn sie immer für die Familie da sein kann und nicht zu Lasten der Heranwachsenden „Selbstverwirklichung“ spielt. Im Personalstammamt der Bundeswehr

Im Amt übernehme ich erst einmal die Funktion des Sachbearbeiters für Organisation, S3 genannt. Für meinen Vorgänger ist die Übergabe der Amtsgeschäfte ein Schock. Er hat eine riesige Liste vorbereitet, auf der Vorschriften stehen, die er mir übergeben will. Sein Dienst-zimmer steht voll davon. Ich schüttele den Kopf und sage: „Bringen sie das bitte alles in die Bücherei! Für das, was ich mit gesundem Menschenverstand entscheiden kann, brauche ich keine Vorschriften. Und von meinem Büro erwarte ich, daß mir nur Dinge vorgelegt werden, die auf Übereinstimmung mit den Vorschriften geprüft sind.“ Der gute Kapitänleutnant macht ein Gesicht, als hätte man ihm seine Lebensaufgabe, Dienstanweisungen zu sammeln, zerstört. Ich komme auch so prima klar. Mit meinem Oberst haben wir die gleiche Wellenlänge und meine Schreibdamen genießen es, keinen Kleingeist über sich zu haben, der an jedem Brief-entwurf etwas zu meckern hat. Da absehbar ist, daß ich irgendwann ins Ministerium muß, verzichten wir auf einen Umzug nach Köln. Es bietet sich die Gelegenheit, ein Haus in Bad Godesberg zu beziehen. Ich erhalte die Umzugsgenehmigung, und nach einem halben Jahr beenden wir den Zustand der Wochenend-Ehe und ziehen wieder zusammen. Mit der Beförderung zum Korvettenkapitän werde ich Prüfstabsoffizier in der OPZ genannten Offizierbewerber-Prüfzentrale. Sie gehört zum Personalstammamt der Bw, so daß ich nur meinen Dienstposten im gleichen Hause wechseln muß. Wir arbeiten mit Psychologen zusammen, von denen ich manchmal den Eindruck habe sie hät-ten ihr Fach nur studiert, um die eigenen Probleme analysieren zu können. So vertritt ein Dok-tor allen Ernstes die These, daß jeder einen Komplex hat, der einen Vollbart trägt. Eines Tages erscheint ein Kanditat in der Prüfung, der zwar etwas klein von Wuchs ist, aber hervorragende Testergebnisse bringt und auch im Prüfgespräch brilliante Antworten gibt. In der Pause ist mein lieber Doktor ganz durcheinander: „Mensch, Brunowsky, ich finde den Komplex nicht.“ Am Nachmittag ist Sport. Die Gruppe läuft ein, und mein Psychologe ruft strahlend vor Freude: „Sehen sie, da haben wir den Grund für den Bart: Der Bewerber hat einen Körper, wie ein elfjähriger Knabe. Am Strand sagen die Mädchen doch glatt zu dem, er soll seinen Schnuller holen, wenn der keinen Bart tragen würde!“ Wir stellen ihn natürlich ein! Heikler ist das Thema „20.Juli 1944“. Jeder von uns kennt die politische Vorgabe zu diesem Fragenkomplex. Er soll Prüfstein für die Treue zum demokratischen Rechtsstaat sein. So er-hält jeder Bewerber aus der Wehrmacht am Schluß die Standardfrage: „Was halten sie vom 20. Juli?“ Für die Bewerber ist nicht erkennbar, wie die Prüfoffiziere selber zum Bruch des Fahneneides stehen. Man erzählt sich nun folgende Begebenheit: Ein Marineoffizier wird im Juni geprüft. Die Kommission ist sich einig, das es ein guter Mann ist. Es ist also nur noch Formsache, ihm die letzte Frage zu stellen: „Was halten sie vom 20.Juli?“ Umständlich zieht der Kandidat seinen Kalender aus der Tasche blättert darin und sagt : „Das würde mir gut passen. Ich könnte aber auch schon am 1. Juli anfangen!“ Die Prüfung ist bestanden. Weitere Fragen zum Widerstand werden nicht gestellt. Die Bewerberlage ist in diesen Jahren beängstigend. Die jungen Interessenten sind allenfalls bereit, vier Jahre zu dienen. Dann wollen sie zur Universität. Das Ansehen des Offiziersberufs ist gegenüber akademischen Berufen so abgesunken, daß Abiturienten sich nicht mehr für diese Laufbahn interessieren, obwohl man bei der Marine ja auch ohne Studium den „Höheren Dienst“ erreichen kann. Ich schreibe eine Studie : „Kosteneinsparung durch Hochschulstudium für Offiziere“. Mein Anliegen ist es, zu beweisen, daß man nicht 100.000 DM in drei Jahre Ausbildung stecken darf, um den Zeitoffizier ein Jahr in der Verwendung nutzen zu können. Es erscheint mir wirtschaftlicher, den Offizier auf 15 Jahre zu verpflichten und studieren zu lassen. Ein Studium am Anfang sollen die Techniker bekommen, die es im Beruf nutzen können. Ein Studium am Schluß empfehle ich für Truppenoffiziere, die es als Berufsförderungsmaßnahme nach der Verwendung erhalten sollen. Mein Abteilungsleiter ist mit den Gedanken durchaus einverstanden, warnt aber davor, diese Arbeit dem Amts-Chef, einem General der Panzergrenadiere, vorzulegen. Man muß also sehr diplomatisch vorgehen. Ich lasse mich anmelden und lege die Studie mit den Worten vor: „Herr General haben vor einem Jahr in einer Besprechung geäußert, man müsse über ein Studium für bestimmte Laufbahnen nachdenken. Hier sind die Untersuchungsergebnisse zu ihrem Befehl!“ „So,so, habe ich das damals befohlen. Kann mich nicht erinnern, aber lassen sie mal hier!“ Weil es angeblich seine Idee ist, fährt der General am nächsten Tag mit der Studie nach Bonn. Von dort bringt er die Arbeit ungelesen wieder zurück. Mit Buntstift steht auf der ersten Seite: „Offiziere sollen nicht auf der Universität anfangen zu denken. Sie sollen gehorchen!“ Jahre Später kommt das Studium für Offiziere. Man hat es durchsetzen können, weil man die Anforderungen an unseren Beruf so beschrieben hat, als könne man ihnen ohne Studium nicht gerecht werden. Manchmal muß man krumme Wege gehen, um im Beamtenstaat Privilegien für Soldaten durchzusetzen. Aber immerhin, heute ist das Studium an den Bundeswehr-Hochschulen mit voll bezahltem Gehalt so attraktiv, daß es genügend Bewerber gibt. .Bei der Arbeit in der OPZ bemerke ich, daß wir hier bereits alle Daten erheben, die die Kreiswehrersatzämter für die Wehrüberwachung speichern müssen. Es bietet sich an, im Per-sonal-stammamt EDV einzuführen. Alles, was wir bei der Eignungsprüfung an Daten erfas-sen, kann dann unter Einsparung von Zeit und Personal von beiden Dienststellen genutzt werden. Nebenbei fällt automatisch Material für unsere Statistik an, mit der wir uns an jedem Quar-talsende mühsam herumschlagen. Dieses Nachdenken über die Möglichkeiten der Datenver-arbeitung stempelt mich als „Experten“ ab. Unversehenens finde ich mich in den Führungsstab der Marine versetzt, wo in der Planungs-abteilung eine neue Stelle der Besoldungsgruppe A 14 für einen „Hilfsreferenten EDV“ aus-gewiesen wird. Ich melde mich im Ministerium bei meinem Referenten, Kapitän zur See Raa-be. Er begrüßt mich sehr herzlich, weiß aber nicht so recht, was man mit mir anfangen soll. Ich ziehe in ein Dienstzimmer ein, habe einen leeren Schreibtisch vor mir und kein Mensch interessiert sich dafür, was ich da mache. Ich lese alles, was ich mir über Datenverarbeitung beschaffen kann. Da mein Referatsleiter immer noch nicht Zeit gefunden hat,mir Aufgaben zuzuordnen, bleibt es bei der Marineme-thode „mach mal!“ So suche ich mir einen „Management Systems Course“ an der Marine-akademie in Monterey/Californien aus. Man ist einverstanden und schickt mich hinüber. Es werden sechs herrliche Wochen am Pazifik. Vor meinem Schlafzimmer rauscht die Brandung. An das dauernde Geheul der Seelöwen hat man sich schnell gewöhnt. Die Vorlesungen sind interessant. Es ist alles darauf abgestimmt, uns an der Software für Planungsaufgaben zu interessieren, die die Akademie uns in Unkenntnis dessen verkaufen möchte, daß wir in der Bundeswehr verglichen mit den USA auf dem EDV-Gebiet noch in der Steinzeit leben. Ab-wechslung bieten Ausflüge mit jungen Marinekameraden aus Deutschland, die hier studieren. Sie werden hart gefordert. Nach jeder Woche wirft der Computer eine Liste aller Teilnehmer an die Wand, aus der jeder ersehen kann, an welcher Stelle er mit seinen Leistungen steht. Nur eine bestimmte Anzahl der besten Offiziere, darf das Studium fortsetzen. Die anderen gehen mit dem Bachelor-Examen zurück in die Truppe. Aus dem Kreise der ins „Master-Programm“ übernommenen Offiziere, dürfen schließlich einige bis zur Promotion weitermachen und PHD werden. Unsere deutschen Offiziere gehören immer zur Spitzengruppe. Mit Kapitänleutnant Krauß war ich auf der Marineschule in der gleichen Inspektion. Wir ma-chen Ausflüge zu den Naturschutzparks, bestaunen die tausendjährigen Riesenbäume und erholen uns bei Grillparty`s . In Carmel bin ich Gast eines Millionärs, der dort als Kellner angefangen hat und jetzt ein Prominentenlokal besitzt. Er ist sehr stolz, deutsche Offiziere zu seinen Gästen zu zählen. Ich lerne viel über Amerika, zum Beispiel, daß man einen Koch nicht einstellt, weil er gute Zeugnisse hat, sondern weil sein Steakmesser vom vielen Schleifen dünn geworden ist. „Wer so viele Steaks geschnitten hat, der kann das, und sonst fliegt er nach einer Woche raus!“ Die Küche ist französisch, aber die Bedienung trägt deutsche Dirndlkleider und stammt aus Bayern. Am Abend steht unser Gastgeber im weißen Smoking an der Tür, neben ihm seine Frau im silbernen Abendkleid. Die Gäste sind alle steinreich und genießen es, sich von ihresgleichen bedienen zu lassen. Wie im Fluge vergeht die Zeit und nach sechs Wochen sitze ich wieder in der Luftwaffenma-schine von El Paso nach Bonn. Über meinen Job im Ministerium kann ich wirklich nicht klagen! Das Planungsreferat erstickt in manueller Arbeit. In langen Listen wird die Planung der Mari-ne fortgeschrieben - natürlich mit Schreibmaschine auf Wachsmatritzen für die Vervielfälti-gung. Wenn alles fertig ist, kommt der Minister aus Frankreich zurück und ordnet an, daß ein paar Schnellboote von diesem NATO-Partner einzuplanen seien. Nun ist das nicht so einfach, wie man sich das vorstellt: „Streiche drei deutsche S-Boote, setze drei französische Schiffe!“ Nein, der Personalbedarf für diesen Typ ist geringer, als bei der bisherigen Planung. Es wäre aber eine Todsünde, den von der Politik vorgegebenen Umfang der Bundesmarine zu unter-schreiten. Also bastelt man an der Personalstärke aller Schiffe und Dienststellen solange he-rum, bis unten auf der Liste, die gleich Zahl erscheint. Wie ein Weltmeister tippt der einzige Feldwebel des Referates nun die Hälfte der Wachsmatritzen neu. Ich bin voller Ideen, was man hier anders machen kann, aber auf dem Dienstweg braucht das Jahre! Daß sich diese Arbeit dafür anbietet, auf EDV umgestellt zu werden, leuchtet jedem Laien ein. Aber zuständig für EDV sind die zivilen Behörden. Die betrachten die Datenverar-beitung als Kontrollinstrument. Und unsere Beamten sind nicht bereit, Kontrollfunktionen aus der Hand zu geben.. Ich bringe in Erfahrung, daß die IBM eine „Programmierte Unterweisung“ verleiht, mit der man die Sprache PL1 im Selbststudium erlernen kann. Die Herren winden sich. Es sei von dem zuständigen Verwaltungsamt strengstens untersagt, diese Lernunterlage an Soldaten aus-zuleihen. Im Amt sitzt ein U-Boot-Fahrer. Im „Freikorps Dönitz“ hilft man sich immer noch gegenseitig. Ich bekomme das Lehrbuch für einen Nacht. Hin zu meinem Kameraden im Dokumentationszentrum. Auch er ist U-Boots-Fahrer. „Kannst Du mir diesen Leitz-Ordner bis morgen früh auf Mikrofilm kopieren?“ Es läuft. Die Prog-rammierte Unterweisung ist rechtzeitig zurück. Im DokZent werden nun 10 Kopien für die Marine vom Mikrofilm gezogen. Ich arbeite mich durch. Habe alles begriffen, muß aber noch Zugang zum Rechenzentrum haben, um meine Programme auf Karten lochen zu lassen und zu testen. Weil Soldaten zur EDV-Ausbildung nicht zugelassen werden, melde ich mich unter falschem Namen für einen Programmierlehrgang an, der im Ministerium für Beamte läuft. Offiziere dürfen nur Waffensysteme programmieren. Diese mathematische Materie ist nichts für Juris-ten. Als „Herr Dose“ komme ich täglich in Zivil zum Dienst. Die Lehrgangsteilnehmer dürfen zum Testen ins Rechenzentrum. Ich arbeite während des Lehrgangs an der Aufstellungs-weisung der Marine. Als Kapitän Raabe die EDV-Ausführung seiner Planung in Händen hält ist die Skepsis verflogen. In Zukunft tausche ich nach den großen Konferenzen nur ein paar Karten aus und lasse die Planung nochmal drucken. Jetzt erinnere ich mich meiner letzten Dienststelle. Das Personalstammamt kämpft seit Jahren mit dem Bundeswehrverwaltungsamt um Programmierer. Immer das gleiche Leiden: Wenn die Soldaten ein paar militärische Planstellen abtreten würden, bekämen die Beamten zivile Dienstposten dafür. Und dann könnte man darüber reden, was die programmieren dürfen. Ich lasse mir von der OPZ die intelligentesten Unteroffiziere des Amtes auswählen. Mit einem VW-Bus kommen die Soldaten täglich am Nachmittag ins Ministerium, wo ich ihnen das Programmieren beibringe. Seit ich mit dem Rechner arbeite, hat unser Referat soviel zusätzli-che Zeit, daß ich halbtags entbehrlich bin. Die Verwaltung hat keine Ahnung, was da läuft. Nach sechs Wochen erneuert das Personalstammamt seine Forderungen und bietet leihweise fünf Programmierer an, die in der EDV-Abteilung unter ziviler Leitung die Aufgabe lösen sollen. Es klappt wunderbar. Unsere Soldaten können nicht nur PL1 sondern kennen auch das Problem. Sie programmieren die Zivilangestellten an die Wand. Das Amt bekommt einen Programmier-Stabsoffizier und eine eigene EDV-Abteilung, die den Bedarf des Hauses vollständig abdeckt. Der Durchbruch ist geschafft. Es gibt auch Soldaten am Computer!. In Bonn ist inzwischen die SPD an der Regierung. Eine neu geschaffene Planungsabteilung soll sich nur um die Reformvorhaben kümmern. Der für EDV zuständige Referent ist ein Bru-der von Kapitän zur See Schmöckel, der mich von der Marineschule her kennt. Das Kanzler-amt fordert mich unvermutet an. Ich solle dort mit großzügigster finanzieller Ausstattung den Einstieg in das Zeitalter der Datenverarbeitung vorbereiten. Man lockt mit einer Planstelle A 15 . Wer kann da schon nein sagen, wenn er erst vor einem Jahr Fregattenkapitän geworden ist. Ich lasse mich darauf ein, obwohl ich kein Freund der neuen Herren bin. Im Kanzleramt läuft alles sehr positiv an. Ich gehe in Uniform zum Dienst. Bald hat man sich an diesen exotischen Anblick gewöhnt. Abteilungsleiter ist Jochimsen, ein engagierter und sehr modern denkender Chef. Schon nach kurzer Zeit darf ich an einem Brainstorming mit dem Quickborner Team teilnehmen. Die Herren sind Experten in Kreativität. Man sitzt an einem großen runden Tisch und hat einen Stapel bunter Karten sowie einen Filzschreiber vor sich. Wer etwas zu sagen hat, muß ein Stichwort auf eine Karte schreiben, das aussagt, worü-ber er sprechen will. Erfrischend anders, als das Gelaber in bisher erlebten Diskussionen, die oft genug nur der Selbstdarstellung dienten. Es gibt kein Verhalten nach dem Motto: „Wie soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage!“ Die Karten werden an großen Pinwänden zu einer Struktur von Ideen geordnet. Die wird durch ein Foto protokolliert. Dann wird bewertet: „Was ist tabu, was ist wichtig, was ist schnell durchsetzbar?“ So gehen wir schließlich auch an das Thema EDV heran. Welche Informationen sind leicht zu beschaffen und noch genügend wichtig für die Planung? Damit wollen wir anfangen. Ich bin begeistert und hänge mich voll hinein. Während die Abteilung eine Struktur der in der Regierungserklärung angekündigten Reformvorhaben entwickelt, bastele ich an Erfassungs-bögen und Datensätzen. Ich habe Haushaltsmittel genug, um Plattenstapel zu beschaffen. Die umständliche Arbeit mit Bändern kann ich vergessen. Da wir im Kanzleramt keinen Rechner haben, arbeite ich weiterhin im Rechenzentrum des BMVg, wo ich bekannt bin, wie ein bunter Hund. Ich habe drei Plattenstapel angefordert und erhalten. Nur einen brauche ich für das Kanzleramt. Die anderen beiden leihe ich den Planungsabteilungen der Streitkräfte aus, die sowas niemals von ihren Beamten bekommen würden. Aber die erste Euphorie ist schnell dahin. Mein Referatsleiter ist CDU-Mitglied und muß ins Innenministerium. Er wird durch einen Herrn ersetzt, der als Landtagskandidat der SPD in Stuttgart gescheitert ist. Man versorgt den Parteifreund mit einer Stelle als Ministerialrat. Eine rasante Laufbahn bis zur A 16 Position ! Beamter im Schnellbratverfahren! Aber dann komme ich hinter weitere Zusammenhänge. Mein neuer Chef war vorher im Verkauf bei der IBM tätig. Es geht also um den Großrechner für das Kanzleramt. Vorgespräche mit Simens werden abgebrochen. IBM hat seinen Mann richtig placiert! Niemand denkt an eine Ausschreibung. Das Informationssystem, an dem ich gearbeitet habe, funktioniert. Ich muß zwar meine Daten sortieren und für jedes Problem ein neues Abfrageprogramm schreiben, aber ich kann alle Fra-gen innerhalb von Stunden beantworten, die die Planung an die EDV stellt. Derweil arbeiten IBM und freie Mitarbeiter an einem Software-Paket, mit dem man über Bild-schirm direkt mit dem zu beschaffenden Großrechner kommunizieren kann. Es ist wie in Bux-tehude beim Wettlauf zwischen Hase und Igel. Immer wenn ein neues Problem auftaucht, müssen die Herren zugeben, daß ihre Universalabfrage gerade diese Kleinigkeit noch nicht beantworten kann. „Das muß dann Herr Brunowsky machen!“ Irgendwo im Lande ist Wahlkampf. Man will wissen, wieviele Punkte aus der Regierungser-klärung inzwischen in Bearbeitung sind. Ich drucke eine lange Liste aus und man ist glück-lich! Aber mit einer etwas anderen Abfrage hätte ich für die Opposition eine ebenso lange Liste der Versprechungen ausdrucken lassen können, die nicht eingehalten worden sind. In-formation ist Macht. Information die der Gegner nicht hat, ist doppelte Macht ! Mir wird deutlich, daß Ehmke mit der EDV eine klares Ziel verfolgt: Man will die Eigens-tändigkeit der Ministerien zurückstutzen und vom Kanzleramt aus führen. Wenn jeder seine Vorhaben lückenlos in das System gibt, kann man den Bearbeitungsstand kontrollieren und den Finanzbedarf für die nächsten fünf Jahre planen. Aber die Beamten in den verschiedenen Ressorts riechen den Braten. Die Programme stehen zwar, aber es werden nur noch belanglose Informationen an die EDV gemeldet. Welche neuen Subventionen erfunden werden, trägt der Landwirtschaftsminister wie gehabt mündlich in der Kabinettsitzung vor. Die Datenverarbeitung speist man mit Meldungen wie z.B.über die „Bienenhonigverordnung“ ab. Die Kompetenz des Kanzleramtsministers reicht nicht aus, um ein lückenloses Meldewesen durchzusetzen. Der Apparat der einzelnen Ministerien ist fest in der Hand unkündbarer Ministerialbürokraten. Und die blocken jeden Machtverlust ab! Als Marineoffizier zwischen den Genossen in der Sozialabteilung Die Jahre in Bonn stehen für mich unter keinem guten Stern. Von den Möglichkeiten der Datenverarbeitung bin ich so fasziniert, daß ich kaum noch anderen Interessen nachgehe. Der gesellschaftliche Umgang wird auf Personen eingeengt, die auch mit Computern zu tun ha-ben. Bei Einladungen gibt es oft nur noch ein Thema. Mit Recht meutert meine Frau dage-gen, zumal ich oft noch in der Nacht im Rechenzentrum arbeite und mit den Gedanken nur noch bei meinen Programmen herumhänge. Wir sind nach Endenich in eine große Wohnung am Klostergarten 1 umgezogen. Das Minis-terium sucht händeringend nach guten Schreibkräften und fordert alle Bediensteten auf, im Bekanntenkreis nach geeigneten Mitarbeiterinnen zu suchen. Die Kinder sind inzwischen herangewachsen. So bewirbt sich meine Frau und wird sofort mit Kußhand erst bei der Luft-waffenplanung und dann in der Abteilung Personal eingestellt. Es entwickelt sich ein herzli-ches Verhältnis zwischen ihr und den Offizieren des Referates P IV 6 .Sie wird hier als Frau eines Kameraden voll respektiert. Sie kocht nicht etwa Kaffee im Referat sondern geht zur Pause mit ihren Herren ins Kasino. Wenn sie Geburtstag hat, wird das Referat zu einer stil-vollen Feier von ihr eingeladen. Der Referatsleiter ist vom Können seiner Spitzenkraft so angetan, daß er alle Verbesserungen im Text akzeptiert und sich über Korrekturen in seinen Entwürfen sogar freut. So macht die Arbeit Spaß! Ralf-Dieter, macht ein gutes Abitur am Beethoven-Gymnasium. Es ist die letzte Klasse, in der noch ohne Rauschgift-Sorgen und Einfluß der Achtundsechziger vernünftig gelernt wird. Aber die Anfänge machen sich bemerkbar. Unser Sohn kommt bedrückt aus der Stadt zu-rück, wo er ein Buch kaufen wollte. Er mußte sich von einem Klassenkameraden beschimpfen lassen, weil er seinen Einkauf bezahlt hatte, während der Freund seine Paperbacks an der Kasse vorbei gemogelt hat: „Wissen ist Eigentum des Volkes. Dafür darf man der herrschen-den Klasse nicht auch noch Geld geben!“ Stolz erfüllt mich, als mein Sohn als Offizieranwärter in Glückstadt bei der Marine einrückt. Es ist ein Höhepunkt in meinem Marine-Leben, als ich an seiner Vereidigung teilnehmen kann. Aber dann kommen bedrückende Nachrichten aus dem Ausbildungsbataillon. Ralf-Dieter hat eine schwere Lungenerkrankung nach der anderen. Bei einer Bronchographie wird festgestellt, daß eine Lungenoperation unerläßlich ist. Wir holen den Jungen nach Bonn, wo man ihm einen halben Lungenflügel wegschneidet. Bange Stunden, in denen man wieder beten lernt. Alle Träume, meinen Beruf an die nächste Generation weitergeben zu können, sind plötzlich unwichtig. Wenn der Junge nur wieder gesund wird. Die Klinik oben am Venusberg ist auf solche Eingriffe spezialisiert. Der Professor beruhigt uns: „Ihr Sohn wird so gesund, wie er noch niemals war. Diese Bronchiekstasie ist eine heimtückische Erweiterung der Atemwege, mit einem Beutel, in dem sich immer neue Infektionsherde festsetzen können. Den haben wir problemlos entfernen lönnen!“ Besuche am Krankenbett. Der Mutter laufen die Tränen über die Wangen, als Ralf-Dieter sein erstes Cordon bleu mit Appetit ißt. Bei den Atemübungen muß der Patient Luftballons mit der geflickten Lunge aufblasen. Stolz zeigt uns unser Sohn, daß er einen Ballon zum Platzen gebracht hat. Das Schicksal hat es gut mit uns gemeint. In der Marine hätte es unser Sprößling wohl kaum so weit gebracht, wie später als Journalist. Mir stinkt die Arbeit im Kanzleramt zunehmend. Ich will zurück zur Marine und führe ein diesbezügliches Personalgespräch. „Sie sind mit ihrer A 15 Besoldung in der Truppe nicht mehr verwendbar. Auch Planstellen für EDV-Aufgaben haben wir nicht. Nur in der Sozialab-teilung gäbe es etwas. Hätten sie Lust, sich um Kantinen,. Soldatenheime und Offizierkasinos zu kümmern? Sie können sich dort ein neues Referat aufbauen!“ Klingt gut. Ich sage zu. Die Sozialabteilung ist eine gut gemeinte Schöpfung von Helmut Schmidt und seinem Staatssekretät Fingerhut. Sie entsteht durch Teilung der Abteilung Verwaltung und Recht. Einige Referate werden nur neu zugeordnet und mit vollem Personal übernommen. Nur das Betreungsreferat, das ich leiten soll, wird geteilt. Ministerialrat Saarländer behält den ganzen Apparat mit sieben Beamten. An mich tritt er die gute Hälfte seiner Aufgaben und einen ein-samen Oberamtsrat ab. Mein Referat heißt S I 2 aber mein Vorgänger zeichnet die Post an mich mit „Sozi I 2“ aus, was natürlich eine Frechheit ist. Die Stelle für einen Abteilungsleiter wird sofort geöffnet und mit dem Genossen Herbert Laabs besetzt, der ein Freund von Fingerhut und Schmidt sein soll. Auch mein Unterabteilungsleiter wird versorgt. Es ist der Oberst Garken, einer der wenigen Soldaten dieses Dienstgrades, die beim Regierungswechsel in der SPD und in der ÖTV Mitglied waren. Er soll hier General werden. Zu unserer Unterabteilung gehören drei Referate, von deren Arbeit Garken keine Ahnung hat. Nur von Kantinen und Offizierkasinos versteht er ebensoviel wie ich. Also machen die Ver-waltungsbeamten was sie wollen, während ich von meinem Chef „geführt“ werde. Auftrag ist eine Kantinenreform mit dem Ziel, die traditionelle Trennung der Betreuungsein-richtungen für Mannschaften, Unteroffiziere und Offiziere aufzumischen. Dem Gerechtig-keits-empfinden das Ministers mißfällt, daß bei den Mannschaftsheimen Pächter sich mit ho-hen Preisen gesund stoßen, während die Dienstgrade ihre Heime selber bewirtschaften und nicht nur günstig einkaufen sondern auch noch von Ordonnanzen bedient werden, die der Bund besoldet. Ich erkenne, daß dies eine dankbare Aufgabe für einen Dipl.Volkswirt ist, sehe aber auch die Sachzwänge, die Lösungen erschweren. Die Dienstgrade wollen nach Feierabend unter sich sein und sich nicht mit ihren Damen unter die Mannschaften mischen. Sie verwalten ihre Heime ehrenamtlich und handeln sich günstige Preise bei den Lieferanten aus. Wenn man sie ihr Personal bezahlen läßt, müssen unzumutbare Preise kalkuliert werden. Der Kantinenpächter kann zwar seine Kosten auf einige hundert Mannschaften umlegen, aber sein Bierpreis bleibt trotzdem höher, als der im Kasino. Dies also ist das Problem. Und natürlich weiß man schon, „daß eine staatliche Gesellschaft den Betrieb der Heime wirtschaftlicher gestalten würde, als die selbständigen Kantinenpäch-ter“!? Endlich muß Herr Saarländer mir seinen fähigsten Regierungsdirektor für diese Aufgabe ab-treten. Von dem erfahre ich auch, warum mein Ministerialrat so sauer auf die Teilung seines Referates ist. Er hatte alles so geplant, daß er nach der Pensionierung gut dotierter Aufsichts-ratsvorsitzender der Kantinenbetriebsgesellschaft hätte werden sollen. Ich überlasse den Schriftkram meinem Regierungsdirektor Alexander, nachdem wir uns dar-auf verständigt haben, daß selbständige Pächter immer wirtschaftlicher arbeiten können, als ver-staatlichte Heime, auch wenn wir damit auf Gegenkurs zu Laabs gehen. Ich selber küm-mere mich zunächst um die Erfassung der Grundlagen für eine Reform. Ich muß wissen, wie die wirtschaftliche Lage der Pächter ist. In den Unterlagen finde ich Daten darüber, daß sie noch viele Jahre ihre Kantinen nicht aufgeben, obwohl diese hohe Verluste ausweisen. Irgendwas stimmt da nicht. Hier suche ich Spielraum für die Preisgestaltung eines Grundsor-timents, bei dem einige Speisen und Getränke zu gleichen Preisen in Kantine und Offizierheim angeboten werden sollen. Es geht nicht, daß der Offizier 1,50 DM für sein Bier bezahlt und die gleiche Flasche für die Mannschaften 2.20 DM kostet. Die Statistk in der Abteilung VR , aus der mein Referat herausgelöst wurde, ist vorsintflut-lich. Man erfaßt sieben Grundwerte pro Kantine. Daraus erstellt die Standortverwaltung Bilanzen. Dann listet sie die Kantinen ihres Bereichs auf, bildet Summen und errechnet Mittelwerte. Das Ergebnis geht zur Wehrbereichsverwaltung. Da geschieht das gleiche mit den Zahlen der Standortverwaltungen. Dann kommen zu einem Stichtag die Ergebnisse ins Ministerium. Hier sitzt ein Oberamtsrat dann mehrere Wochen an der Auswertung des Zahlenmaterials. Ich kann froh sein, wenn ich am Ende eines Jahres weiß, wie die wirtschaftliche Lage der Kanti-nen zwei Jahre vorher war. Mit so alten Zahlen kann ich nicht arbeiten. Ich fordere auf dem Dientsweg Programmierung dieses Problems an. Das kann Jahre dauern. Und so lange wartet mein Abteilungsleiter nicht auf Ergebnisse. Ich beziehe in der Ermekeilkaserne ein Zimmer. Es ist schlicht möbliert und der Linoleum-fußboden ist auch nicht mehr ganz neu. Wir wohnen in Endenich inzwischen auf Teppichfuß-boden. Ein großer Wohnzimmerteppich liegt im Keller. Den hole ich mir in mein Dienst-zimmer. Oberamtsrat Stein belehrt mich, daß ich damit Ärger kriegen werde. Teppiche im Format 4 mal 5 Meter stehen Beamten erst ab Besoldungsgruppe B 3 zu. Haben die vielleicht Sorgen in Bonn! Angst macht mir der Kasinobetrieb des Verteidigungsministeriums, den die Beamten wie eine heiße Kartoffel fallen lassen, als meine Zuständigkeit zur Diskussion steht. Als der Willi Brandt die Macht übernahm und ein neues Zeitalter der Mitbestimmung anbrach, hatte der Personalrat im BMVg eine Verstaatlichung der vorher von einem Pächter bewirtschafteten Kantine durchgesetzt. Der Pächter hatte jährlich über 200.000.- DM Gewinn „auf Kosten der Belegschaft“ eingefahren und nun sollte alles besser und billiger werden. Inzwischen hatte der Staatsbetrieb 280.000 DM Schulden, und die sollte nun ein Volkswirt in Uniform wegzaubern. Ich sehe mir die Unterlagen an. Was war passiert. Der Pächter hatte mit billigen Hilfskräften gearbeitet. Mit der Verstaatlichung galten plötzlich ÖTV-Tarife für die Belegschaft. Als weitere Segnung für das Personal, wurde die Ministerialzulage für alle Mitarbeiter des Ministeriums eingeführt. Aus Gründen der Gleichheit wurde die doppelte Mi-nisterialzulage für Angehörige des Kanzleramtes abgeschafft. Da Besitzstände aber Heiligtü-mer sind, mußte man die Zulage nun in allen Ministerien auf den doppelten Satz anheben. So bekam die Küchenfrau für das Kartoffelschälen eine Ministerialzulage, die ursprünglich für Spitzenbeamte gedacht war, die gesellschaftliche Verpflichtungen hatten. Um die höheren Kosten decken zu können, wurden die Essenpreise so erhöht, daß von den früher 3.000 Mittagsgästen die Hälfte in die private Kantine des Wirtschaftsministeriums ab-wanderten. Oberst Garken hat die Lösung: „Brunowsky, sie müssen den Laden wieder privatisieren!“ Sogar der Personalrat würde zustimmen, vorausgesetzt die Angestellten behielten ihre Besitzansprüche wie Ministerialzulage, ÖTV-Tarif und Kündigungsschutz. Und da soll ich einen Dummen als Pächter finden ? Ich prüfe, wen man in Registratur und Botendienst umsetzen kann. Aber dann kommt der Hammer aus der Abteilung Verwaltung und Recht, die für das Desaster verantwortlich ist: Ein Pächter muß die Schulden der Kantine übernehmen, bevor reprivatisiert werden kann ! Ich nutze die guten Verbindungen meines Abteilungsleiters zur Marineversorgungsschule in List. Im Rahmen des Berufsförderungsdienstes, für den die Sozialabteilung zuständig ist, werden fertig ausgebildete Köche an die Gastronomie in Kampen und Westerland ausgelie-hen, um dort „feine Küche zu erlernen“. Für dieses Geschenk in der Hauptsaison, zahlen die Wirte nicht etwa eine Abfindung an die Bundeswehr. Nein, sie bekommen aus dem Topf der Abteilung auch noch Honorare für die Ausbildungsleistung! Das erklärt, warum Mein Abteilungsleiter z.B. einen nagelneuen Strandkorb für sein Som-merhaus geschenkt bekommt, den er mit einer Luftwaffenmaschine von Westerland nach Köln fliegen läßt, von wo aus unser Lieferwagen ihn in Richtung Ziel weiterbefördert. Den Sachverhalt erfahre ich beim Überprüfen der Fahrbefehle. In List gibt es eine Reserve von Köchen für die Flotte. Sie ermöglicht kurzfristige Auswech-slung, wenn z.B. dauernde Seekrankheit Küchenpersonal an Bord untragbar macht. Von ei-nem Ausbilder lasse ich mir zwei Feldwebel empfehlen, die den Laden schmeißen können. Dann hole ich mir das Einverständnis vom Staatssekretär. Ich will mit kostenlosem Personal so lange wirtschaften, bis der Betrieb schuldenfrei ist und wieder verpachtet werden kann. Mit allen Mitteln werden nun Zivilbedienstete in andere Verwendungen umgesetzt. Jede Kell-nerin und jede Küchenfrau, die im Hause unterkommt, entlastet mich von Personalkosten. Ich will zwei Frauen in der Cafeteria durch einen Automaten ersetzen. Der Kostet 10.500 DM. Meine Beamten belehren mich, daß Geräte mit so einem Anschaffungswert zwei Jahre vorher für den Haushaltsplan angemeldet werden müsse. Egal, ob ich dadurch 20.000 DM Peronalkosten einsparen kann. Ich lease die Maschine. Nach einem Jahr ist sie auf 8.000.- DM abgeschrieben. Jetzt darf ich sie aus meinem Etat kaufen. Im Januar bekomme ich eine Zahlung auf das Kasino-Konto: Es ist der uns zustehende Zuschuß für Wartungskosten bei Leasing-Geräten. Verrückte Welt! Die Oberbootsmänner Heyne und Gennat melden sich bei mir. Sie bringen tatsächlich 2o aus-gebildete Köche aus der Marineversorgungsschule List mit. Bis auf einen Schlachter und den Einkäufer habe ich alle Schlüsselfiguren im Kasino auf der Hardhöhe umsetzen können. Jetzt erteile ich Vollmachten und es wird aufgeräumt. Die Buchhalterin legt mir einen Beleg darüber vor, daß mein Abteilungsleiter dem Kasino seit einem halben Jahr DM 80.- für 10 Kg Filetsteak schuldet. Ich gehe damit zur Frau Lutze, die später als Agentin der DDR auffällt, und mache nachdrücklich darauf aufmerksam, daß ich dieses Geld sofort haben will. Problem-los erhalte ich meinen Scheck. Aber jetzt untersuche ich weiter: Wieso wird Filetsteak im Kasino für 8.- Mark pro Kilo ver-kauft und wer hat das genehmigt ? Und siehe da, mein CDU-Ministerialrat hat verfügt, daß die Angehörigen seines Referates Fleisch zum Selbstkostenpreis in dem ihnen unterstellten Betrieb bestellen können. Das ist noch keine Sünde. Aber mein Einkäufer hat für seine Vorgesetzten folgende Rechung aufgemacht: Das ganze Rind wird mit diesem Preis auf dem Schlachthof erworben. Weil niemals genug Filet für alle Essenteilnehmer zusammenkommt, erhalten die privilegierten Beamten des Referats die Steaks zum Kilopreis des Ochsen . Für die Essen werden Knochen und Fleisch zum überhöhten Durchschnittspreis kalkuliert. Natürlich wird das abgestellt. Meine Bootsleute frieren das Filet solange ein, bis es eine Mahlzeit für alle gibt. Eines Tages stehen Schoppen mit Rotwein auf den Speisetischen. Der Einkäufer hat eine größere Partie auf einer Messe eingekauft, die er zusammen mit dem Ab-teilungsleiter besucht hat. Nachdem der mit ein paar Kisten bedient wurde, kam die Anord-nung, im Kasino auch während der Dienstzeit Rotwein anzubieten. Da dies allen militärischen Vorschriften widerspricht, muß ich die Anordnung meines Chefs aufheben. Er traut sich nicht, mir zu widersprechen! Ich stelle den Einkäuzfer kalt. Die Feldwebel Heyne und Gennat notieren fein säuberlich, was sie von den Handelsvertretern an „Mustern“ geschenkt bekommen. Jeden Monat kommen über 1.000 DM zusammen. Das Zeug wird verkauft und dient der Schuldentilgung. Wie die Luchse passen meine beiden Kasino-Leiter im Speissaal auf. Wir haben die Möglich-keit eingeführt, sich Fleisch, Gemüse und Kartoffeln selbst zusammenzustellen. Bezahlt wird nur, was auf dem Teller liegt. Oberbootsmann Heyne geht auf einen Stabsoffizier zu: „Herr Oberstleutnant, ich glaube sie haben etwas vergessen!“ „Ja, was denn?“ Sie haben vergessen das Kotelett zu bezahlen, das sie an der Zentralheizung unter ihrem Spinat versteckt haben!“ Der Stabsoffizier bekommt einen roten Kopf! Ich lasse mich von Juristen beraten. Ich will ein Exempel statuieren. Nach meinen Vorstellungen muß ein Dieb aus dem Offizierkorps ent-fernt werden. Man lacht mich aus. „Dem passiert garnichts. Das ist Mundraub!“ Auch in der Cafeteria stellen wir die kleinen Diebstähle ab. Hier entdecken wir den Trick, daß ein höherer Beamter mit seinem Tablett schon mal „vorgeht“ während sein Kollege mit einer Tasse in der Hand in der Schlange steht, um für beide zu bezahlen. Ist die Kassiererin nicht aufmerksam, legt er fünfzig Pfennig hin und geht frech durch. Auf der Hardhöhe mindern sich die Schulden schon im ersten Betriebsjahr deutlich. Ein Problem ist der Koch im Kasino der Ermekeilkaserne. Er ist Franzose und schon mit seiner derzeitigen Besoldungsgruppe im Ministerium nicht verwendbar. Leider ist er mit einer Frau verheiratet, die im Personalrat sitzt. Nachdem die Privatisierung naht, soll noch eine Beförderung des Franzosen durchgesetzt werden. Er soll BAT VI bekommen, was Verwen-dungen mit Diktatberechtigung entspricht. Wenn er diese Besoldungsgruppe hat, kann ich seinetwegen den Betrieb nicht verpachten, denn im Hause kann ich einen Franzosen nicht auf einen Posten setzen, wo er ohne ausreichende Deutschkenntnisse diktatberechtigt wäre! Eine Kaffeepreiserhöhung ist unvermeidlich. Die Sozialdemokraten haben sich ein Mitbes-timmungsrecht einfallen lassen, bei dem der Personalrat zu Preiserhöhungen zustimmen muss! Sonst läuft nichts. Man hat natürlich nicht daran gedacht, daß im Personalrat mehrheitlich CDU-Mitglieder sitzen, die einen Spaß daran haben, der Sozialabteilung Knüppel zwischen die Beine zu werfen. In meinem Fall wird eiskalt erpreßt: Beförderung des französischen Kochs oder keine höheren Preise für die Tasse Kaffee! Mein Unterabteilungsleiter ist General geworden. Es stört ihn nicht, daß irgendwo in der Truppe eine Brigade von einem Oberst geführt werden wird, dem man seine Stelle für den Genossen weggenommen hat. Wir machen eine Dienstreise nach Norwegen um dort „Betreuungseinrichtungen zu besichti-gen“. Der Abteilungsleiter fährt mit seiner Freundin auf der Fähre nach Oslo vor. Er ist zwar noch verheiratet, aber modern genug, sich trotzdem öffentlich mit einer Geliebten zu zeigen. Mein General, ein Hauptmann und ich fliegen mit der Luftwaffe nach Bergen. Es ist billiger, dort zu übernachten und mit einem Leihwagen nach Oslo zu fahren, als das Schiff zu nehmen. Genosse General hat eine Figur wie ein Gewichtheber. Entsprechend ist sein Appetit beim Frühstück. Den ersten Teller macht er sich so voll, daß ich an den Spruch aus der Marine den-ken muß: „Das paßt nur auf den Teller, wenn man es am Rand mit einem Mützenband si-chert“. Aber General und Hauptmann gehen sich noch einen zweiten Teller füllen. Es ist ja genug Lachs , Schinken und Käse auf dem Bufett. Leutselig meint der Genosse: „Es ist schon ein großes Vertrauen, das die Norweger in uns deutsche Touristen haben, wenn man hier soviel nehmen darf, wie man will!“ Dann geht er den dritten Teller holen und schnappt sich ein Paket Servietten dazu. „Nun machen wir uns ein paar belegte Brötchen für die Fahrt nach Oslo!“ Unser Hauptmann pakt sich noch ein paar Eier in die Hosentasche. Ich bin heilfroh, daß wir Zivil tragen! So unauffällig wie möglich verlasse ich den Speisesaal. Beim Einsteigen in den Wagen passiert es: Die Eier waren weich gekocht und unser Fachoffizier nimmt die Reste fluchend aus der Tasche. Ein gelblicher Fleck ziert deutlich sichtbar die Hose. Der General schlägt sich lachend auf die Schenkel: „Das erklären sie mal ihrer Frau Gemahlin!“ In Oslo lädt uns der Abteilungsleiter zu einem Abend mit seiner Freundin ein. Die Botschaft hat die Dame nicht als gesellschaftsfähig akzeptiert und sie muß bei allen offiziellen Anlässen draußen bleiben. Der Abend mit uns soll sie dafür entschädigen. Unser Chef bestellt alles vom Feinsten. Nach dem Essen zieht er sich ins Hotel zurück und überläßt es uns, die Rech-nung zu bezahlen. General, Fregattenkapitän und Hauptmann übernehmen je ein Drittel der Kosten dieser Einladung durch ihren Boss. Im Kampf um die Offizierheime habe ich einen Erfolg zu verbuchen. In Verbindung mit mei-nen Freunden im Führungsstab der Streitkräfte rette ich die Bedienung durch Ordonnanzen. Ohne die sind kleinere Heime in Einödstandorten nicht zu bewirtschaften. Ich erfinde den „Soldaten in Zweitfunktion“. Es gibt nämlich Wehrpflichtige, die nach abgeschlossener Aus-bildung nicht Monate lang ihre Funktion üben müssen, aber im Ernstfall schnell verfügbar sein sollen. Aus diesem Kontingent dürfen sich Offiziere und Unteroffiziere das Personal für ihre Heime kostenlos bereitstellen lassen. Für die Mannschaften bleibt es bei Betreuung durch Kantinenpächter. Die staatliche Betreungsgesellschaft liegt auf Eis. Da die Forderungen nach Programmierung der Kantinenstatistik abgeschmettert wird, muß ich wieder selbst ran. Das Programm steht und ich brauche nur noch die sieben Zahlen pro Kanti-ne, die die Standortverwaltungen haben. Jetzt mache ich einen tödlichen Fehler. Ich schicke die auszufüllenden Belege direkt an die jeweiligen Standortverwaltungen. Die Präsidenten der übergeordneten Wehrbereichsverwaltungen springen im Dreieck. Einer fährt sogar direkt zum Minister, um sich über mich zu beschweren. Mein Vorgesetzter deckt mich. Er hält sich sel-ber auch nicht an den Dienstweg und übergeht den Hauptabteilungsleiter, Herrn Wirmer (CDU), der als Widerstandskämpfer im III.Reich auch für die SPD unter Naturschutz steht. Die Sozialabteilung verhandelt mit dem Staatssekretär direkt. Die Zeit in Bonn geht zu Ende Das Problem, das mir am meisten unter den Fingernägeln brennt, ist das verschuldete Kasino. Meine beiden Feldwebel haben den Laden voll im Griff. Am Rande der Legalität richten sie für alle möglichen Anlässe Kalte Bufetts aus, an denen das Kasino dank der kostenlosen Wehrpflichtigen gut verdient. Wir sind nah daran, einen schuldenfreien Betrieb wieder priva-tisieren zu können.
Aber jetzt verlangen die Sozialdemokraten Erfolge bei der Kantinenreform. Sie wollen ihre staatliche Heimbetriebsgesellschaft, mein Regierungsdirektor und ich haben mit Hilfe verbün-deter Referate aus dem Führungsstab der Streitkräfte die Weichen so gestellt, daß die Betriebe unter einem Generalpächter weitgehend selbständig bleiben würden.. Selbstredend sind die Verbände auf unserer Seite
Allerdings gibt es keine Vorstands- und Aufsichtsratsposten einer Heim-Betriebs-Gesellschaft an Genossen zu verteilen! Man versetzt meinen sachkundigen Regierungsdirektor nach Kob-lenz, wo er im Bundeswehr-Beschaffungsamt kalt gestellt wird. Eine Beförderung tröstet ihn darüber hinweg. Als Ersatz bekomme ich einen anderen Regierungsdirektor . Der ist zwar ein erstklassiger Verwaltungsjurist. Er hat aber keinerlei Motivation, eine wirtschaftlich unsinni-ge Verstaatlichung zu hintertreiben. Ob dabei höhere Preise für Soldaten herauskommen oder ob es lediglich darum geht, ein paar Genossen mit Posten zu versorgen, das ist ihm Wurst. Man baut offenbar einen Nachfolger für mich auf, den man an der kurzen Leine führen kann.
Mein General will mich behalten. Er drängt auf meine Beförderung. Das bedeutet, daß die Marine eine A 16 Stelle an die Sozialabteilung abgeben muß. Sobald ich versetzt werde, ist der Beamtenapparat um eine Ministerialratsstelle reicher und die Marine hat einen Dienstpos-ten der Besoldungsgruppe A 16 weniger. Das heißt, zugleich mit dieser Stelle fallen 7 Be-förderungsmöglichkeiten durch Nachrücken in der Teilstreitkraft weg. Ich habe einen Schwiegersohn bei der Marine. Ein Grund mehr für mich, eine Stelle vom Finanzminister und nicht von der Marine zu fordern..
Inzwischen rühren sich im Kasino die von ihrer Pfründe verjagten Mitarbeiter. Der Schlachter und der Einkäufer schmieden ein Komplott gegen die Feldwebel. Es spricht sich herum, wenn jemand in Ungnade zu fallen beginnt.
Mein General wird mit großem Bahnhof verabschiedet. Es bleibt ihm versagt, die Lorbeeren für eine Kantinenreform zu genießen. Ein Oberst übernimmt die Unterabteilung. Er ist nicht in der SPD. Das weiß ich von einem in mein Referat versetzten Oberamtsrat, der bei Verteidi-gungsminister Schmidt im Leitungsstab eine Kartei über die Parteizugehörigkeit aller Offiziere und Beamten führen mußte. Auch meine Karte hat er in der Hand gehabt, so daß man bei meiner Versetzung in die Sozialabteilung wußte, daß ich nicht CDU-Mitglied bin. Daten-schützer würden heute im Dreieck springen ! Ich komme also mit meinem Oberst gut klar, obwohl ich weiß, daß die staatliche Heimbetriebsgesellschaft nicht aufzuhalten ist. Ich führe nur noch Rückzugsgefechte!
Eines Tages werden der Unterabteilungsleiter und ich zur Besprechung mit dem Personalrat eingeladen. Unbelastet von irgendwelchen aktuellen Problemen betreten wir den Raum. Sofort merke ich, daß etwas faul ist. Unsere beiden Stühle stehen wie bei einem Tribunal vor dem Tisch des Personlratsvorsitzenden und seiner Stellvertreter. Jeder Zuhörer im Raum hat ein Papier vor sich, das wir nicht kennen „Herr Dr., zu welchem Ergebnis sind sie in der Korruptionsaffäre im Kasino gekommen?“

Als wir erstaunt schauen, reicht man uns Fotokopien ein Schreibens herüber, in dem der Schlachter, den meine Feldwebel bei Schiebereien erwischt haben, sie jetzt seinerseits be-schuldigt, Fleisch zu stehlen. Wir lesen Sätze wie „Im Kühlhaus fehlen immer wieder größere Mengen Fleisch. Die einzigen die Schlüssel zu diesem Raum haben, sind Oberbootsmann Hey-ne und Oberbootsmann Gennat....“
Der Oberst steht auf. „Wer hat ihnen erlaubt diese Anklage mit Fotokopie breit im Ministe-rium zu streuen, bevor wir Gelegenheit hatten, die Anschuldigungen zu prüfen. Das Schreiben hat mir mein Vorgänger, General G. nicht übergeben. Ich werde den Sachverhalt schnellstens prüfen lassen!“ Wir verlassen die Sitzung und gehen an hämisch grinsenden Gesichtern vor-bei. Mir fällt ein, daß die frühere Leitung der Kantine sich öfter einmal mit Geschenken beim Personalrat beliebt gemacht hat. Bei mir gab es das nicht! Deshalb wohl das Tribunal heute!
Der Oberst und ich stellen den Schreibtisch von General G. auf den Kopf. In der untersten Schublade finden wir schließlich das drei Wochen alte unbearbeitete Papier des Schlachters.
Die Feldwebel werden zitiert, das Korruptionsreferat im Ministerium wird eingeschaltet. Die Herren haben Routine im Nachweisen, daß Vorwürfe unbegründet sind! Dann nehmen sich die Betroffenen einen Anwalt und reichen eine Verleumdungsklage gegen den Schlachter ein. Nach drei Tagen gibt der Schlachter zu, daß alles eine Intrige war, um wieder an die alten Einkaufprivilegien zu kommen.
Der General hat also bewußt das Papier unterschlagen, weil er kurz vor einer Beförderung keine Affäre in seiner Abteilung brauchen konnte. Rücksichtslos hat er die Feldwebel und auch mich in die Pfanne gehauen, um seine Haut zu retten.
Ich habe die Nase gestrichen voll von diesem Ministerium. Nachdem die Feldwebel von allen Vorwürfen dank erwiesener Unschuld freigesprochen werden, reiche ich mein Versetzungsge-such ein. Ich pfeife auf eine Beförderung, wenn ich mich dafür weiter mit Genossen herum plagen muß, die von wirtschaftlichen Sachzwängen keine Ahnung haben.
Ich führe ein gutes Personalgespräch.. Man ist bereit, mir den Rückweg in meine Teilstreitkraft zu ebnen. Planstellen A 15 gibt es allerdings nur im sogenannten „Elefantenfriedhof“, einem Amt für Studien, in dem man älteren Stabsoffizieren Gelegenheit gibt, sich mit überflüssigen Untersuchungen wissenschaftlich zu beschäftigen. Einziger Vorteil dieser Dienststelle wäre die Nähe zu Bonn. Wir müßten also nicht umziehen und meine Frau könnte weiterhin im Ministerium ihrer Tätigkeit nachgehen, in der sie sich zu einer Vertrauensstellung emporgearbeitet hat. Es ist bitter aber wahr: Wir muten unseren Ehefrauen schon Schlimmes zu, wenn wir um der eigenen Erfüllung willen dem Partner eine Selbstverwirklichung unmög-lich machen.
Ich frage, welche Alternativen die Personalabteilung denn noch anzubieten hat. Jetzt kommt man auf den Gedanken, mich mit meinem Studium als Diplom-Volkswirt zum Dozenten an der Führungsakademie der Bundeswehr zu machen. Das erscheint mir eine interessante und
adäquate Verwendung zu sein. Allerdings muß ich meiner Familie den Umzug nach Hamburg zumuten. Für meine Frau ist das ein Hammer, denn sie ist ihrem Personalreferat der Luftwaf-fe voll als Kameradenfrau akzeptiert.. Sie hat sich also eine Position aufgebaut, die ihresglei-chen sucht.
Ich lasse mich nach Hamburg versetzen. Die Umzugsfrage stelle ich zurück, bis ich eine Ver-wendung für meine Frau gefunden habe, die ja als Bundesbedienstete unkündbar ist, als Sol-datenfrau aber eigentlich umziehen müßte.

In Unkenntnis der Umgangsformen von Truppenoffizieren mit ihren Schreibkräften suche ich eine Wohnung in der Nähe von Fischbeck, wo eine Brigade liegt. Dort habe ich eine Halb-tagsstelle für eine Schreibkraft ermittelt, die gerade offen ist. Ich gehe davon aus, daß man die Frau eines Stabsoffiziers als solche respektieren dürfte und die Qualitäten einer in Bonn
bewährten Mitarbeiterin schnell schätzen lernen würde
Dann die Panne in der Brigade. Vorzimmerdame bei einem Bataillonskommandeur kann meine Frau nur bei Ganztagsarbeit werden! Das lehnt sie ab. Halbtagsarbeit ist möglich, aber nur nachmittags. Die frei gewordene Vormittagsstelle die mir angeboten worden war, hat der Personalrat schon einer alteingesessenen Kraft versprochen. Da helfen alle Zeugnisse aus Bonn nichts. Ein kleinkarrierter Oberstleutnant hat auch noch die Unverfrorenheit, der Kameraden-frau zu erklären, sie müsse sich hier ihrer Besoldungsgruppe entsprechend einfügen. Meine Frau geht mit ihrem Hauptfeldwebel ins Unteroffizierheim und lädt ihn zu einer Tasse Kaffee ein. Dann schreibt sie auf der ihr zugewiesenen Reiseschreibmaschine nur noch ihre fristlose Kündigung. Wochenlang wird mit der Bundeswehrverwaltung um die Frage korrespondiert, wer wem fristlos gekündigt hat. Wir schütteln nur den Kopf. Auf den Gedanken, Arbeitslosengeld zu beanspruchen, wären wir ohnehin nie gekommen.

Dozent an der Führungsakademie der Bundeswehr

Ein weitläufiges Gelände in Hamburg-Blankenese empfängt mich im ersten Grün des Früh-lings 1975. Ehrwürdige Gebäude stehen zwischen Eichenhainen. Solide Klinkerbauten, offenbar noch im III.Reich errichtet, aber nicht so traditionsschwanger wie die Marineschule in Mürwik. Alles strahlt akademische Atmosphäre und Würde aus. Immerhin ist dies die höchste Ausbildungsstätte der Bundeswehr, in der junge Hauptleute die höheren Weihen er-halte. Wer hier an der Akademie lernt, hat gute Chancen, eines Tages General oder Admiral zu werden. Es ist eine Auszeichnung, an dieser Anstalt zu lehren. Und es ist ungewöhnlich, hier als Dozent zu wirken, wenn man nicht selbst zum Kreise der Offiziere mit Generalstabs-ausbildung gehört. Heer und Luftwaffe tragen karminrote Spiegel am Kragen, die weithin sichtbar anzeigen, daß man zu dieser Elite gehört. Nur die Marine tanzt aus der Reihe. Ihren Offizieren kann man nicht an der Uniform ansehen, ob sie Admiralstabsausbildung haben. Es spielt für die Laufbahn in dieser Teilstreitkraft offenbar auch eine untergeordnete Rolle.
Hier also darf ich lehren, denke ich mit unterschwelligem Stolz. Aber man belehrt mich bald eines Besseren: „Sie sind für die Fachgruppe Betriebs- und Organisationswissenschaften vor-gesehen, und die befindet sich in der General-Schwartzkopf-Kaserne.“ Ich steige also in den Wagen und fahre nach Osdorf, einem weit weniger vornehmen Hamburger Stadtviertel. Hier
erhalten die Hauptleute einen Stabsoffizierlehrgang, die nicht für die höchsten Spitzen aus-gewählt sind. Aber unser oberster Kriegsherr ist zur Zeit eine SPD-Politiker. Daher sind Eli-ten nicht gefragt. So bekommt halt jeder einen Lehrgang an der Führungsakademie, der eine zwei Jahre lang, der andere nur drei Monate. Aber man war halt auch an der FüAkBw !
Intern unterscheidet man zwischen der „großen Akademie“ und der „kleinen“. Drüben stehen die Lehrgebäude in Parks, hier sind es simple Kasernenbauten umgeben von Betonpisten für die früher hier stationierten Panzerfahrzeuge.
Meldung beim Kasernenkommandanten und beim Fachgruppenleiter. Der oberste Chef ist ein Admiral, der sich Zeit nimmt, mit mir über Bonn zu sprechen und mich einzuweisen.
Der Fachgruppenleiter ist ein Oberst i.G. Dr. Schnell aus dem Bereich der Luftabwehrraketen, Er wirkt auf mich wie ein trockener Theoretiker - und so ist er dann auch, als ich ihn als Chef erlebe. Unsere Aufgabe ist es, den Lehrgangsteilnehmern in drei Monaten Grundkenntnisse über Organisation , Planungsverfahren und Problemlösungstechniken beizubringen. Am Ende des Kursus werden sie dann auf ihre Kenntnisse hin geprüft. Dann wird benotet und entschie-den, wer Stabsoffizier werden kann, wenn denn eine Planstelle für ihn da ist. Für die Teil-nehmer am Generalstabslehrgang ist das einen Selbstverständlichkeit. Sie werden meist schon während des Lehrganges zum Major bzw. Korvettenkapitän befördert.
Ausgestattet mit einem Stapel Lehrgangsunterlagen ziehe ich mich auf mein Dienstzimmer zurück. Fast alles, was hier zu lehren ist, muß ich erst einmal selber lernen. Von meinem ei-genen Studium kann ich hier nur die Fähigkeit , wissenschaftlich zu arbeiten, gebrauchen. In vier Tagen trifft der neue „Hörssal“ ein. Meine Lehrverpflichtung beträgt zwar nur 11 Wo-chenstunden. Trotzdem muß ich jeden Tag bis spät in die Nacht studieren, um mit meinem Wissen wenigstens vier Tage weiter zu sein, als die Lehrgangsteilnehmer.
Militärischer Vorgesetzter eines Hörsaals ist ein Truppenoffizier ohne Studium. Die Teil-nehmer sind Angehörige verschiedener Streitkräfte. Das belebt den Unterricht, denn ich be-mühe mich meine Lehre immer mit Beispielen aus der Praxis zu würzen.
Ich habe das Glück, einen Aufsatz meines Fachgruppenleiters in einer Zeitschrift zu finden. Er schreibt über den Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis. Als Oberst Dr. Schnell bei mir im Rahmen seiner Dienstaufsicht erscheint, um sich meinen Unterricht anzuhören, habe ich eine Folie aus diesem Artikel bereit liegen. Wie zufällig flechte ich bei einem Lernziel ein, daß dies ein gutes Beispiel für den Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis wäre. Als ich seine Folie mit dem Hinweis auflege, daß wir den Verfasser bei uns hätten , bekommt mein Oberst leuchtende Augen und „übernimmt meinen Unterricht.“ Er wird mich also gut finden!
Das Erstaunlichste ist, daß ich diesen Trick in mehreren Lehrgängen erfolgreich einsetzen kann. Die Eitelkeit meines Chefs sorgt dafür, daß er immer wieder darauf herein fällt, denn sein Problem ist es, daß die hier entwickelte Theorie von den Hauptleuten bestimmt nicht in die tägliche militärische Praxis vor Ort übernommen wird.
Die Lehrgangsteilnehmer merken sehr bald, daß sie in mir einen Dozenten haben, der ihnen helfen möchte, die Klippe zum Stabsoffizier sicher zu umschiffen. Es gibt auch Dozenten, die es als ihren Auftrag sehen, hier die Spreu vom Weizen zu trennen und brave Truppenoffiziere „abzuschießen“, wenn sie nicht ihrem Leitbild vom geistigen Niveau eines Stabsoffiziers ent-sprechen. Ich lasse also durchsickern, welche Lernziele „prüfungsrelevant“ sind. So schaffe ich es, daß ich schon im ersten Lehrgang keine Durchfaller habe.
Außer unserem Fach „Betriebs- und Organisationswissenschaften“ werden noch zwei Berei-che gelehrt und geprüft. Im gleichen Hause sitzt die Fachgruppe „Sozialwissenschaften“. Hier lehren überwiegend zivile Dozenten Fächer wie Soziologie, Geschichte und Politikwissen-schaften. Die Herren legen größten Wert darauf, daß sie mit Hochschullehrern gleichgestellt sind. Niemand erwartet von einem Professor, daß er seine Stunden im Büro absitzt. Es gilt als verbrieftes Recht der Dozenten, keiner „Präsenzpflicht“ zu unterliegen. Nachdem auch wir Soldaten uns Dozenten nennen, halte ich für selbstverständlich, auch keine „Sitzver-pflichtung“ mehr zu haben, wenn ich für den Unterricht gut vorbereitet bin.
Die dritte Gruppe stellen die Herren von der Fachgruppe „Sicherheitspolitik und Streitkräfte“. Sie sitzen in der „großen Akademie“, tragen karminrote Spiegel, wenn sie nicht zur Marine gehören, und verbreiten ihr Wissen gönnerhaft auch im Stabsoffizierlehrgang bei uns.
In allen drei Fächern muß eine Klausur am Lehrgangsende geschrieben werden. Und da es etwa vierzehn Tage dauert, bis alle Klausuren bewertet sind, gibt es am Schluß zwei Wochen Leerlauf. Aber Leerlauf darf es in einer Akademie nicht geben. Also nennt man diese Phase „Integralstufe“. Aber wie, bitte schön, soll man „Militärische Aufbauorganisation“, „Sicher-heitspolitik“ und „empirische Soziologie“ integrieren: Praktisch machen wir hier also mit von uns vorgeschlagene Seminarthemen was wir wollen. Ich spezialisiere mich dabei auf Rollen-spiele vor der Videokamera und diskutiere mit den Leuten nach der Vorführung am Bild-schirm Stärken und Schwächen ihres Verhaltens beim Gespräch. Weil keine Lehrinhalte mehr geprüft werden, macht es den Leuten Spaß.
Mein Hörsaal veranstaltet einen Abschiedsabend mit Niveau. Es werden humorvolle Reden gehalten und exquisite Speisen gereicht. Schließlich bekomme ich einen Zinnteller geschenkt. Dann macht der Hörsaal, natürlich in Zivil, noch einen Ausflug nach St.Pauli. Im Bus schenkt einer meiner Hauptleute einem Türken einen Hundertmarkschein. Der überschlägt sich vor Dankbarkeit und wir steigen aus. Jetzt interessiert mich, wieso der Hauptmann dieses großzü-gige Präsent gemacht hat? „Wissen Sie, Herr Kapitän, ich war vorher bei der Kripo Experte für Taschendiebstahl. Den Hunderter habe ich dem Türken aus der Tasche gezogen und ihn ihm dann geschenkt!“ Wie große Kinder sind die Jungs nach bestandener Prüfung!
Beim zweiten Grundlehrgang habe ich meine Unterlagen schon so gut zusammengestellt, daß ich mit wenigen Stunden Vorbereitungszeit einen respektablen Vortrag halten kann.
Es ist Spätsommer und wir entdecken in der Nähe von Neu Wulmstorf, wo wir wohnen, herr-liche Pilzwälder. Und so ziehe ich denn an manchem Nachmittag meinen Parka an und gehe mit Helma Champignons und Maronen suchen. So kommt sie schneller über den verlorenen Beruf hinweg, denn sie leidet zunächst noch sehr darunter, nicht mehr der Mittelpunkt eines Referates in der Personalabteilung zu sein, wo sie „ihren“ Herren sehr fehlt.
Es gibt natürlich Neider, denn die militärischen Vorgesetzten der Lehrgangsteilnehmer halten sich streng an die Dienstzeit. Oberstleutnant Behrens , mit dem wir ein Unterrichtsteam bil-den, fragt mich, ob ich nicht ein schlechtes Gewissen bekäme, wenn ich jeden Nachmittag im Wald spazieren ginge. Über meine Antwort muß er von Herzen lachen:
„Wissen sie, unsere Aufgabe ist es doch, die Russen abzuschrecken! Und die erschrecke ich viel mehr, wenn ich im Parka durch die „Schwarzen Berge“ schleiche, mit den Zweigen ra-schele und Pilze esse, als wenn ich hier im Sessel hocke und Vorschriften lese!“
Die Führungsakademie verfügt über Mittel für die Dozentenweiterbildung. Ich beantrage die Genehmigung zur Teilnahme an einem Seminar für Manager bei der „Akademie für Führen und Verkaufen“. Das kostet zwar locker ein paar Tausender, ist aber das Geld wert.
Wir treffen in einem Hotel der Spitzenklasse ein und werden vom Seminarleiter, Herrn Sie-vert, schon im Foyer begrüßt. Er stürzt auf einen unansehnlichen Glatzkopf zu und feiert sein Eintreffen mit überschwenglichen Worten: „Herr Piepenhof, daß sie wieder dabei sind, freut mich ganz besonders. Sie glauben gar nicht, welche Bereicherung gerade ihre Teilname für unsere Veranstaltung darstellt!“ Mich kennt man noch nicht. So kann ich bei einem Bierchen die Ankunftszeremonie amüsiert studieren. Denn natürlich wird jeder Kunde mit dem glei-chen Ritual und den selben Sprüchen gefeiert. Man sieht richtig, wie wohl sich die Bosse fühlen, wenn sie auch selber einmal Streicheleinheiten bekommen.
Dann die erste Lehrveranstaltung. Dozent ist ein Herr Karbach, der seine Sache wirklich gut macht. Jeder Teilnehmer muß Probleme angeben, die er in seinem Bereich hat. Diese werden auf großen Flipchart-Bögen festgehalten. Damit wird der Seminar-Raum rundherum vollge-hängt. Mit den verschiedensten Techniken wird dann nach Lösungen gesucht. Neu ist für mich vor allem, daß bei der Diskussion nicht mit dem Kritisieren des Vorredners begonnen wird. Man lobt zunächst alles Verwertbare an seinem Vorschlag. Erst danach fügt man seine eigene weiterführende Idee an. Im Extremfall behauptet man das Gegenteil und dankt dem Partner dafür, daß man erst durch seinen Beitrag auf diese Lösung gekommen ist.
Das klingt dann etwa so: „Herr Piepenhof, sie haben gerade weiß gesagt, das bringt mich auf die Idee, daß man sich das Plakat auch auf schwarzem Hintergrund vorstellen kann.“ Die Technik nennen unsere Dozenten Zugprinzip. Sie beruht darauf, daß man nur zuhört und wei-terdenkt, wenn man die eigene Meinung auch im Diskussionsbeitrag des Partners wiederfin-det. Ist ein Problem gelöst, dann wird der Notizbogen von der Wand genommen. So hat man auch optisch den Eindruck, daß im Seminar praktisch verwertbare Lösungen gefunden wer-den.
Ich schreibe fleißig mit. Vor allem die Sprüche notiere ich, mit denen die Lehrveranstaltung gewürzt wird.
„Wie soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?“
„Gestern standen wir noch vor einem Abgrund, heute sind wir einen Schritt weiter!“
„In der Tundra muß das schön sein: Tausend Milliarden Mücken können sich nicht irren!“

Wir lernen die Bonbon-Technik, mit der schon die Teilnehmer am Eingang begrüßt wurden. Man lehrt uns, unbewiesene Behauptungen zu parieren, indem man nach der Quelle fragt, wo man diesen „Beweis“ nachlesen kann. Brainstorming, Brainwriting, Verhandlungstaktik, ak-tives Zuhören, Leerlaufrede und zustimmendes Unterbrechen werden in bunter Folge geübt. Die Seminartage vergehen im Fluge.Wir kommen kaum dazu, bei Spaziergängen in den herbstlichen, bunten Laubwäldern zu entspannen. Jeder Abend ist mit Vorbereitungen für den nächsten Tag ausgefüllt.
Herzklopfen bekomme ích, als der Seminarleiter mich bei einer Übung mit den Worten vor-stellt: „Herr Brunowsky ist Dozent für Allgemeine Führungslehre bei der Bundeswehr. Als Fachmann wird er ihnen jetzt einen Stegreifvortrag halten.“ Das ist wohl die Quittung dafür, daß ich offenbar nicht als potentieller Dauerkunde gesehen werde, sondern als Konkurrent, der einem hier in die Karten guckt, um seine eigene Lehrmethode zu verbessern. Dies sieht Herr Sievert natürlich richtig, denn die Bundeswehr denkt nicht daran, alle ihre Dozenten zum Management-Training zu schicken.
Ich rette mich in die „Gestern-Heute-Morgen-Rede“, beginne damit, wie interessant es für mich war, die Herren aus der Wirtschaft kennen zu lernen, beschreibe einige gerade gelernte Methoden und wünsche dem Seminarleiter viele ebenso erfolgreiche Veranstaltungen für die Zukunft. Natürlich bekomme ich Beifall, aber es gehört zur Lehrmethode, daß jeder Vortrag Beifall erhält. Herr Sievert lächelt süßsauer, denn er hätte gerne einen Klassenunterschied zu seinen eigenen Dozenten vorgeführt.
Vollgepumpt mit Ideen und Anregungen fahre ich nach Hamburg zurück. Es hat sich gelohnt!
Die nächste Woche steht im Zeichen der Auswertung des Seminars. Die schönen Arbeitsun-terlagen sind alle urheberrechtlich geschützt. Ich muß jede Zeile umformulieren, verfremden oder durch analoge eigene Ideen ersetzen. Aber das Grundkonzept steht bald. Die in der Ge-neralstabsausbildung dominierende Ratio wird zu ergänzen sein, durch eine mit Motivation und auf der Beziehungsebene arbeitende Verkaufstechnik. Die Ich-Bezogenheit des Partners anerkennen und berücksichtigen, statt ihn mit logischen Argumenten in die Ecke manövrieren, das ist das Rezept.
Bisher herrschte an der Führungsakademie so etwa die Auffassung: „Wir kennen keine Prob-leme sondern nur Lösungen!“ Jetzt habe ich gelernt, daß Sachprobleme immer auch Bezie-hungsprobleme sind. Erkennen, wo es Beziehungsprobleme gibt, Beziehungsprobleme lösen und dann das Sachproblem angehen, das ist die Formel.
Mit Interesse wird mein Bericht gelesen. Mein Chef trägt die weinroten Spiegel. An unserem Lernzielkatalog ändert sich selbstverständlich nichts. Ich muß die neuen Instrumente in der Praxis ausprobieren, um im Lehrplan Neuerungen einzubauen.


Der Leiter Ausbildung, Lehre und Forschung, Brigadegeneral Dr. G., ist ein rhetorisch ge-schulter „Leerlaufredner“. Gelegentlich veranstaltet er Dienstbesprechungen, natürlich immer kurz vor Feierabend, in denen er endlos palavert, ohne daß wir erkennen können, was sein Anliegen ist. Und niemand wagt es, ihn mit einer Frage, geschweige denn mit einem Einwand zu unterbrechen. Hier kann ich eine neue Technik aus dem Seminar ausprobieren.
Als der General durch Zufall das Wort Sicherheit benutzt, stehe ich auf und gehe am verdutz-ten Chef vorbei zur Tafel. „Herr General haben gerade von Sicherheit gesprochen. Ich halte das für so wichtig, daß ich dieses Wort an die Tafel schreiben möchte!“
Es funktioniert. Der General fühlt sich geschmeichelt, weil er etwas Wichtiges gesagt hat. Wir haben ein Thema, zu dem alle etwas beitragen können. Leutselig bittet der Redner um Wort-meldungen. Aus dem Monolog ist eine Besprechung geworden. Und befriedigt beendet man den Dienst ohne wesentliche Zeitüberschreitung.
Im Kasino erkläre ich am nächsten Morgen beim Kaffee die Technik „Zustimmendes Unterb-rechen“. Wir lachen herzlich darüber, daß unser General richtig „geschockt“ darüber schien, daß ihm etwas Wichtiges eingefallen war .
Bald darauf habe ich Gelegenheit, mich in der Integralstufe des Grundlehrgangs als Manage-ment-Trainer zu versuchen. Die Hauptleute sind begeistert. In Rollenspielen versetzen sie sich in Figuren aus dem Kasernenalltag, spielen Fragetechniker, Beliebtheitsspezialisten oder
imitieren ihren Verwaltungsbeamten als „überaktiven Abweichler“, der allein aus Geltungs-bedürfnis immer dagegen ist und sogar seine Meinung ändert, wenn man ihm recht gibt.

Wir sind uns einig darüber, daß diese Techniken in der Wirtschaft eingesetzt werden, um Menschen zu manipulieren und damit Macht auszuüben. Aber auch wenn man sie nicht selber anwenden möchte, ist es doch gut, sie zu kennen, um nicht selber manipuliert zu werden.
Bald ruft der Hörsaal im Chor „Bonbon-Technik“, wenn ich am Schluß der Vorlesung die
Leistungen der Seminarteilnehmer in den höchsten Tönen lobe.
Ich schreibe Skripten , ergänzt durch einprägsamen kleinen Karikaturen und Bildern .Sie un-terscheiden sich auffallend von den einförmigen DIN A4 Seiten strukturierter Lernziele, mit denen meine Mitstreiter ihr Wissen zu vermitteln bemüht sind.
Meine „Bedingungen des Lernerfolgs“ werden nicht nur kopiert. Es wird nach dem Schema im Unterricht verfahren: Motivieren, neues Wissen an Bekanntem anknüpfen, Wissen bebil-dern, anwenden und wiederholen. Für niemanden ist das hier neu. Aber die Prokifolie, auf der ich meinen Schülern diese drei Schritte mit Karikaturen vermittle, ist bald Handwerkszeug alle Dozenten. Meine Lehrunterlagen über Gesprächstechnik, Verhandlungtaktik und kreative Problemlösung kursieren in den Mappen vieler Dozenten, obwohl natürlich niemand in Bonn eine Ahnung davon hat, daß wir hier in der Bundeswehr Manipulationstechniken üben, die die Wirtschaft für den Umgang mit schwierigen Betriebsräten benötigt.

Abschied von meiner Marine


Es macht frei, wenn man nicht mehr unter Erfolgszwang steht, weil jede Aussicht auf Beför-derung vorbei ist. Eine gewisse Zeit hatte ich gehofft, eine frei werdende Stelle erben zu können. Immerhin war ich drei Jahre im Ministerium Referatsleiter auf einer A 16 / B 3 Stelle. Es ist nicht der Ehrgeiz sondern die Aussicht, bei Beförderung noch zwei Jahre länger, in der Marine bleiben zu können, was mich dabei bewegt.
Aber die Marine-Stelle wird mit einem Heeresmann besetzt. Meine Teilstreitkraft hat sich über den Tisch ziehen lassen. Was solls, auch mit der A 15 - Pension haben wir zu leben!
Der Planstellenunfug wird mir deutlich, wenn ich an meinen lieben zivilen Kameraden, Herrn Sch. denke. Er ist Mathematiker und erlebte die Tragik, daß Mathematik als Lehrfach an der Akademie gestrichen wurde. Nun steht der Inhaber einer Stelle ja als Beamter unter Natur-schutz. Man kann ihn nicht in Pension schicken, wenn man ihn nicht mehr braucht. Einen
„Elefantenfriedhof“, wie ihn das Militär für überflüssige Obristen im Amt für Studien hat, gibt es für zivile Dozenten nicht. Schnorbusch muß also lehren, obwohl es nichts mehr zu lehren gibt. Das wäre niemandem aufgefallen, wenn nicht anläßlich einer STAN-Verhandlung, wo die „Stärke und Ausrüstungs-Nachweisung“ für die Akademie neu festge-setzt wurde, jemand
den Fragebogen des Dozenten gelesen hätte. Dort stand in der Spalte „Unterrichtsstunden“ eine 11 und daneben als Vorbereitungszeit dafür 1.520 Stunden pro Jahr. Und das machte die Kommission stutzig. Sch.mußte auf „Allgemeine Führungslehre“ umgeschult werden.
Seine pädagogischen Leistungen sind zum Verzweifeln. Aber er muß bleiben, bis er 65 ist, während ich mit 57 Jahren gehen soll, obwohl meine Leistungen weit besser sind. Natürlich ist man in meinem Alter auf der Brücke eines Schnellbootes überfordert. Aber warum Mari-neoffiziere acht Jahre früher gehen müssen, als Beamte im gleich Job, ist unbegreiflich.

Ein Orginal ist unser Fregattenkapitän M., ein verbissen dreinblickender Dozent mit Bürsten-haarschnitt, den die Lehrgangsteilnehmenr „Ajatolla“ nannten. Damals hatte die Marine als Sommeruniform für ihre Offiziere ein kurzärmeliges Hemd, das mit offenem Kragen getragen wurde. Heer und Luftwaffe trugen ihre farbigen Oberhemden mit Schulterstücken und Kravatte. Dem Ministerium war es ein Anliegen, die Uniformen der Teilstreitkräfte einander anzugleichen. So erhielt auch die Marine ein langärmeliges weißes Hemd, das man mit Schulterstücken und schwarzer Kravatte im Dienstzimmer trug, „um der Verbundenheit der Marine mit der Arbeiterklasse Ausdruck zu verleihen“, wie wir dazu sagten.
Natürlich zog man sein Jacket drüber, wenn man zu Tisch ging. Nicht so Fregattenkapitän M.. Wir nahmen gelegentlich in kleinem Kreise der Marineoffiziere unsere Truppenverpflegung an weiß gedecktem Tisch mit Kerzenbeleuchtung ein. Gegessen wurde wie im Speisesaal, nur etwas förmlicher. An diesen Tisch tritt nun unser Ajatolla im Hemd. Er nimmt Platz, stellt fest das die Suppe schon aufgedeckt ist, nimmt den Schöpflöffel und sagt leutselig: „Na dann können wir ja anfangen zu essen!“ Mit gerunzelter Stirn erlaube ich mir als Dienstältester die Feststellung: „Wenn sie jetzt auch noch ihr Jackett anhätten, dann könnten wir sogar anfangen zu speisen!“ Wir waren halt durch den ständigen Umgang mit uns selber etwas verwöhnt in der Marine!
General Graf Baudissin, der Vater der „Inneren Führung“ ist unter die Friedensforscher ge-gangen, wo er ein einschlägiges Institut leitet. Natürlich ist es ihm ein Anliegen, seine Ge-danken über Konfliktvermeidung auch an der höchsten Lehranstalt der Bundeswehr zu ver-breiten. Er steht wie ein Prediger am Katheder und beendet seinen Vortrag mit dem Appell an die jungen Hauptleute, sie seien doch Experten des Kriegshandwerks und sollten als erste bereit sein,die Uniform auszuziehen, wenn denn dies eines Tages dem Frieden dienen würde . Kein Beifall! Peinliches Schweigen. Endlich wenigstens eine Wortmeldung. Ein Hautmann steht im Auditorium auf, und erwartungsvoll erteilt der Redner ihm das Wort.:
„Herr General, würden sie mir zustimmen, daß man diese These mit der Pension eines
Generalleutnants eher vertreten kann, als ein Berufssoldat im Range eines Hauptmanns?“
Jetzt gibt es akademisches Klopfen auf die Pulte. Gekränkt verläßt der Friedensforscher den Saal. Von weiteren Auftritten in der Führungsakademie habe ich nicht gehört.



Es ist Herbst 1980 und meine Zeit in der Marine nähert sich dem Ende. Ich werde zum Abtei-lungsleiter Ausbildung, Lehre, Forschung, einem Brigadegeneral befohlen. Er hat sich vorge-nommen, zu meiner Verabschiedung ein paar aufbauende Worte an mich zu richten. Als ich Platz genommen habe, erzählt er mir, wie sehr er meine Situation versteht, mangels Planstelle ohne die verdiente nächste Beförderung in Pension gehen zu müssen. Und dann beklagt er lang und breit, wie tief es ihn verletzt, daß auch er als Brigadegeneral gehen muß, obwohl er sich doch alle Chancen für den Generalmajor ausgerechnet habe. Mir kommen fast die Trä-nen! So leid tut mir der Ärmste. Und ich freue mich, unbelastet von solchen Sorgen, auf mei-ne Pension als Fregattenkapitän. Am liebsten hätte ich mich mit den Worten verabschiedet: „Kopf hoch, Herr General, wir werden schon beide irgendwie durchkommen !“

Am 30. September ist mein letzter Tag in der Marine. Außer mir scheidet noch ein Oberst des Heeres aus, der total frustriert ist, weil man ihn nicht mehr hat General werden lassen. Wir begegnen uns am Kasernentor. Ich natürlich in Uniform, er schon in Zivil. Wie ein geprügelter Hund schleicht er sich mit seinem Privatgepäck aus der Kaserne.
Ich scheide ohne Groll, aber natürlich ist es schwer einen Beruf, der einem zum Lebensinhalt geworden ist, aufgeben zu müssen. Jetzt gilt es würdig Abschied zu feiern. Ich habe alle
meine Kameraden zu einem angereicherten Mittagessen im Kasino eingeladen. Es wird ein Glas Wein gereicht und man sagt mir ein paar Nettigkeiten in den Reden. Ich bedanke mich dafür, vor allem aber für die gute Kameradschaft quer durch alle Teilstreitkräfte, die wir hier im Kreise der Dozenten gepflegt haben.
Beim Kaffee mahnt plötzlich der Fachgruppenleiter zum Aufbruch. Ich wollte eigentlich noch länger im Kreis der Freunde verweilen, aber irgend etwas scheint im Busch zu sein. Man ver-wickelt mich in ein Gespräch, während die Offiziere das Lokal vor mir verlassen und zum Ausgang des Kasinos streben. Ich gehe zur Garderobe, um meine Mütze zu holen Als ich aus dem Hause trete, sehe ich als erstes eine große Yacht vor der Treppe auf dem Trailer stehen. Die Kameraden bilden Spalier und ich darf das Segelboot besteigen. Dazu bläst ein Trompeter das Signal „Front nach Steuerbord“, das eigentlich nur einem Admiral zusteht
Beim Einsteigen in die Yacht erklingt der Ruf „Seite“ und dazu der Pfiff auf meiner geliebten Bootsmannsmaaten-Pfeife. Es ist fast so, wie wenn ein Kommandant von Bord geht und sei-ne Offiziere ihn im Kutter an Land pullen.
Während ich am Ruder Platz nehme, fassen meine Kameraden zu. Langsam beginnt die Yacht in Richtung Hauptausgang zu rollen, geschoben von Fachgruppenleiter und Offizierkorps. Es ist ein stolzes Gefühl, so einen „Großen Bahnhof“ bei der Verabschiedung zu bekommen.
An der Hauptwache steht ein Bundeswehr-Bus . Beim Umsteigen von der Yacht wird wieder Seite gepfiffen. Da ich mit der Fahrgemeinschaft hergekommen bin, kann ich unbeschwert im Bus weiterfahren. Alles steigt ein. Ein Kasten Bier und eine Flasche Bommerlunder sind an Bord, und so geht es fröhlich an die Elbe.
Dort liegt ein Verkehrsboot des Marinestützpunktkommandos. Man hat extra ein paar Reser-visten aufgetan, die das Boot auf die andere Elbseite steuern sollen. Am Heck weht die Bun-desflagge, unter der ich jetzt 19 Jahre gefahren bin. Der Bommerlunder ist eiskalt und läßt keine Rührung aufkommen. Die letzte Fahrt als Marineoffizier! Längst sind die Fregatten „Brommy“ und „Hipper“ , auf denen ich zur See fuhr, verschrottet. Die Kriegsgeneration kann abtreten, die jungen Marineoffiziere wachsen in unserer Tradition auf und machen ihre Sache gut. Schluß mit den Gedanken an die schöne Vergangenheit. „Prost, Herr Kapitän“ Ein letzter „Kurzer“ wird nach dem U-Boots-Trinkspruch gekippt: „Auf Tauchstationen! Fluten!“
Anlegen in Cranz auf der anderen Elbseite. Wieder die „Seite“, als ich von Bord gehe.
„Auf unseren scheidenden Kapitän ein dreifaches Hurra! Hurra! Hurra!“ Ich stehe gerührt auf dem Anleger, die Hand zum Gruß an der Mütze.
An der Pier parkt ein Dienstwagen, der mich vor die Haustür bringt. An alles haben die Kame-raden gedacht. Mir fällt der Oberst ein, der heute am Morgen in Zivil aus der Kasernenanlage schlich. Meine Verabschiedung war doch etwas würdiger!
Am Abend habe ich meine Segelschüler und die Familie ins Offizierkasino Fischbeck einge-laden, wo ich jetzt Mitglied bin. Ich feiere hier noch einmal in Uniform meinen Einstieg in die Zukunft als Segellehrer und Seminarleiter. Mein Fachgruppenleiter hat mir noch angeboten, einige meiner Vorträger weiterhin an der Akademie zu halte. Mir stünde dann ein Honorar von 100.- DM für die Stunde zu. Das klingt gut. Und natürlich laufen meine Vorträge beim Ver-fassungsschutz und in den Seminaren für Segellehrer und Prüfer weiter. So beginne ich denn im Kreise meiner zivilen Freunde den Start in eine neue Zukunft.
Kurz vor Mitternacht sind wir zu Hause in der Schillerstraße 10 . Neu Wulmstorf ist unsere neue Heimat geworden, Um 24 Uhr ziehe ich ein letztes Mal den Uniformrock aus und über-gebe bei einem Glase Champagner die Marinetradition des Hauses an unseren Schwiegersohn, den U-Boots-Kommandanten Korvettenkapitän Joachim Schmidt.

Ein Wort des Dankes fehlt noch. Daß ich so ein reiches Leben bei der Marine führen durfte und trotzdem drei erfolgreiche Kinder in unserer Familie heranwachsen durften, verdanke ich meiner lieben Frau. Marineoffizier ist ein wunderbarer Beruf. Aber ohne eine opferbereite Partnerin, die es mit macht, elf mal umzuziehen, oft allein zu bleiben, den Beruf aufzugeben und für die Kinder da zu sein, läuft es nicht. Ich habe das Glück gehabt mit meiner Helma so eine Frau zu finden. Ohne sie und unsere Liebe wäre mein Marineleben nicht so verlaufen.
Was bleibt, ist das Bewußtsein, in einer Zeit, wo ringsherum alle Werte kippen, eine
Gemeinschaft erlebt zu haben, in der Anständigkeit, Bescheidenheit, Unbestechlickeit und
Kameradschaft noch weiterleben: