Leseproben aus dem Buch "Opa da lachst du auch

Vorbemerkung
Herzliche Glückwünsche an die Redakteure des Trierischen Volksfreundes deren Schlagzeile: „Weniger Menschen, immer mehr Senioren !“ mich inspiriert hat, dieses nicht ganz ernst gemeinte Buch zu schreiben. Endlich werden wir Senioren als eigene Gattung anerkannt. Dass die Naturwissenschaftler mich als Säugetier einstufen, habe ich schon in der Schule gelernt. Ich musste erst 84 werden, um zu erfahren, dass die Stufenfolge vom Affen über den Neandertaler zum Menschen in der Untergruppe der Senioren gipfelt. Der Senior als Weiterentwicklung des Menschen, das hat doch was! Und im Gegensatz zur Gruppe der Menschen sind wir nicht vom Aussterben bedroht sondern haben als eigenständige Art Zuwachsraten, von denen die Wirtschaft nur träumen kann. Solche und andere höchst aktuelle Randbemerkungen zur Spezies der Senioren habe ich gesammelt und zu diesem Band verarbeitet. Mein unerreichbares Vorbild beim Schreiben dieser Satiren war der Humor von Ephraim Kishon. Der schrieb seine Bücher auf hebräisch und ließ sie von einem lustigen Vogel ins Deutsche übersetzen, wobei er selber zugab, dass seine Satiren oft dadurch erst den letzten Pfiff bekamen. Leider kann ich weder hebräisch noch verfüge ich über einen so erstklassigen Übersetzer. Man wird von mir auch nicht erwarten, dass ich mit 84 Jahren noch geistreich zu schreiben vermag. Aber mein Ziel wird durch die Wahl dieses Vorbildes vielleicht deutlich: Ich will so dick auftragen, dass auch der anspruchslose Leser irgendwann merkt, dass alles frei erfunden und nichts ernst gemeint ist, worüber hier gelacht werden darf.

Naturwissenschaftliche Grundlagen

Die neue Gattung

Bekanntlich ordnet die Zoologie uns Hominiden den Säugetieren zu. Die nächsten Verwandten in dieser Gruppe sind neben dem homo sapiens die Schimpansen, die sich nur durch zwei läppische Gene von uns unterscheiden. Durch eine sensationelle Entdeckung in Trier ist nun zu der Gruppe Mensch die Spezies der Senioren hinzugekommen, die die Wissenschaft als neue Gattung Homo sapiens senioris den Hominiden zurechnet. Idee für Karikatur: Umzeichnen mit Senior an der Spitze Hier seien einige hervorstechende Merkmale der neuen Art aufgeführt: Der Homo sapiens senioris durchläuft eine Aufwuchsphase von etwa 60 Jahren. Phänomenal dabei ist, dass die Art sich dann zwar nur noch selten konventionell vermehrt, sich aber ständig wachsender Bestände vor allem in europäischen und nordamerikanischen Revieren erfreut. Der Homo sapiens senioris ist also allenfalls in Entwicklungsländern eine bedrohte Art. Er bedarf in unsere Breiten keiner Schonzeit, um als Spezies zu überleben. Und so steht er also auch nicht auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohter Fauna. Männchen und Weibchen bevorzugen den aufrechten Gang, wenn auch in etwas vornübergebeugter Haltung. Nicht selten stützen sie sich dabei auf den aus der Frühzeit als Waffe bekannten Stock, tragen ihn aber heute in friedlicher Absicht. Zu den Ernährungsgewohnheiten der Art gehört die reichliche Einnahme von Tabletten. Als Besonderheit darf auch gelten, dass dritte Zähne relativ oft vorkommen, wenngleich sie bei Begegnungen nicht leicht zu erkennen sind. Diese sind unentbehrlich, weil proteinhaltige Nahrung und Rohkost ja funktionsfähige Kauwerkzeuge verlangt. Ein Kostverächter ist der Senior nämlich nicht. Einige Sinne sind beim Homo sapiens senioris noch voll da. Nur das Gehör und die Sehschärfe sind nicht mehr so hundertprozentig, wie sonst bei Jägern und Sammlern. Dafür sind Geschmack und Geruchssinn durch ständige Aufnahme von edlen Speisen und Weinen noch gut entwickelt. Und wer sich nur noch durch Älterwerden vermehrt, kann gewisse Einschränkungen im Triebleben entbehren. Senioren und Seniorinnen sind eine gehobene Gruppe, verglichen mit der Spezies Mensch, die für ihren Unterhalt sorgt. Man kann das vielleicht mit dem Adel vergleichen. Während der Großgrundbesitzer einst von seinen Bauern ernährt wurde, lebt der Homo sapiens senioris von einer Leibrente, die ihm die arbeitende Bevölkerungsgruppe erwirtschaftet. Aber das ist in der Natur nicht ungewöhnlich. Ganze Bienen- und Ameisenvölker haben nur eine Aufgabe, Honig oder Insekten als Futter für ihre Larven herbeizuschaffen. Da es den jungen Menschen zu lästig geworden ist, eigenen Nachwuchs aufzuziehen, ernährt man eben seine Rentner in Gestalt der Senioren und Seniorinnen. Die Weibchen der Gattung haben eine deutlich höhere Lebenserwartung als die Männchen. Dies führt zu einem Frauenüberschuss in Seniorenresidenzen. Revierkämpfe der Weibchen um ein einziges männliches Exemplar sind also in Altersheimen keine Seltenheit. Bei pflegebedürftigen Seniorinnen und Senioren bevorzugt das Personal die Wir-Anrede. „Wollen wir jetzt ins Bett gehen“ oder „möchten wir vorher vielleicht noch aufs Klo?“ sind Formulierungen, über die mancher sich vergeblich freut. Auszurotten sind sie nicht! Seien wir also dankbar, dass die Senioren entdeckt worden sind führen wir uns in den folgenden Beiträgen ein paar schrulligen und vergnüglichen Erlebnissen mit diesen liebenswerten Zeitgenossen zu Gemüte. 

Senioren leben länger als Menschen

Eine besondere Eigenart der Senioren ist es, dass sie deutlich länger leben, als der durchschnittliche Mensch. Wer einmal sechzig Jahre alt geworden ist, hat eine statistische Lebenserwartung von 85 Jahren, wer achtzig geworden ist, den bekommt die Medizin wahrscheinlich erst mit 90 unter die Erde. Und das bei einer Lebenserwartung von 76,6 für den heute geborenen jungen Menschen männlichen Geschlechtes. Da fragt man sich natürlich, wie das denn sein kann. 76,6 ist bekanntlich ein Durchschnittswert. In das Durchschnittsalter aller Menschen fließen die Kindersterblichkeit ebenso wie die Todesfälle von Raucherkrebs und Herzinfarkt ein, die gehäuft zwischen 50 und 60 passieren. Beim Homo Sapiens senioris wird der Mittelwert aus einer Gruppe gebildet, die zumindest der Kindersterblichkeit nicht mehr unterliegt. Und die riskanten Jahre vor 60 hat unsere Spezies ja auch heil hinter sich gelassen.
Vertrauen wir also bei der Untersuchung der Langlebigkeit auch hier der Naturwissenschaft, die die in Trier entdeckte neue Art erforscht.
Da fällt uns zunächst ins Auge, dass es sich bei uns Senioren um besonders robuste Exemplare halten muss, wenn wir bis zur Metamorphose vom Mensch zum Senior die ärztlich Kunst bereits 60 Jahre in Anspruch genommen und immer wieder überlebt haben. So wie der Frosch im Märchen sich durch Metamorphose in einen Prinzen verwandelt, wird aus dem arbeitenden Wesen niederer Stufe, der mit 75 ins Graß beißen müsste, auch ohne den märchenhaften Kuss einer schönen Prinzessin ein neues Wesen mit einer Lebenserwartung von 85 Jahren.
Ein Rentner ist auch als Mensch besonders widerstandsfähig gegen die Einflüsse von Nikotin und Alkohol gewesen.
In seinem Leben galt der Vers:
Des Menschen ärgste Feinde wohl Sind Nikotin und Alkohol! Doch in der Bibel steht geschrieben man soll seine Feinde lieben.
Wer sich ein Menschenleben lang in diesem Sinne an die heilige Schrift gehalten hat, und dank guter Konstitution Rauchen und Trinken ohne Schäden überdauert hat, wird Senior und damit ein länger lebender Hominide.
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Ein Senior ist sich dessen bewusst, dass - er so gesehen - ein Produkt der natürlichen Auslese ist, die in freier Wildbahn nur den Stärksten überleben lässt. Im stolzen Glauben an unsere robuste Natur genießen wir es, uns von berufstätigen Menschen als Rentner und Pensionäre ernähren zu lassen. Wir freuen uns darüber, dass wir das sehr lange in Anspruch nehmen können, weil wir länger leben als Menschen. Und sind wir einmal achtzig geworden, lassen wir uns von den Statistikern gerne unsere neue Lebenserwartung attestieren:
Achtziger werden im Durchschnitt auch noch neunzig Jahre alt ! Und das ohne Rücksicht darauf, ob auch dann noch genügend Menschen Arbeit haben, um uns Senioren den verdienten Ruhestand bezahlen zu können.
Übrigens, es gibt Statistiken, in denen Senioren überhaupt nicht vorkommen. So fand ich eine interessante Auflistung über die Paarungsgewohnheiten der verschiedenen Altersgruppen. Sie sind sehr unterschiedlich und es war zu befürchten, dass wir Deutschen wie bei Pisa auch hier nicht zu der Spitzengruppe gehören. Man erwartet ja nicht, mit den Bonobos verglichen zu werden aber Frustration ergriff mich, als ich feststellen musste, dass die Tabelle bei 75 Jahren endete! Dabei hatte ich gerade gelesen, dass ein Millionär mit 82 Jahren noch eine Zwanzigjährige geschwängert habe. Auf Befragen meinte mein Urologe, mit einer Zwanzigjährigen könne mir das auch passieren. Na ja, mag ja sein, aber für meine Altersgruppe gilt wohl eher die Erfahrung, dass die Anziehungskraft der Erde stärker ist, als die der Frauen!

Die Untergruppe der Senioren Ost

Die Untergruppe der Senioren Ost
Eine besonders liebenswerte Untergruppe der Senioren hat sich in einem lange Jahre durch einen antifaschistischen Friedenswall geschützten Reservat entwickeln können. Während wir uns mit Coca-Cola, Kaugummi und Fastfood verwestlichen ließen, wurde diese Spezies viele Jahre an gesunde Genügsamkeit gewöhnt. Sie zählte sich glücklich, in einem Arbeiter-und Bauernstaat vor den Einflüssen des Kapitalismus abgekapselt zu sein. Man war stolz darauf, dass die Arbeiterklasse (in Gestalt ihrer hervorragendsten Vertreter) Sekt und Kaviar zu ihren bevorzugten Speisen und Getränken machen konnte. Der dortige Senior lernte auf so krumme Dinger wie Bananen zu verzichten und stand geduldig vor der HO für ein paar Apfelsinen in der Schlange. Die Zeiten sind Gott sei dank vorbei!


Nach der Wiedervereinigung musste sich dieses scheue Wesen erst langsam an den kapitalistischen Dschungel gewöhnen. Man ließ sich seinen ersten Urnengang zu einer freien gesamtdeutschen Wahl durch eine Währungsumstellung versüßen, bei der man den fünffachen Wert für seine Ostmark in der Westwährung DM bekam, und wählte dafür am Anfang auch dankbar die Partei seines neuen Kanzlers. Man beklagte sich nicht, als auch die Rente auf das bisher verachtete Westsystem umgestellt wurde und empfand keinen Groll, als man dabei besser abschnitt, als die Schwestern im Westen, die mangels Kitas weniger Beiträge hatten einzahlen können. Allerdings hatte der große Kanzler nicht erwartet, dass die neue Wohltäter-Partei nur vorübergehend aus Dank dafür mit Stimmen bedacht würde. Der Wähler schwenkte schon bald aus Nostalgie zu seinen Genossen zurück, die ihn in seinem Reservat so fürsorglich vor ungesundem Wohlstand bewahrt hatten.
Eine Besonderheit des Homo sapiens senioris ossi, wie der Naturforscher diese Untergruppe nennt, ist seine Reiselust. In der Türkei und in Spanien lernen die Kellner die Seniorensprache Ost, das Sächsische, und auf Kreuzfahrtschiffen gibt es dank der Reisefreudigkeit unsere Brüder und Schwestern kaum noch Plätze in der Hauptsaison.
Aber wir gönnen ihnen alles, denn wer von uns wollte schon so eine Zeit von über 40 Jahren in der Abgeschiedenheit eines Reservates gegen das Leben eintauschen, das wir westlichen Senioren in Freiheit genießen durften. Ein weiser Mann hat einmal gesagt, wer mit 18 kein Kommunist ist, hat kein Herz, aber wer es mit 80 noch ist, hat keinen Verstand. Also ist zu hoffen, dass mit zunehmender Zahl der über achtzig Jahre alten Senioren sich auch wieder bei den Wahlen Weisheit bemerkbar machen könnte .